Stadt teilen: Reudnitz

Leipzigs Kohlköpfe

Ohne Reudnitz hätten die Leipziger im Mittelalter weniger Kohl gegessen. Denn das Dorf lieferte tonnenweise Gemüse in die Stadt und später sogar bis nach Dresden. Doch im 19. Jahrhundert sollte sich das radikal ändern.
Postkarte mit der Eisenbahnstraße
Eine Postkarte von 1925 mit Blick auf die Eisenbahnstraße in Richtung Innenstadt.

Von der Straße aus sieht man ihn kaum, besonders nicht, wenn man in einem der vielen Autos sitzt, die hier vorbeirauschen. Büsche verbergen ihn. Von den grünen Hügeln hätte man bessere Sicht, aber die Menschen dort lümmeln auf der Wiese und interessieren sich nicht für den rotbraunen, mannshohen Klotz aus Stein. “Das ist ein Denkmal für Rudolf Bromme, oder auch Brommy genannt. Er wurde in Anger, also im ältesten Teil von Reudnitz, geboren. An dieser Stelle stand sein Geburtshaus”, erzählt der Historiker Markus Cottin. Brommy? Nie gehört. Dabei ist Brommy ein großer Sohn von Reudnitz. Brommy fuhr zur See, bekämpfte die Osmanen in den 1820ern, und wurde 1848 Admiral der ersten deutschen Flotte.

Der Schmutz der Maschinen

Und Reudnitz? Gehörte damals noch nicht zu Leipzig, sondern war eines von vielen Dörfern, die um die Eingemeindung buhlten. Das hätte ihnen viel gebracht: Gaswerke, Schulen, bessere Verkehrsanbindung, einen höheren Lebensstandard. Aber die Stadt wehrte sie ab. “Man war der Meinung, dass das nur Probleme bringt”, sagt Beate Berger, Direktorin des Leipziger Stadtarchivs. “Die Vororte waren oft arm. Reudnitz war ein Industrievorort und man wollte die Industriearbeiter nicht als Bürger in Leipzig haben.”

Industrie in Reudnitz, das bedeutet: eine Fabrik für Nähmaschinen, das Brauhaus, etliche Druckereien. Und natürlich: die Eisenbahn. Ihre Schienen führten mitten durch Reudnitz. Der Name der Eisenbahnstraße erinnert noch heute daran. Die Bahn brachte Arbeit, aber auch Schmutz. Beate Berger erinnert: “Das waren alles Dampflokomotiven. Dadurch wurde Reudnitz schwarz, die Dorfidylle war zerstört.”

Kohl für die Stadt

Moment, welche Dorfidylle? Dass in Reudnitz Bauern lebten, kann man sich heute kaum noch vorstellen. In den Straßen drängt sich Haus an Haus, viele mit vier oder mehr Stockwerken. Es sind Häuser der Gründerzeit. Eine Kuh würde hier keinen Platz finden. Aber mancher Straßenverlauf offenbart einem seine Herkunft. Schließlich sind viele alte Dorfstrukturen noch erhalten. Sie haben sich eingeschrieben ins Leipziger Straßensystem wie Spuren vergangener Zeiten. Markus Cottin kann sie lesen. “Wir gehen jetzt ein Stück ab von der Hauptstraße, der Dresdner Straße, die ja direkt nach Leipzig führt. Wir kommen auf die eigentliche Dorfstraße von Reudnitz, die Kohlgartenstraße. Die verabschiedet sich von der Hauptstraße mit einem geschwungenen Verlauf.” Fernstraßen, wie die Dresdner Straße, sind also gerade. Dorfstraßen verlaufen krumm und schief. Die Kohlgartenstraße heißt übrigens so, weil die Bauern dort ihr Gemüse transportiert haben. Sie brachten es in die Stadt. Zwar haben die Bauern nicht nur Kohl gebracht. Dennoch bürgerte sich der Name “Kohlgarten” ein. “Man hat das abwertend so genannt”, sagt Beate Berger. Den Dünkel der Städter gegenüber dem Dorf gab es also schon damals.

Ein Garten voller Kuchen

Und für noch etwas war das Dorf Reudnitz für die Städter schon damals zu nutze: Für den Ausflug am Wochenende. Die Leipziger gingen aufs Dort und genossen die Landluft. Darum eröffneten in Reudnitz einige Ausflugslokale. Das Berühmteste war der große Kuchengarten. Dort ging sogar Johann Wolfgang Goethe ein und aus und schrieb ein Gedicht darüber - die “Ode an den Kuchenbäcker Hendel”. Darin ahmt er die schwülstigen Gedichte seines Professors Christian August Clodius nach. Hier der Anfang

O Hendel, dessen Ruhm vom Süd zum Norden reicht,

Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt!

Du bäckst, was Gallier und Briten emsig suchen,

Mit schöpfrischem Genie, originelle Kuchen.

Des Kaffees Ozean, der sich vor dir ergießt,

Ist süßer als der Saft, der vom Hymettus fließt.

Das Gedicht kritzelte Goethe mit Bleistift an eine Wand im Kuchengarten. Die ist nicht mehr erhalten, sowie der ganze Kuchengarten nicht mehr zu sehen ist. An seiner Stelle stehen Mietshäuser. Zur frischen Landluft müssen die Leipziger heutzutage weiter pilgern.

 

Karte: Reudnitz in alten Bildern

Reudnitz in alten Bildern

Sehen und hören: Rundgang durch das historische Reudnitz mit Markus Cottin

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Galerie: Reudnitz in alten Bildern

 

Kommentare

Ist ja ein netter Reudnitz-Artikel.
Aber, ...
1. Wisst ihr eigentlich, wo Reudnitz wirklich liegt? "... die Eisenbahn. Ihre Schienen führten mitten durch Reudnitz. Der Name der Eisenbahnstraße erinnert noch heute daran." ??? Die Eisenbahnstraße verläuft durch Neustadt-Neuschönefeld und den östlich angrenzenden Stadtteilen. Früher gab es mal eine Verbindungsbahn vom Dresdener zum Bayerischen Bahnhof und den Eilenburger Bahnhof. Das ist Reudnitzer Areal.
2. "... mannshohen Klotz aus Stein. “Das ist ein Denkmal für Rudolf Bromme, oder auch Brommy genannt. Er wurde in Anger, also im ältesten Teil von Reudnitz, geboren." ??? Anger ist kein Teil von Reudnitz, heute Anger-Crottendorf.
3. "Die Kohlgartenstraße heißt übrigens so, weil die Bauern dort ihr Gemüse transportiert haben. Sie brachten es in die Stadt. Zwar haben die Bauern nicht nur Kohl gebracht. Dennoch bürgerte sich der Name “Kohlgarten” ein. “Man hat das abwertend so genannt”, sagt Beate Berger." ??? Nein in den Kohlgärten wurde wirklich Kohl angebaut. Das war eine fruchtbare Gegend im damaligen Rietzschketal und das Gemüse wurde bis nach Dresden gehandelt und war sehr begehrt.
4. "Ausflugslokale. Das Berühmteste war der große Kuchengarten. Dort ging sogar Johann Wolfgang von Goethe ein und aus und schrieb ein Gedicht darüber, die “Ode an den Kuchenbäcker Hendel”. ??? Goethe war damals noch Student und hatte noch kein "von" im Namen.

Grüße und ein bisschen besser recherchieren - ich geb' mir ja auch Mühe im BLOG "wortblende"

Lieber Wortblende-Blogger oder -Bloggerin,

haben Sie vielen Dank für Ihre Kritik! Sie haben den Artikel offensichlich aufmerksam gelesen und mitgedacht - solche Leser brauchen wir! Trotzdem möchten wir Ihre Kritik - zumindest nicht vollständig - so stehen lassen.
Reudnitz war nämlich bis ins 15. Jahrhundert noch wesentlich größer als das Areal, das es heute umfasst. Unter anderem gehörte auch Anger-Crottendorf dazu. Es hieß Alt-Reudnitz und war sogar der Stadtkern. Darum ist uns die Erwähnung des Bromme-Denkmals, das an eben dieser Stelle steht, so wichtig. Das erklärt auch der Historiker Marcus Cottin in dem Video ab 2:10.
Weiterhin gehörte selbst das Gebiet um die Eisenbahnstraße zu Reudnitz, bis im Jahr 1992 der gesamte Teil von Reudnitz, der nördlich der Dresdner Straße lag, dem Stadtteil Neuschönefeld zugeordnet wurde.
Letztlich hätte eine Karte, die das ursprüngliche Areal von Reudnitz zeigt, diesem Missverständnis vorbeugen können. Wir hoffen aber, dass wir das so aus der Welt räumen könnten.
Zur Einschätzung von Stadtarchivdirektorin Beate Berger - sie hat die Autorin des Artikels ganz bewusst so zitiert und beruft sich somit auf die Einschätzung einer angesehenen Historikerin. Sicher mögen manche Historiker ihr widersprechen - hier liegt aber keine schlechte Recherche vor.
Und zuletzt der Goethe: Da haben Sie natürlich recht. Goethe war damals noch kein "von". Wir haben das umgehend korrigiert.

Mit freundlichen Grüßen und bleiben Sie uns treu!

Ihre mephisto-Redaktion

@Paula Kittelmann Bitte mal in meinen BLOG schaun, da geht es hauptsächlich um die Geschichte der Leipziger Ost-Vorort. Es war nicht alles Reudnitz - lest mal im Otto Moser: Chronik von Reudnitz, Verlag Max Hoffmann, 1890 (digital SLUB). Vielleicht sollten wir uns zu diesem Thema mal treffen ....?
Grüße von wortblende

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Felicitas Förster
26.06.2015 - 13:26

Fotos: Felicitas Förster/Stadtarchiv Leipzig/Stadtgeschichtliches Museum Leipzig: stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de, CC BY-NC-SA 3.0 DE