Filmkritik

Le semeur: Bäuerinnen teilen Mann

Temporäres Matriarchat und Polygamie dank Despotie: In "Das Mädchen, das lesen konnte" muss sich ein autonomes Frauendorf einen Mann teilen, um ihr Überleben zu sichern. Das politische Historiendrama aus Frankreich feiert die republikanischen Werte.
Le Semeur
Die junge Bäuerin Violette (Pauline Burlet) bei der Apfelernte.

Im Französischen heißt die Verfilmung von Violette Ailhauds autobiografischem Bericht („L’homme semence“, 1919) doppeldeutig „Le semeur“, der Sämann. Indes entschied sich der deutsche Verleih für den sperrigen Titel „Das Mädchen, das lesen konnte“ (alternativ hätte auch „Die Vorleserin“ gepasst). Erstaunlicherweise komplementieren die Filmtitel einander gut, akzentuiert doch jeder eine der beiden Erzählperspektiven des Films: die vorrangige weibliche und nachrangige männliche Sichtweise. Denn in ihrem faszinierend vielschichtigen Historiendrama erzählt die Französin Marine Francen parallel sowohl Coming-of-Age- als auch Freiheitsgeschichte – unter verkehrten Vorzeichen. Ausnahmsweise muss sich hier ein Mann (mehr oder weniger freiwillig) von seinem Objektstatus emanzipieren.

Frankreich im Jahr 1851. Die zweite Republik steht vor dem Kollaps. Wegen eines Staatsstreichs greift Napoleon III. nach der Macht und Kaiserkrone. Massenhaft werden politische Gegner von seinen Soldaten inhaftiert und in Strafkolonien deportiert. Dieses Schicksal ereilt auch die männlichen Bewohner eines von der Außenwelt abgeschnittenen Provinzdorfs in der Provence. Plötzlich sind die zurückgelassenen Frauen auf sich allein gestellt.

Das an die Jahreszeiten gekoppelte Leben geht weiter

Zeit, um ihre Väter, Ehemänner und Söhne zu betrauern, ist den Dorfbewohnerinnen nicht vergönnt. Zusätzlich zu ihren alten auf Heim und Herd beschränkten Verpflichtungen müssen sie nun die kräftezehrende Arbeit der Männer erledigen. Die Getreidefelder bestellen, Tiere versorgen und das bei einem Unwetter beschädigte Scheunendach ausbessern. Auch diese Herausforderung wird im Kollektiv gemeistert. Die Jahreszeiten kommen und gehen. Allmählich gewöhnen sich die alters- und charaktermäßig so verschiedenen Frauen an ihren neuen arbeitssamen Alltag und wachsen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen.

Traumlosigkeit als Begleiterscheinung einer Welt ohne Männer

Die Männer kehren jedoch nicht zurück. Ganz unterschiedlich reagieren die Frauen auf die männliche Abwesenheit: An den Älteren im Dorfverbund nagen zunehmend Zweifel über deren unsicheren Verbleib; sie sehnen sich nach ihren Ehemännern. Sind die Liebsten wohlauf? Oder wurden sie bereits zu Witwen, ohne es zu wissen? Beneidet werden sie von ihren jüngeren Geschlechtsgenossinnen, die sich im heiratsfähigen Alter befinden: Wenigstens hätten „die“ Kinder, die sie großziehen können, um sich abzulenken.

Während einer Mittagspause in der brütenden Hitze auf den Kornfeldern treffen die Bäuerinnen eine Vereinbarung: Den ersten Mann, der in ihr abgelegenes Bergdorf gelangt, wollen sie sich schwesterlich teilen. Um die Zukunft des Dorfes zu gewährleisten. Schließlich hat ihr vergebliches Warten ein Ende: Es tritt ein attraktiver bärtiger Fremder (Alban Lenoir) auf, der sich als Jean vorstellt und Bücher von Voltaire bei sich trägt. Für die Rolle des Samenspenders scheint er geradezu prädestiniert zu sein. Doch der belesene Hufschmied hat schon ein Auge auf Violette (Pauline Burlet) geworfen. Wie er ist die hübsche Bäuerin des Lesens und Schreibens mächtig - als Einzige im Dorf.

Le Semeur Trailer

Ein Film wie gemalt

Marine Francen erzählt ihren Historienfilm mit derselben ruhigen Diskretion, die auch die zarte Romanze zwischen Violette und Jean auszeichnet. Bemerkenswert ist, wie mühelos Francen eine Fülle an Themen streift, ohne ihr Regiedebüt zu überfrachten oder nervige Klischees zu bedienen. Geschlechter- und Machtdynamik, weibliche Lust, Widerstandskraft und Solidarität werden verhandelt. Aber auch die Frage erforscht, was Frauen und Männer eint und was sie charakterlich voneinander unterscheidet. Ist es der Überlebenswille - manifestiert im Kinderwunsch - oder doch der Freiheitsdrang? 

Filmmusik wird in diesem minimalistisch-lakonischen Romantikdrama nur sparsam eingesetzt. Es werden auch allgemein nicht viele Worte gewechselt. Die Bilder - lichtdurchflutet, leuchtend pastellfarben, ungemein sinnlich - sprechen für sich und wirken oftmals wie fotografierte Gemälde. Nachempfunden sind sie alten Ölgemälden des französischen Realismus, dessen wichtigster Vertreter Jean Francois Millet war. Häufig bleibt die Kamera auf Distanz zu den Protagonistinnen, porträtiert sie als Gruppe im altmodischen engen 4:3-Bildformat, um ihren Zusammenhalt, aber auch ihre Einsamkeit und Männerlosigkeit hervorzuheben. 

Zeitloses Plädoyer für Freiheit und Harmonie der Geschlechter 

Im Gegensatz zu anderen "Frauenfilmen" ist dies ein Film, der sowohl Frauen als auch Männern gefallen wird, weil er allen Figuren - ob weiblich oder männlich - mit dem nötigen Respekt begegnet. Sie alle behalten ihre Würde, bekommen eine Stimme verliehen.

Mutet "Das Mädchen, das lesen konnte" zunächst an wie eine Ode an unabhängige Frauen, ihre "schwesterliche Liebe" untereinander, entpuppt sich das Romantikmelodrama auf den letzten Metern als ein Film über den Wert der Selbstbestimmung - vor allem, was die Partnerwahl anbelangt. Der Mann, das "Objekt der (weiblichen) Begierde", hat das letzte Wort. Was in diesem Fall nichts mit Machismo zu tun hat, sondern eher als versöhnliches Statement in der Post-Metoo-Ära gewertet werden kann: für ein unbelastetes Frau-Mann-Verhältnis, das nicht auf Abhängigkeit und ungleiche Machtverteilung, sondern auf gegenseitigen Respekt, Intellekt und Gleichberechtigung fußt. 

 

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Das Mädchen, das lesen konnte (im Original "Le semeur")

Regie: Marine Francen

FSK: 12

Laufzeit: 100 Minuten

Kinostart: 10. Januar 2019

Cast: Pauline Burlet, Alban Lenoir, Illiana Zabeth, Anamaria Vartolomei,