Kolumne

Kunststück und Miststück

...trennt nur eine Silbe. Lisanne Surborg über Hipster-Poeten und Engelmann-Nachahmer.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

"Kunststück und Miststück trennt nur eine Silbe" - Die Kolumne von Lisanne Surborg
Kolumne Lisanne

Leipzig ist Kulturstadt, also meistens. Gerade letztes Wochenende war wieder Spinnereirundgang. Da war ein Künstler, der alle halbe Stunde einen neuen Auftrag eingereicht bekommen hat. Ein Stichwort ganz anonym auf einem Zettel. Ich stand da gefühlt den halben Tag vor seiner Arbeitsbank und habe beobachtet, wie er Leinwände mit Farben bestrichen hat.

„Ist das Ihr Auftrag?“

Als hätte ich das Geld dazu…

Neben der bildenden Kunst gibt es auch jede Menge Platz für gesprochene Kunst in Leipzig. Also, ich finde es großartig, dass es hier so viele Lesebühnen gibt-

„Aber?“

…Aber oft sitze ich im Publikum und schalte sofort ab. Also, das soll jetzt nicht arrogant klingen…

„Nee, gar nicht…“

Nur wieso hab ich das Gefühl, inzwischen ständig das gleiche zu hören. Leute, die denken, sie seien die Kunst persönlich, dabei reihen sie nur leere Worthülsen aneinander.

Ich meine nicht, dass sich generell bitte nur Profis auf diese Bühnen stellen sollen, bei denen ich läppische drei Euro Eintritt zahle. Ich bin Fan davon, dass es offene Lesebühnen gibt, auf denen sich jeder ausprobieren kann, aber...

„Aber?!“

...es wäre schön, wenn man dann auch was ausprobieren würde! Stattdessen wimmelt es nur so vor Engelmann-Nachahmern auf der Bühnen.

Julia Engelmann hatte 2013 mit einem Text mal unglaublichen Erfolg, was wohl dazu führt, dass eine ganze Generation zu denken scheint: Nur so geht Poetry Slam.

Ein Text wird nicht plötzlich gut und geistreich, nur weil man ihn rhythmisch spricht und dazu mit den Armen wedelt.

Kolumnistin Lisanne Surborg
Schockiert, überfordert und ein bisschen angewidert: unsere Kolumnistin Lisanne Surborg

„Ja, da weiß ich nicht viel von. Ich hab hier auch eigentlich zu tun mit dem Bild, also, wenn dann nichts mehr…“

Dann gibt’s da aber noch eine andere Sorte Leute, die ihre Kunst ganz bahnbrechend und weltverändern finden: Das sind die Hipster-Poeten.

Die lesen Texte, die sind ein bisschen autobiografisch, und es geht darum, dass man irgendwie vom Leben ein bisschen gezeichnet und auf jeden Fall „beziehungsunfähig“ ist. Das sagen auch so Medien wie VICE und bento.

„Kenne ich nicht...“

Und eigentlich findet man die nicht cool, schreibt aber trotzdem im gleichen Stil zu den gleichen Themen. Also, man ist beziehungsunfähig, denn das ist irgendwie angesagt und voll okay. Total selbstreflektiert, man weiß eben einfach, dass man seine Freiheiten braucht. Schließlich ist man ein total individueller Charakter, der sich von niemandem einengen lassen will.

Und an diesem Punkt im Text kommen dann paradoxerweise die Tindererlebnisse ins Spiel. Sprachlich wird das Dating-Leben gern kompliziert ausgedrückt. Viele Fremdworte, um den eigenen Intellekt zu betonen. Dazu Vulgäres, denn der Künstler ist jung, wild, rebellisch und traut sich was! Diesen verdammten Hipster-Text habe ich im letzten Monat bestimmt zehn Mal gehört. Von zehn verschiedenen ganz einzigartigen Menschen, Künstlern! Fließband-Kunst…Copy-Paste-Artists!

„Ja, wie gesagt: Mich interessiert das eigentlich nicht und ich muss hier arbeiten...“

Sollte Kunst nicht beeindrucken, schockieren, überraschen, oder wenigstens unterhalten?

Ich meine, man muss sich ja nicht wie Pjotr Pawlenski den Sack auf den Roten Platz in Moskau nageln, um sich Künstler zu nennen. Aber ein bisschen mehr Originalität… Mehr Originalität würde allen guttun!

„Ich dachte, du wolltest nicht arrogant wirken…“

 Ihr Bild sieht scheiße aus. Uninspirierte Fließband-Kunst!

„Hab schon originellere Kritik gehört“

 

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Lisanne Surborg
22.01.2018 - 15:58