Die Kolumne

Leipzig-Ost – Eine Ode

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Til Schäbitz über unreflektierte Stimmungsmache, weiße Reeboks und die Sparkasse an der Eisi.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.
Die Kolumne zum Nachhören:
Leipzig-Ost - Die Kolumne von Til Schäbitz
Leipzig-Ost - Die Kolumne von Til Schäbitz

Letztes Wochenende sollte es eine Hausprojekt-Party in Anger-Crottendorf geben. Die wurde über soziale Netzwerke angekündigt. So bekam die Polizei davon mit und sagte die Veranstaltung kurzer Hand ab. Als dann trotzdem einige Gäste am Hausprojekt gegenüber der Ostapotheke auftauchten, verstellte die Polizei den Zugang des Gebäudes.

Als immer mehr Besucher hinzukamen, schaukelte sich die Situation nach und nach hoch und endete schließlich in einer stundenlangen Sitzblockade.

Und, lass mich raten – das führte dann zur allgemein bekannten Situation: Die Demonstrierenden wollten weiter demonstrieren, die Polizei wollte die Situation auflösen. Und nachdem das dann geschehen war, sagt die Polizei, dass sie sachlich und deeskalierend gehandelt hätte, die Anwohner beklagen wiederum den Einsatz von sinnloser Gewalt und Pfefferspray. War es so?

Ja. Also ich bin selbst nicht dabei gewesen. Deswegen kann ich auch nicht mit Sicherheit sagen, welche Seite jetzt Recht hat. Aber das ist es auch nicht, worauf ich hinaus will:

Ich wohne im Leipziger Osten. Er ist jung, er ist kreativ, teilweise auch noch ein bisschen roh und ungestüm. Leipzig-Ost, das ist der Stadtteil, über den Clemens Mayer vor einiger Zeit seinen Roman „Als wir träumten“ schrieb. Eine Coming-of-Age-Geschichte zur Nachwendezeit. Es geht um eine Gruppe von Jungs, die ihren eigenen Techno-Club eröffnen. Und das in einer Zeit, in der für sie alles möglich schien. Hier in Leipzig Ost.

Und jetzt wird eine Party, noch bevor sich irgendein Nachbar beschwert, von einem riesigen Polizeiaufgebot aufgelöst.

Und damit ist es ja noch nicht mal genug. Am Montag meldete sich dann die SPD-Stadträtin Nicole Wohlfahrth zu Wort. Sie sprach von „gefährlichen Entwicklungen“ und „staatsverachtendem Gedankengut“. Sie kritisierte die Gewalt gegen die Polizei als „Angriffe auf den Rechtsstaat“. Sprach von besetzen Häusern und davon, dass keine „Zustände wie in Connewitz“ entstehen dürfen.

Äh Moment mal ... Es gab an dem Abend doch gar keine Angriffe auf die Polizei. Und es gibt dort auch keine besetzten Häuser.

Genau. Das haben ihre Kollegen von der SPD dann auch recht bald festgestellt und sie dafür scharf kritisiert. 

Frau Wohlfahrth hat nämlich blöderweise nicht auf den Polizeibericht gewartet, sondern einfach die reißerischen Meldungen aus der Bild-Zeitung übernommen. Doch diese sind nichts anderes als unreflektierte Stimmungsmache gegen alternative Wohnformen.

Unser Kolumnist Til Schäbitz hat etwas Mitleid mit Leuten, die der Bildzeitung uneingeschränkt glauben.
 

Und eine SPD Abgeordnete unterstützt diese Stimmungsmache auch noch. Und zwar mit verbalen Attacken auf die Bewohner.

Genau darin liegt mein Problem. Ich wohne im Leipziger Osten. Er ist jung, kreativ, teilweise auch noch roh und ungestüm.

Leipzig-Ost ist keine elitäre Reihenhaussiedlung. Und kein Bewohner ein Vorstadt-Spießer, der sich über dumpfe Geräusche in der Nacht oder Fußspuren auf seinem frisch gemähten Rasen beschweren würde.

Es ist kein Problembezirk. Leipzig-Ost ist die Sterni-Brauerei, die Linsensuppe bei Brothers und der weiße Reebok-Schuh an jedem Hipster. Leipzig-Ost ist Curry 77, das immer zu hat, und der Lene-Park im Sommer, wo die Alkis mit den Studenten Tischtennis spielen. Leipzig-Ost ist die graue Platte und der unsanierte Altbau, Sekt mit Mate gemischt und der Kollektiv-Kater am Sonntag. Leipzig-Ost ist der Stress im Kaufland, der Müll vor den Dönerläden und der Multi-Kulti-Spielplatz im Rabet. Leipzig-Ost ist der Obdachlose in der Sparkassenfiliale auf der Eisi. Der, der nach Geschäftsschluss auf dem Beratungstisch sein Meth zieht, weil er süchtig und es draußen kalt ist. Wo soll er es auch machen, Drogenkonsumräume sind in Sachsen ja verboten. Und das, das ist sicherlich ein Problem. Ein bisschen Leben in der Nacht ist es nicht. Nur wann, wann werdet ihr das endlich erkennen?

 

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