Clubportrait: mjut

Leipzig-Ost im Warehouse

Zwischen Hauptbahnhof und Eisenbahnstraße öffnet Anfang April ein neuer Club für elektronische Musik. Das mjut Kollektiv möchte einen Ort für Einzigartigkeit und Unkonventionelles gestalten. Charme und Vielfalt des Leipziger Ostens im Clubformat.
Die Fassade des Gebäudes
Raum für 500 Gäste auf zwei Floors - hinter diesen Backsteinmauern verbirgt sich das mjut.

„Soll ja bald einen neuen Club geben, im Osten hinter dem Hauptbahnhof“ – so munkelt man seit einigen Monaten an den Bartresen, in den Klokabinen und auf den Tanzflächen der Leipziger Technoclubs. Vor ein paar Wochen hat sich das Gerücht bestätigt: Die Website des mjut ging online – inklusive der Opening Veranstaltung mit dem schlichten Namen START am 7. April. Jetzt ist es offiziell: Leipzig bekommt einen neuen Club für elektronische Musik.

Über diesen Fakt hinausgehende Informationen werden jedoch nur wohl dosiert preisgegeben: Außer Name, Adresse und Clubphilosophie blieb vorerst ein großes Fragezeichen. Das Line-up von START steht schon seit einer Weile – versteckte sich allerdings bis Sonntag noch à la Galgenmännchen hinter weißen Quadraten. Auch auf den ockergelb-violetten Plakaten, die seit einiger Zeit Hauswände und Stromkästen zieren, ist außer dem Logo des Clubs und dem Datum der Eröffnung nichts zu finden. Immerhin schwirren erste Previews für ein facettenreiches Booking zukünftiger Veranstaltungen durchs Netz: Das Onlinemagazin Resident Advisor kündigt beispielsweise elektronische Acts wie Shlømo, Burnt Friedman, Iron Curtis und Machine Woman an.

Viele Fragen bleiben noch unbeantwortet. Was erwartet uns also hinter den roten Backsteinmauern des mjut? Um das herauszufinden, verabrede ich mich mit den Menschen, die hinter dem Projekt stehen.

mjut
 

Baustellentrubel

Ich schiebe mein Rad über den betonierten Weg, laufe vorbei an einer Reihe von industriellen Zweckbauten, die sich karg und grau über ein paar hundert Meter erstrecken. Die Abendsonne scheint intensiv für diesen kühlen März und weckt Vorfreude auf die warmen Monate. Sie taucht das Gebäude aus rotem Backstein am Ende des Weges in goldenes Licht. Die zugemauerten Fenster und die willkürlich angeordneten Ziegel haben vermutlich schon bessere Tage gesehen – dieser Hauch von Verfall und Rohheit verleiht dem ehemaligen Lagerhaus unheimlich viel Charme. 

Vor dem Gebäude herrscht reges Treiben. Kaum zu glauben, dass die Eröffnung in wenigen Tagen stattfinden wird – das Gelände ist eine einzige Baustelle. Hämmer krachen auf Bretter, eine Säge kreischt durch ein Stück Holz. Etliche Menschen wuseln emsig umher, schleppen Bretter, Schutt, Gerümpel. Andere gönnen sich eine Pause, sitzen rauchend in kleinen Grüppchen zusammen und genießen das Kitzeln der warmen Abendsonne auf der Haut. 

Eine leichte Anspannung ist allgegenwärtig. Die Menschen hier haben den kurz bevorstehenden Eröffnungstermin vor Augen. Nur noch ein paar Tage, bis hunderte Leute durch die schwarzbemalte Eingangstür auf die Tanzfläche treten wollen. Und bis dahin muss noch einiges gestrichen, gezimmert und aufgeräumt werden. Gleichzeitig ist die Atmosphäre durch Vorfreude und Optimismus geprägt: Die Stimmung ist gut, von Lachen gewärmte Unterhaltungsfetzen wehen herüber. 

Eine Stimme des Kollektivs

Auf dem sandigen Boden vor dem Gebäude eine Sitzgruppe. Hier treffe ich eine Stimme des mjut Kollektivs zu einem kleinen Gespräch. Wir nehmen Platz auf einem durchgesessenen Sofa mit ehemals weißem Bezug, das zusammen mit einer angerosteten Bank und einem Campingstuhl um eine rostrote Feuertonne arrangiert ist. 

Der Stimme des Kollektives liegt es am Herzen, eine Sache vorab zu klären: Sie möchte nicht genauer definiert und erst recht nicht namentlich genannt werden. Dem mjut Kollektiv ist es wichtig, den Fokus nicht auf einzelne Personen zu legen. Deshalb ist die Stimme im Gespräch mit mir ein Sprachrohr für die Menschen hinter mjut und spricht stellvertretend für das gesamte Kollektiv. 

 Sound, Philosophie und Gründungsstory – das Studiogespräch zu mjut:

Redakteurin Lea Schröder im Gespräch mit Moderatorin Peggy Fischer.
0504 SG club mjut

Nicht glatt poliert 

Eine der Fragen, die bei einem neuen Club natürlich am meisten interessiert: Wie klingt mjut? Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Es wird kein reiner Technoclub, sondern sehr viel breiter aufgestellt. Der Fokus liegt klar auf elektronischer Musik, das mjut Kollektiv möchte aber auch links und rechts davon schauen: "Neben Techno ist auch viel Platz für Experimentelles", verrät die Stimme. Ob Ambient, Krautrock, Wave und Elektro oder House, Disco, Funk, Hip Hop und Drum n' Bass – Vielfalt ist den Menschen von mjut wichtig. Wert auf Headliner*innen und bekannte Namen wird hierbei nicht gelegt, erklärt die Stimme:

Für uns sind nicht die großen Techhouse-Artists interessant, die auf den Festival Line-ups ganz oben stehen. Sondern auch Leute aus dem lokalen Umfeld oder Künstler, die wir spannend finden und auch mal aus Stockholm einfliegen lassen wollen – auch wenn die keiner kennt.

Eine Stimme des mjut Kollektivs

Nicht nur Diversität beim Booking liegt ihnen am Herzen, sondern auch ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis, betont die Stimme. Die gebuchten Künstler*innen sollten darüber hinaus mit der Einstellung des Kollektivs harmonieren.   

Backsteinmauer

"Let's create a scope of open-mindedness" 

​Das mjut Kollektiv hat eine klare Philosophie für sich definiert. Wie wichtig diese für die Leute von mjut ist, zeigt die Tatsache, dass sie neben Namen und Adresse als erstes an die Öffentlichkeit getragen wurde. Auf seiner Facebookseite schreibt das Kollektiv: 

We invite you to be part of our idea – Let's create a scope of open-mindedness where it's possible to celebrate differences and value equality, where everyone is free to find their own standards of beauty and life.

mjut Kollektiv

Der Wunsch nach Individualität und Gleichwertigkeit ist die eine Sache, die Umsetzung eine andere. Deshalb hat das Kollektiv ein Awarenesskonzept erstellt, erklärt mir die Stimme. Ausgebildete Menschen sind als Ansprechpersonen für Awareness auf den Veranstaltungen unterwegs und gehen darüber hinaus mit offenen Augen durch die Räume des Clubs, um aktiv werden zu können, sollte es zu einer kritischen Situation kommen. Weitere Bestandteile des Awarenesskonzeptes sind eine No-Photo-Policy und eine "harte, aber freundliche" Tür.

Wir wollen die Möglichkeit schaffen, dass sich jeder wohlfühlen und frei entfalten kann und sich nicht definieren muss. Dabei soll sowohl von Personal, als auch Gästen immer auf einander geachtet werden.

Eine Stimme des mjut Kollektivs

In einer Hinsicht lässt sich diese Philosophie leider bislang nicht umsetzen: "Wir sind noch keinesfalls barrierefrei, das geht uns allen an die Nieren. Für körperlich beeinträchtigte Menschen ist es erstmal schwierig bei uns", bedauert die Stimme. Für die nötigen baulichen Maßnahmen fehlt es zurzeit noch an finanziellen Mitteln. 

Geplant sind regelmäßige Veranstaltungen im mjut, zwei bis drei pro Woche. Neben den klassischen Club-Abenden haben die Menschen vom Kollektiv auch Lust auf Veranstaltungen in kleinerem Rahmen, wie zum Beispiel mit Theater, Podiumsdiskussionen und Klangkunst. Workshops soll es auch geben: Auf musikalischer Ebene, wie Produzieren und Auflegen, aber auch Workshops zu Awareness im Clubkontext, zu Konfliktlösung und Genderthemen. 

Eine Idee der Neunziger

Irgendwann kommen wir dann auch auf den Mythos um mjut zu sprechen. Was hat es mit dieser Geheimniskrämerei auf sich? Die Menschen hinter dem Club wollen ihre Gäste ein wenig herausfordern – denn genau das macht den Leipziger Osten mit seinen kleinen, inoffiziellen Projekten und Veranstaltungen aus, erklärt mir die Stimme des Kollektivs:

Das hat etwas von den Neunzigern, als so viele Clubs entstanden. Man erkennt sich, steckt sich einen Flyer zu, verabredet sich zum Telefonieren – total umständlich. Wir wollten, dass man jemanden fragen muss. Vielleicht fünf Leute, vielleicht auch zehn.

Der klassische Weg, also schlicht die Veranstaltung mit Line-up veröffentlichen, war ihnen zu einfach. Sie wollen ihre Besucher*innen jedoch keinesfalls "teachen", wie die Stimme sagt. Stattdessen liegt ihnen die Community am Herzen: Sie wünschen sich, dass sich die Leute mit der Veranstaltung beschäftigen, aktiv werden, interagieren und nachforschen. Am Sonntag, also knapp eine Woche vor START, wurde das Line-up schließlich bekannt gegeben (Genaueres dazu im Textfeld rechts bzw. unter dem Artikel). Das Programm für die kommenden Wochen wird demnächst erscheinen. 

Kooperation statt Konkurrenz

Wo sieht sich das mjut zwischen etablierten Clubs wie Institut fuer Zukunft, Distillery und Conne Island? Nicht wirklich dazwischen, sondern eher woanders: "Wir sind so, wie der Osten bisher war. Und das haben wir in ein Clubformat gepackt." Eine Zusammenarbeit mit anderen Clubs in der Stadt ist dem Kollektiv extrem wichtig. Sie sehen sich nicht als Einzelkämpfer*innen, sondern wollen gemeinsam mit den anderen die kulturelle Landschaft in Leipzig voranbringen und aufwerten.

Besonders Conne Island, Institut fuer Zukunft und So&So sind eng mit dem mjut verbunden – allerdings weniger die Clubs selbst, als deren Kollektive und Künstler*innen. Neben musikalischem Austausch und gemeinsamen Workshopreihen ist auch die Organisation eines Festivals in Kooperation im Gepräch. "Uns ist wichtig, dass wir andere Clubs supporten und sind gleichzeitig dankbar für deren Unterstützung", erklärt die Stimme lächelnd. Das war allerdings nicht immer so klar: 

​Anfangs dachten wir uns, die anderen Clubs sind vielleicht froh, wenn wir das mjut doch nicht starten. Aber das fühlt sich grad nicht mehr so an.

Ein Ort für die Festival-Off-Season 

Die Geschichte des mjut nimmt vor ungefähr einem Jahr ihren Lauf. Zwei "Soundnerds, die gern mit Technik rumspielen", wie die Stimme sie beschreibt, suchen nach einem Ort, den sie zu ihrer Spielwiese gestalten konnten – vor allem für die kühleren Monate, in denen keine Festivals stattfinden. Und sie werden im Leipziger Osten fündig: Ein leicht verfallenes Lagerhaus aus rotem Backstein ist die perfekte Location, um sich einen Jugendtraum zu erfüllen – einen eigenen Club aufzuziehen. "Der geographische Standort ist ziemlich cool", lächelt die Stimme. "Hier wohnen alle möglichen Leute. Und der Osten hat noch keinen Club. Es war also eine logische Konsequenz, wie eine Eingebung: Wir mussten es einfach machen." Und auch der Zeitpunkt scheint geeignet: 

Am Anfang fragten wir uns: ‚Ist wirklich noch ein Club in Leipzig nötig?‘ Aber es fehlt schon noch was. Gerade die kleineren Sachen im Osten sind weggebrochen. Vielleicht kommt ein frischer, neuer Wind mal ganz gut.

Also geht es los mit dem Bau, das war im Juli letztes Jahr. Anfangs sind noch nicht viele auf der Baustelle unterwegs, nur die besagten Soundnerds, Musikaffine und ein paar Leute, die einen sozialen und kulturellen Ort schaffen wollten. Alle mehr oder weniger spontan zusammengewürfelt und mit unterschiedlichen Interessen. Doch im Laufe der Monate entwickelte sich das Ganze: "Unsere Kollektivkonstellation hat sich einfach so ergeben: Manche kennen sich schon länger und waren früher in anderen Projekten involviert. Andere kamen aber einfach so dazu, weil sie von Mitbewohner oder Freundin mitgebracht wurden. Das ist das extrem Spannende an dem ganzen Projekt", sagt die Stimme lächelnd. Mittlerweile sind auf diesem Weg circa achtzig Leute zusammengekommen. "Das hört sich jetzt romantisch an, aber es haben sich auch schon viele Freundschaften geformt." 

mjut Logo

Trotz dass die meisten Beteiligten noch nebenher in Job und Studium stecken, läuft der ganze Prozess recht flüssig. Viele Mitglieder des Kollektivs bringen Erfahrung mit, zum Beispiel in der Barleitung, im Bereiche Awareness oder technisches Know How. Andere stehen einfach mit helfender Hand zur Seite.

Vollkommen reibungslos läuft es jedoch nicht. Anfang des Jahres sieht es so aus, als könnte das Projekt mjut bald starten. Dann kommt etwas dazwischen: Ein Donnerstagnachmittag im Januar. Der Sturm Friederike fegt mit 130 km/h über Leipzig hinweg. Dieser Gewalt hält das Dach des alten Lagerhauses nicht Stand –  es gibt nach und fliegt davon. Das wirft den Bauprozess zurück, das Opening muss auf Anfang April verschoben werden. 

"Wir sind leicht ungeduldig"

Und jetzt ist es soweit: Am 7. April öffnet das mjut seine Türen. "Wir sind gespannt, ob es angenommen wird und wie es sich gestaltet. Was werden wir geben können, und was wird zurückkommen? Das hat alles noch viel mit Orakeln zu tun", sagt die Stimme.

Unsere größte Herausforderung ist gerade die Vorfreude: Die Residents haben Bock, endlich aufzulegen, die Barleute wollen endlich Getränke verkaufen und selbst das Putzteam hat Bock, jetzt einfach mal durchzuwischen. Wir sind leicht ungeduldig.

Bisher war noch keine Zeit, darüber nachzudenken, wo es in den nächsten Jahren hingehen soll, erklärt die Stimme. Das Projekt mjut zeigt, was in der Gemeinschaft erreicht werden kann. Das Kollektiv wünscht sich, dass sich dieser Geist auch auf andere Projekte überträgt und möchte eine Plattform bieten – sowohl für die involvierten Menschen, als auch für andere. "Leute sollen zusammen Musik machen, irgendwelche Projekte stemmen, vielleicht sogar einen neuen Club aufmachen." Das mjut soll Basis sein für viele weitere Projekte unterschiedlichster Form:

Wenn der Club mal umziehen muss, dann zieht er eben um. Wichtiger ist, dass das Potential dieser Gemeinschaft nicht gebremst wird und Früchte tragen kann.  

mjut – diese vier Buchstaben stehen für Facettenreichtum und Diversität, bunt wie der Osten Leipzigs. Zwar ein Club für elektronische Musik, aber auch Kulturzentrum und politischer Raum. Die Gäste sollen hier einfach abschalten und ihren Alltag vergessen können. Klingt vielversprechend. Es scheint, als würde es dem mjut trotz der bereits vielfältigen Clublandschaft Leipzigs gelingen, eine Lücke zu schließen. Wir sind gespannt, wie Club und Kollektiv den Osten prägen werden. 

mjut
 
 

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Das mjut öffnet am 7. April zum ersten Mal seine Türen. Und das wird ausgiebig zelebriert: Die Party startet um 22 Uhr und wird bis tief in den Nachmittag des nächsten Tages laufen.

Mittlerweile ist auch das ziemlich vielseitige Line-up in der Facebook-Veranstaltung veröffentlicht: Einerseits wird es mit u.a. LNS (Vancouver) und Hellie Berry (Amsterdam) ziemlich funky und housig. Manchmal auch eher düster, rougher und ein wenig verschroben, wie z.B. mit DJ Marcelle (Amsterdam), IO-Resident Lux und der Schwedin Johanna Knutsson. Mit Plastiq (Hamburg) ist neben den DJs auch eine Band vertreten, die darken, synthielastigen Sound mit deepem Gesang kombiniert. Eine Portion Leipzig bringen die mjut-Resident Please Talk Softly sowie die DJ und IfZ-Bookerin Neele auf die Party. Wer sich allerdings nach straightem 4-to-the-floor-Techno sehnt, wird bei Start wohl nicht fündig.