Albenrezension: Yo La Tengo

Leise Töne in Zeiten hitziger Debatten

Seit mittlerweile über 30 Jahren steht die Gruppe Yo La Tengo für ruhigen, verschachtelten Indie-Rock. Dass die Amerikaner nun mit "There's A Riot Going On" zum Aufstand aufrufen sollten, erscheint als ein sehr befremdlicher Gedanke.
Yo La Tengo
Die Indierock-Urgesteine Yo La Tengo

1971 ist in Amerika vom „Summer of Love“ nicht mehr viel zu spüren. Die Proteste gegen den Vietnamkrieg halten seit Jahren an. Die Black Panther Bewegung kämpft erbittert gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung. Insassen im Gefängnis Attica starten einen Aufstand, der blutig niedergeschlagen wird. Die Unzufriedenheit über die bestehenden Verhältnisse ist klar zu spüren. Im November 1971 veröffentlichen Sly and the Family Stone das Album „There’s a Riot Goin On?“, dessen Titel sich als die kämpferische Antwort auf Marvin Gayes Meisterwerk „What’s Goin On?“ versteht, das einige Monate vorher herausgekommen war. Das Ergebnis ist ein düsteres Album, das heute zurecht als Meilenstein der Musikgeschichte gilt.

Revolution und Yo La Tengo - Eine ungewohnte Liaison

Dass sich nun ausgerechnet Yo La Tengo auf Sly and the Family Stone berufen soll, sorgt zunächst für Befremdung. In ihrer mittlerweile über dreißigjährigen Karriere hat sich die Band mit ihrem verschachtelten, zurückgenommenen Indie-Rock eine treue Fangemeinde aufgebaut. Revolution war im Soundkonzept von Yo La Tengo bisher ebenso wenig vorgesehen wie Funk.  

Und in der Tat scheint die Musik des Albums im krassen Gegensatz zum kämpferischen Titel zu stehen. Offen nach außen getragene Wut wird man auf diesem Album nämlich wenig finden, genauso wie revolutionäre Parolen. Stattdessen überwiegt auch auf dem mittlerweile fünfzehnten Album der komplexe, introvertierte Sound, den die Fangemeinde so an der Band schätzt.

Rückzug ins Private

„There’s a Riot Going On“ bietet kaum einzelne Höhepunkte. Vielmehr ist das Album von einem einheitlichen Sound geprägt, der die einzelnen Songs leider teilweise etwas beliebig erscheinen lässt. Zudem erfordert der dichte, langsame Charakter der Musik ein genaues Hinhören, um sich nicht in den Ambient-Landschaften zu verlieren. Über die doch recht lange Spieldauer von über einer Stunde hinweg ist das teilweise sehr anstrengend.

Wem dies jedoch gelingt, dem bietet sich ein introvertiertes, träumerisches Album, dass zum Innehalten und Nachdenken einlädt. Wenn Künstler wie Kendrick Lamar oder Run the Jewels die Musik für die Revolution schreiben, so bietet Yo La Tengo den Soundtrack für den Morgen danach. Yo La Tengo begegnet der aufgeheizten Stimmung unserer Zeit, die Viele so beunruhigt, mit bewusster Zurückhaltung. Und vielleicht sind Langsamkeit und die Besinnung auf sich selbst ja gar nicht das schlechteste Rezept in einer desintegrierenden Welt.  

 

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Moritz Fehrle
23.03.2018 - 12:40
  Kultur

Yo La Tengo: There's A Riot Going On

Tracklist:

1. You Are Here

2. Shades of Blue

3. She May, She Might

4. For You Too

5. Ashes

6. Polynesia #1

7. Dream Dream Away

8. Shortwave

9. Above the Sound

10. Let's Do it Wrong

11. What Chances Have I Got

12. Esportes Casual

13. Forever

14. Out of the Pool

15. Here You Are

Erscheinungsdatum: 16.03.2018
Matador

Yo La Tengo sind dieses Jahr auch live in Deutschland zu sehen

07.05 - Berlin

08.05 - Köln

17.05 - Schorndorf

26.08 - Hamburg