Rotes Sofa: Isabelle Lehn

Depressiv, exzessiv und weiblich

Sie ist Mitte 30, Schriftstellerin, strebt nach dem Glück und glaubt doch fest an ihr eigenes würdevolles Scheitern. In dem Buch "Frühlingserwachen" erzählt Isabelle Lehn die unverhüllte Geschichte einer Frau namens Isabelle Lehn.
Isabelle Lehn beim Interview
Isabelle Lehn im Gespräch bei der Buchmesse

Das Gespräch zum Nachhören:

Redakteurin Finný Anton im Gespräch mit der Autorin Isabelle Lehn
Isabelle Lehn Buchmesse

Wie jedes Jahr, wenn es draußen wärmer und der Winterschlaf beendet wird, die Blumen sprießen und der Frühling erwacht, sträubt sich ihr Körper gegen jegliche Form des Auflebens. Er juckt, blutet, stinkt, ist antriebslos und seine Hormone spielen verrückt. Isabelle Lehn ist depressiv, in Therapie, Schriftstellerin mit immer wiederkehrenden Schreibblockaden und kann keine Kinder bekommen. Zugleich dient sie als Protagonistin für das Buch "Frühlingserwachen" der gleichnamigen Autorin.

Müde, erneut dieses Leben zu führen

Isabelle Lehn malt in ihrem zweiten Roman das Bild einer Frau, die ihr Heimweh nach neuen Anfängen und einem neuen Ich müde ist. Diesen so oft wiederkehrenden Wunsch nach einem Neustart untermalt die Protagonistin in ihrem Roman mit den Worten von Max Frisch.  

Ich ging, schreibt Max Frisch in "Bin oder die Reise nach Peking": "Ich ging in der Richtung einer Sehnsucht, die weiter nicht nennenswert ist, da sie doch, wir wissen es und lächeln, alljährlich wiederkommt, eine Sache der Jahreszeit, ein märzliches Heimweh nach neuen Menschen, denen man selber noch einmal neu wäre, sodass es sich auf eine wohlige Weise lohnte, zu reden, zu denken über viele Dinge, ja sich zu begeistern, Heimweh nach ersten langen Gesprächen mit einer fremden Frau. Oh, so hinauszuwandern in eine Nacht, um keine Grenzen bekümmert! Wir werden schon keine, die uns liegt, je überspringen..." Mein Therapeut sagt: Sie entkommen sich nicht. Wir wissen es und lächeln. Er kennt sich aus mit Frisch, er hat Rilkes Malte gelesen und weiß, was ich meine, wenn ich fürchte, dass mein Gesicht sich ablöst. 

aus "Frühlingserwachen" von Isabelle Lehn, S. 14

Die Protagonistin Isabelle gewährt den Lesenden einen episodenartigen Einblick in zwei Jahre ihres Lebens und schlängelt sich dabei durch die einzelnen Jahreszeiten. Eindrucksvoll skizziert sie ihre prägenden Momente aus dem Hier und Jetzt, teils aus ihrer Vergangenheit, teils Momente der Ektase, der Extreme oder der Teilnahmslosigkeit. Man sitzt mit ihr beim Therapeuten, verfolgt ihre manischen und depressiven Phasen, begleitet sie beim Feiern im Leipziger Nachtleben und schüttelt den Kopf bei ihren sinnlosen Seitensprüngen, mit denen sie versucht, sich von ihren Ängsten abzulenken.

Ablehnung des eigenen Körpers

Besonders eindrucksvoll beschreibt sie den Kampf mit ihrem eigenen Körper, der nicht ihren und gleichzeitig auch nicht den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen scheint. Ein Körper, der krank ist, unfruchtbar und sie ständig im Stich lässt. Offen und unverblümt zeigen sich in "Frühlingserwachen" bildhafte Szenen des Schmerzes und der Verzweiflung.

Frühlingserwachen von Isabelle Lehn

Ich sitze auf der Kloschüssel und heule vor Angst. Das Leben fließt aus mir heraus. Ich gebäre Brocken von Blut, die irgendwas mit mir zu tun haben. Mein Körper stülpt sich von innen nach außen. So darf ich nicht ohnmächtig werden, halbnackt auf der Kloschüssel hängend, so will ich nicht sterben, man soll mich nicht so finden! [...] Ich höre es hart in die Kloschüssel schlagen. Alles ist leuchtend rot, das Blut ist kräftig, und nichts wird es aufhalten können. Ich pelle mich aus den klebrigen Sachen, sitze über einem Massaker und heule.

aus "Frühlingserwachen" von Isabelle Lehn, S. 52

Zukunftsfragen und Konkurrenzkampf

Isabelle Lehn wagt sich an ungemütliche Themen und die innere Zerrissenheit einer Frau, die nicht weiß, ob sie sich einer Hormontherapie unterziehen, ein Pflegekind adoptieren oder doch allein mit ihrem Partner weiterleben soll. Zugleich scheint sie enttäuscht von ihrer bisherigen Karriere als Autorin. Auf Lesungen seit über zehn Jahren immer noch als "junges Talent" begrüßt zu werden, frustriert sie. Der eigene Vergleich mit Freunden und anderen Größen aus der Schriftstellerei wirkt unumgänglich und beeinflusst sie als stetiger Begleiter. Trotzdem verleiht die Autorin ihr ein selbstbewusstes inneres Auftreten, umgesetzt durch eine trockene Erzählweise - oftmals gespickt mit schwarzem Humor.

Mein Therapeut glaubt ohnehin, dass meine Krankheit ein Platzhalter ist. Es ist wie Reise nach Jerusalem spielen. Nur dass es keine Mitspieler gibt: Man könne nicht gerade behaupten, dass der Platz, den meine Krankheit besetzt hält, heiß umkämpft wäre. Die Lähmung wird erst verschwinden, behauptet mein Therapeut, wenn Sie wieder am Leben teilhaben werden - und nicht umgekehrt. Lassen Sie sich was einfallen. Sie haben doch Phantasie, Sie sind doch Schriftstellerin! Nein und nein, antworte ich. Was glaubt er denn, warum ich über mein Leben schreibe, in dem außer Depression nichts passiert? Weil ich so phantasiebegabt bin? Er warnt mich vor zu viel Gemütlichkeit: Ihre Krankheit sitzt viel zu bequem! Aber ich finde: lieber noch besser depressiv als gar keine Lebensentwürfe! 

aus "Frühlingserwachen" von Isabelle Lehn

Das Spiel mit der Verwirrung

In "Frühlingserwachen" schafft es Isabelle Lehn die Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion vollends verschwimmen zu lassen. Sie gibt der Protagonistin ihren eigenen Namen und lässt Isabelle aus der "Ich-Perspektive" erzählen. Beim Lesenden provoziert sie so stets die Frage "Ist das wirklich wahr?". Das Geheimnis lüftet sie jedoch nicht, erklärt sogar offen im Buch, dass die Lesenden auch ein bisschen Verwirrung ertragen können.

Sie gewährt zugleich einen Einblick in den eigentlichen Schreibprozess des Buches "Frühlingserwachen". Die Geschlechter ihrer Nebenfiguren werden beispielsweise vertauscht und ihre Freundinnen und Freunde dürfen sich selbst aussuchen, welchen Charakter sie im Buch haben möchten. Ein weiteres Element ihres Verwirrungsspiels scheint das Fehlen von Anführungszeichen zu sein. Schnelles Erkennen der wörtlichen Rede wird unmöglich und erfordert somit aufmerksames Lesen und Differenzieren, welche Sätze von Isabelle laut gesagt oder doch insgeheim gedacht werden. 

Isabelles Geschichte ist unterhaltsam und mitreißend, was durch die teils ironische, teils knochentrockene Ausdrucksweise ermöglicht wird. Im Zentrum des Romans steht dabei das Scheitern einer Frau, das trotz aller Härte des Lebens würdevoll und selbstbestimmt geschehen darf. 

Das Interview als Video:

 

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Isabelle Lehn ist Schriftstellerin, Philologin, promovierte Literaturwissenschaftlerin und 1979 in Bonn geboren. Heute lebt sie in Leipzig, wo sie als Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Literaturinstitut arbeitet. Nach ihrem mehrfach ausgezeichneten Debütroman "Binde zwei Vögel zusammen" erschien nun im Februar 2019 ihr zweites Buch "Frühlingserwachen" im S. Fischer Verlag. Die 256 Seiten sind für 21,00 € erhältlich.