Rotes Sofa: Martin Becker

Auf ein Bier! - oder sieben

Ein Jahr war Martin Becker in Prag, um die tschechische Seele zu vermessen. Und hat sich dabei zwei für einen Autoren überaus praktische Fähigkeiten bei unserem Nachbarvolk abgeschaut: Das Trinken und das Erzählen.
Redakteurin Sophia Spyropoulos im Gespräch mit Autor Martin Becker.

Den Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

Hopfen, Malz, Wasser, Hefe. Daraus besteht die tschechische Ursuppe des Erzählens. Denn gute Geschichten beginnen in der Kneipe - wo sonst sollte Martin Becker uns Leserinnen und Leser auf der ersten Buchseite also willkommen heißen, um darüber zu berichten, wie es ist, auf Kafka zu warten?

Schön, dass Sie den Weg gleich gefunden haben! Ich weiß, der Laden sieht nicht so einladend aus, aber das täuscht, das täuscht...

Hallo Prag, jemand liebt dich!

Warten auf Kafka ist (unter anderem) eine Liebesgeschichte: Mann verliert Herz. Das klingt nach Kitsch, und kitschig wäre es auch, wäre die Geliebte eine Person. Zum Glück ist es eine Stadt. Dabei hat Martin Becker sein Herz schon vor längerer Zeit an Prag verloren. So sehr, dass er die Stadt als Heimatort auf Facebook angibt. So sehr, dass Amazon seine Bücher gleichzeitig mit Reiseführern für Tschechien empfiehlt.

Wenn es gut läuft, dann werden Sie am Ende nicht nur angetrunken sein, sondern am Schluss meiner Seelenkunde auch das Herz an dieses wunderliche, wundersame Prag und Tschechien verloren haben. Das geht nämlich tatsächlich ganz schnell und exzellent.

Aber "Warten auf Kafka" ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Stadt an der Moldau. Ein Jahr hat Martin Becker dort verbracht, bevor er sich mit uns am Kneipentisch trifft. Das Ziel des Unterfangens: die Tschechische Seele zu vermessen. Und nach deren Kern sucht Martin Becker unter anderem in der Literatur. Und zwar nicht nur in der von Berühmtheiten wie Bohumil Hrabal oder Milan Kundera, sondern auch in Werken weniger bekannter Autorinnen und Autoren wie beispielsweise Lenka Reinerová.

Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte...

Mindestens so wichtig wie diese Literaturschau ist allerdings der Rahmen, in den sie eingebettet ist: Die zahlreichen kleinen Geschichten, die der Autor selbst in diesem Jahr erlebt und sammelt. Die Tschechen sind ein Volk von Erzählern, und Martin Becker tut es ihnen gleich: So gerät seine Literaturschau nicht zur drögen Bestandsaufnahme. Vielmehr ist "Warten auf Kafka" eine große, recherchierte Erzählung, gesprickt mit kleinen, persönlich erlebten Geschichten.

Die Zeit vergeht, auf der Tischplatte häufen sich die Bierringe – und daneben faltet sich nach und nach ein buntes Miniaturpanorama von Tschechien auf. Mittig die Hauptstadt mit holzgetäfelten Kaffeehäusern, verrauchten Kneipen, nebelfeuchten Pflastersteinen, ringsum die Natur – hier blitzt ein Holzfällerhemd zwischen duftigen Tannenwedeln hervor, dort pickt eine träge Taube an einem Provinzbahnhof nach einer alten Zeitung… 

Das alles macht nicht nur Lust auf ein kühles Pils und einen Ausflug nach Prag. Über all dem schwebt die Erkenntnis, dass es gar nicht immer die berühmte Feder und den großen Stoff braucht. Sondern dass auch die Geschichte vom nebelfeuchten Pflasterstein erzählenswert ist. Kein wunder also, dass man - bierselig und gut unterhalten -, bis zum Ende des Buches schon wieder vergessen hat, dass man ja eigentlich auf jemanden wartet. Kafka indes, wer hätte das gedacht, kommt nicht vorbei. Zumindest nicht direkt. Mehr sei nicht verraten.

Das Interview als Video:

 

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"Warten auf Kafka" von Martin Becker:

Martin Becker versammelt auf 222 Seiten Biographien und Geschichten Tschechischer Autorinnen und Autoren und verbindet sie in seinen Essays zu einer literarischen Seelenkunde Tschechiens.

Verlag: Luchterhand, 16,00 €

 

Zum Autor:

Martin Becker wurde 1982 geboren und wuchs in der sauerländischen Kleinstadt Plettenberg auf. Er arbeitet unter anderem als freier Autor für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und berichtet in Features und Reportagen unter anderem aus Tschechien, Frankreich, Kanada und Brasilien. 2007 erschien sein mehrfach ausgezeichneter Erzählband "ein schönes Leben", 2014 sein Roman "Der Rest der Nacht", 2017 sein Roman "Marschmusik", außerdem die Anthologie "Die letzte Metro. Junge Literatur aus Tschechien" (mit Martina Lisa).