DOK Festivalabschluss

Laut und leise gegen das Vergessen

Das 60. Festival für Dokumentar- und Animationsfilm ist zu Ende, die Goldenen Tauben wurden verliehen. Am letzten Tag des Festivals gab es noch einmal die Preisträgerfilme auf der großen Leinwand zu erleben.
Szene aus dem Festivalfilm "Wildes Herz"
Jan "Monchi" Gorkow setzt sich gegen die rechte Szene zur Wehr

Was kommt nach der Angst? Mit dieser Frage begann das 60. Dok Festival und sicherlich jeder hat einige Denkanstöße im Laufe der Festivalwoche erhalten. Am Ende bleibt die Frage trotzdem ungelöst. Kommt nach der Angst die Verdrängung? Die Überwindung? Die Vergeltung? Kann man in einer Zeit der politischen Umbrüche, wir wir sie aktuell erleben, überhaupt von "nach der Angst" sprechen oder ist es nicht genau diese Angst, die uns im Moment bewegt? Fakt ist, dass man vor dem Programm des 60. DOK großen Respekt zollen muss. Respekt vor der Themenvielfalt, dem Ideenreichtum, der Experimentierfreude und der facettenreichen Auseinandersetzung mit Angst, der Gesellschaft, Politik und bewegenden Einzelschicksalen. Der letzte Festivaltag bot dem Publikum noch einmal die Gelegenheit, sich die Gewinnerfilme und den ein oder anderen Geheimtipp anzusehen.

Deep Love

30, 50, 100 Meter tief möchte Janusz tauchen, um das « Blue Hole » am ägyptischen Riff von unten zu bestaunen. Keine große Angelegenheit für den Profitaucher, der schon mehrfach die Tiefe der Meere erkundet hat. Doch seit 3 Jahren ist nach einem Schlaganfall seine rechte Körperhälfte gelähmt. Seine Ärzte raten ihm davon ab, wieder unter Wasser zu tauchen. Zu hoch sei das Risiko eines erneuten Unfalls. Doch Janusz kann nicht loslassen. Er möchte noch einmal die strahlende blaue Schönheit bewundern.
Der junge polinische Regisseur Jan  P. Matuszyński begleitet in Deep Love einen passionierten Taucher, der nicht abkommt, von seiner Leidenschaft des Tauchens. Unverständlich erscheint es einem, dass dieser alte Mann alles auf Spiel setzen möchte. Doch die rührenden Aufnahmen mit seiner Lebensgefährtin Asia und die starke Unterstützung seiner Freunde, zwingen einen zum mitfiebern an diesem lebensbedrohlichen Abenteuer. Ein atemraubendes Zeugnis eines Menschens, der seine Träume nicht aufgibt - komme was wolle!

All I Imagine

"Tudo o que imagino, Tudo o que imagino" rappt André vor sich hin und zieht einen Spliff am Joint bevor er ihn weiterreicht. Die schöne Emmy und ihre Freundin unterbrechen die Kannabis-Musiksession. Ein bisschen aufgeregt, aber stetig cool bittet André das hübsche guineische Mädchen ins Nebenzimmer. Unbeholfen greift er zur Katze, dann setzt er sich aufs Bett. Emmy kommt dazu, aber trennt die beiden durch eine Grenze aus Geldstücken. Schüchtern nimmt sie sich in Acht vor dem charmanten Jungen mit dem goldenen Afro und den blauen Augen, der noch viele andere Mädchen im Kopf hat. 
Unfassbar nah kommt Leonor Noivo ihren Protagonisten in ihrem Kurzfilm All I Imagine . Man könnte meinen, es sei ein inszenierter Coming of Age Film, indem André seinen Schönheiten begegnet. Dokumentarisch bleibt die Regisseurin dennoch bei ihren Aufnahmen des lissaboneschen heruntergekommenen Vorortes Alcoitao indem der Alltag nicht leicht zu bewältigen ist. Ihr gelingt ein wunderschönes Zusammenspiel und schafft eine allbekannte Stimmung: Dieses unbeschreibliche Gefühl einer ersten Liebe.

Licu - A Romanian Story

Ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im internationalen Wettbewerb ist Licu - A Romanian Story ein Stellvertreter für fast das ganze Filmprogramm des Festivals. Vom Kleinen ins Große schauen. Das Schicksal eines 92-jährigen Mannes in der rumänischen Einöde wird zum Ausgangspunkt des Portraits eines ganzen Jahrhunderts. Licu hat Krieg, Vertreibung und politische Umwälzungen erlebt und lebt jetzt zurückgezogen in seinem Haus unter ärmlichen Bedingungen. In Schwarz-Weiß-Bildern und kammerspielartig inszeniert erweckt Licu mit seinen Erzählungen und anhand kleiner Alltagsgegenstände die Geschichte zum Leben.

Dem Film Love Is Potatoes, der ebenfalls beim Dok zu sehen war, gelingt die Umsetzung dieses Konzepts zwar noch atmosphärischer, am Ende kann man sich trotzdem nicht über die Wahl der Jury beschweren. Licu ist ein verdienter Gewinner im internationalen Wettbewerb.

Wildes Herz

Vier Preise räumte Charly Hübners Dokumentation über den Frontmann der Band Feine Sahne Fischfilet am Samstag ab. Man könnte den Festivalliebling scherzhaft beinahe als La La Land des Dok bezeichnen. Aber was macht Wildes Herz so reizvoll? Charly Hübner gelingt es, ein sehr ernstes Thema, nämlich die politische Polarisierung in Deutschland, den Kampf zwischen Links und Rechts, massentauglich und unterhaltsam umzusetzen, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben. Der Protagonist "Monchi" bleibt bis zum Ende des Films ambivalent, erhält keinesfalls eine Überhöhung, zieht das Publikum aber auch mit seinem Witz und seiner ehrlichen, manchmal fast zu ehrlichen Art in den Bann.

Wildes Herz ist laut und rasant erzählt, sowohl der Witz als auch die emotionalen, nachdenklich stimmenden Momente treffen voll ins Schwarze. Selbst wenn man mit der Band nicht viel anfangen kann, fällt es schwer, den Film nicht zu mögen. Wildes Herz ist eine radikale Abrechnung mit dem Schweigen und Wegsehen, ein Aufruf zur Gegenwehr gegen Rassismus und Hass, aber auch ein ambivalentes Charakterportrait, das zum Diskutieren anregt. Der Szenenapplaus vom Publikum spricht für sich.

 

Kommentieren

Janick Nolting, Luna Ragheb
07.11.2017 - 09:31
  Kultur

Wildes Herz startet am 12.4.2018 in den deutschen Kinos.

Eine Übersicht über alle Preisträger des 60. Dok Festivals gibt es hier.