euro-scene 2015

Lebendiger Müll

Mit Geschick und Spielfreude erweckt die Compagnie Mossoux alles zum Leben, was sie finden können. Das hat ebenso viel Humor, wie es Grauen weckt. Ganz hintergründig berührt es auch existentielle Fragen.
Kefar Nahum
Eine Liebesszene zwischen Nicole Mossoux und einer Gießkanne

Das große Durcheinander

Erinnern Sie sich noch an ihre Kinderzeit, als alles, was Sie in die Hände gekriegt haben zum Spielzeug wurde, in ihrer Fantasie jede Verwandlung möglich war. Das Objekttheater ist eine junge Theatergattung, die sich zwischen Puppenspiel und Tanz bewegt und damit die absurdesten Gegenstände zum Leben erweckt. Bei der Compagnie Mossoux spielt dabei scheinbar die Frage nach der Seele, der Schöpfung und den Dingen selbst eine Rolle. Das legt zumindest ihre Verbindung zum Daoismus nahe und ihre Beschäftigung mit der chinesischen Malerei, in der die Darstellung eines Steines von größerer Bedeutung ist, als die von Menschen.

Der Titel des Stückes spielt auf den heiligen Ort in der Bibel an, wo Jesus Wunder vollbracht haben soll, wie Lahme wieder gehend machen. Insofern liegt die Hoffnung, denn das heißt der Ort übersetzt, vor allem im Akt des Lebendig seins selbst. Doch die Künstler sehen noch eine andere Assoziation zu diesem Wüstenort: Der Basar als ein Ort des Chaos. So wird auch die Inszenierung eine wilde Abfolge einzelnener Szenen, die sich immer mehr steigern.

Der Raum ist nur spärlich beleuchtet. In der vorderen Ecke ist der Musiker Thomas Turine zu sehen und in der Mitte der Bühne steht eine Hohe Kanzel. Unter der holt Nicole Mossoux immer andere Gegenstände hervor wie Tücher und Stoffknäuel, die sich unter ihren Händen in allerhand seltsames Getier verwandeln. Da sieht ein Tuch aus wie ein Hund, wie ein Mensch, wie ein Gespenst. Auf einmal entsteht aus Metallschrott ein Vogelstrauß, der da über diese Bühne auf der Bühne stakst. Er bleibt jedoch nicht lange alleine: Plötzlich taucht da so ein verfilztes Knäuel auf, das in seiner Liebe fast erdrückend ist.

Es ist wie ein magischer Akt, den die Tänzerin hier ausführt: Sie kramt etwas unter ihrem Tisch hervor, Mitbringsel und Fundstücke und mit kleinen Fingerbewegung werden sie zu Wesen, die sich selbst immer verwandeln. Zu Beginn hat das viel Witz, fast schon Slapstick-Humor. Da wirkt die Musik von Turine mit ihren flächigen, geräuschhaften Klängen fast schon unpassend. Doch tatsächlich hat der Witz von Anfang an einen bitteren Beigeschmack. Natürlich ist Slapstick immer etwas grauenvoll, aber auch die Figuren haben etwas Unheimliches, weil es eben keine Puppen sind, sondern undefinierbare Dinge, die zu Missgestalten werden. Die sind jedoch nicht nur unheimlich, sondern auch bedauerlich, denn nach dem Akt des Lebendigwerdens folgt unweigerlich das Ende, sie werden wieder zu Schrott, der sie waren, und fallen einfach zu Boden.

Der Horror im Arbeitszimmer

So gut sie das machen, so simpel ist der Gedanke bis hierhin: eine amüsante Aneinanderreihung abstruser Szenen. Doch langsam nimmt das Stück, vielleicht auch unter der Intervention des Dramaturgen-Regisseurs Patrick Bonté, erschreckende Formen an. Die Figuren erscheinen hässlicher und schrecklicher zu werden. Eine Reihe von Metalstangen wird zu insektenartigen Beinen, die überall herum kriechen, größer und wieder kleiner werden. Diese Wesen lassen es sich auch nicht einfach so gefallen, benutzt zu werden: Immer mehr wird die Spielerin selbst von ihren Gestalt angegangen, wird zum Spielobjekt, wie eine Besessene, bis sie schließlich selbst auf dem Tisch endet.

"Kefar Nahum" schafft eine faszinierende Gratwanderung zwischen humorvoller Spielerei, die Ausgang des Stückes war, und Horrorvision, zu der das Stück vielleicht zwangsläufig werden musste. Es entstehen, gerade durch das geniale Zusammenspiel mit der Musik, dämonische Szenen, die die Leblosigkeit vorführen und die Frage stellen, wie viel Macht ein Schöpfer hat. Etwas langatmig kommt das Stück daher, vor allem weil sich die Musik nur in einem Stil bewegt und die Dramaturgie des Abends doch sehr gleichmäßig bleibt. Doch das virtuose Spiel fängt den Zuschauer immer wieder ein, der sich langsam, nur ganz langsam, immer mehr gruselt.

 

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Thilo Körting
07.11.2015 - 11:33
  Kultur

In Belgien gehören Nicole Mossoux und Patrick Bonté zu den bekanntesten Akteuren der Tanzszene. Deswegen ist "Kefar Nahum" bereits ihr viertes Gastspiel bei der euro-scene Leipzig.

Ihre nächste Aufführung in Leipzig ist am Samstag, den 7. November um 17 Uhr im Lofft.