Rotes Sofa: Carolin Callies

Landschaften ohne Brotrinde

Das Leben in seiner Gleichzeitigkeit kann verwirrend sein; Linien zwischen drinnen und draußen verschwimmen, vom Date gibt es keinen Atlas - gut, wenn es dann jemand vermessen will. In „schatullen & bredouillen" macht Carolin Callies genau das.
Redakteurin Lisa Albrecht im Gespräch mit Autorin Carolin Callies.
Redakteurin Lisa Albrecht im Gespräch mit Autorin Carolin Callies.

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Wenn es ein Wort gibt, mit dem sich "schatullen & bredouillen" beschreiben lässt, dann ist es "Sprachkunst". Jede Seite, die man in dem gut 100 Seiten starken Gedichtband aufschlägt, präsentiert ein neues Sprachkunstwerk. Carolin Callies versteht es, mit dem Werkstoff Sprache umzugehen.

ich häng' den wald in mein zimmer, ein prachtvolles dickicht & häng mir ein tuch in den raum. der rapport geht weiter, er geht ewig fort. so lang wär mein haus, zigtausende meter. der faun & die flora beziehen mein liegen, steh betreten darin und begrünt.

aus "das verschwimmen der linien zwischen drinnen & draußen"

Die Bilder, die sich beim Lesen - oder besser beim halblauten Murmeln - ihrer Texte aufdrängen, sind stets originell. Es ist ein Kunststück, mit wenigen Worten das Gefühl zu beschreiben, dass der Wald im Zimmer wächst.

Wochenplan einer Poetin

Wer sich beim Durchblättern von Gedichtbänden schon einmal gefragt hat, wie Wortkünstler eigentlich arbeiten - auch darauf hat Carolin Callies eine Antwort:

Dienstag: & ändern die pronomen wie andre die schlüpfer & dienstags wieder konsonauten.

aus "reime dich binnen & lauf einer woche"

Die Themen, die Callies in dem in fünf Teile gegliederten Buch anspricht, sind mannigfaltig. Da gibt es Naturimpressionen mit so genialen Titeln wie "landschaften ohne brotrinde" oder "schafgarben fürn wundgraben", aber auch Erkundungen über den eigenen Körper. Der Text "beinah an den haaren herbeigeschrieben" ist nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern in hashtags verfasst. "atlas eines stelldicheins" wiederum ist eine lakonische Beschreibung einer Liebesnacht:

war jemand, der lag in deinem neuland aus mund. war jemand, der hat dich mit blüten geschmückt. war jemand an zungen & wüchs dran ein hals & jemand, der hat dir das fischlein gewürgt.

aus: "atlas eines stelldicheins"

Carolin Callies gelingt es, in ihren Gedichten mit derselben deutschen Sprache, die wir im Alltag verwenden, ganz neue Bilder zu erzeugen, neue Gedanken zu erzeugen. Die Verbindung von Minimalismus und opulenten Wortneuschöpfungen, gespickt mit Selbstironie, machen "schatullen & bredouillen" zu dem lesenswerten Gedichtband, der er ist.

Was Carolin Callies inspiriert, und wie sie zum Dichten gekommen ist - das hat sie auf dem Roten Sofa bei der Leipziger Buchmesse Lisa Albrecht erzählt.

 

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Geboren 1980 in Mannheim, debütierte Carolin Callies 2015 mit "5 Sinne und nur ein besteckkasten". Ihr zweiter Gedichtband, "schatullen & bredouillen" erschien im März 2019 bei Schöffling & Co. Es hat 96 Seiten, ein Lesebändchen und kostet 20 Euro.