Ausstellung

Kunst zum Mitgestalten

Am 3.4.19 eröffnete im Museum der bildenden Künste in Leipzig die bis Dato größte Yoko Ono-Ausstellung DeutschlandsAuf mehr als 3700qm können nun über 60 Werke der polarisierenden Künstlerin aus sieben Jahrzehnten betrachtet und mitgestaltet werden.
Yoko Ono
Yoko Ono im Museum der bildenden Künste in Leipzig

Im dritten Anlauf gelang es nun die Yoko Ono-Ausstellung „Peace is Power“ in Leipzig zu eröffnen – mit 6 Monaten Verspätung und in Abwesenheit von Frau Ono selbst. Die Vernissage der zunächst für Oktober 2018 geplanten Ausstellung wurde wiederholt verschoben, da es immer wieder Probleme mit Umsetzung und Transport, nicht zuletzt auch budgetbedingt gab. Verwunderlich ist bei alledem nicht, dass das Prestigeprojekt mehrfach hinausgezögert wurde, sondern eher, dass es trotz Abwesenheit der Künstlerin dennoch gelang. Yoko Ono war dafür kein einziges Mal in Leipzig. Stattdessen war ihr Kurator Jon Hendricks für den Aufbau zuständig. Trotzdem betonten sowohl Oberbürgermeister Burkhardt Jung als auch Museumsdirektor Alfred Weidinger, der die Vision zur Ausstellung hatte, in ihren Eröffnungsreden die besonderen Standortfaktoren Leipzigs. Die bewegte Vergangenheit wie auch seine musikgeschichtliche Relevanz Leipzigs bis heute. Beides soll Yoko Ono in ihrer Entscheidung für die Ausstellung bestärkt haben, sodass sie sich „sehr sehr leicht überreden [ließ] die Ausstellung für das Museum der bildenden Künste in Leipzig zu machen.“, so Weidinger. Denn letztlich kommen dabei zwei essenzielle Aspekte von Yoko Onos Oeuvre zusammen: Der politische Aspekt und der künstlerische Ansatz der Handlungsinstruktion, der immer wieder mit Partituren in der Musik in Verbindung gebracht wird.

Was ist zu sehen?

Yoko Onos Werke aus 7 Jahrzehnten – von den 50ern bis heute werden in der 3. Etage sowie allen Lichthöfen und Terrassen des Museums ausgestellt. Das heißt: von großformatigen Rauminstallationen über zahlreiche Objekte, Videos und Performance-Mitschnitte der Fluxus-Periode bis hin zu Konzeptkunst ist alles vertreten. Sogar einige grafische Arbeiten, die erstaunlich gegenständlich daherkommen, sind anzutreffen. Einzig jene Beatles- bzw. John Lennon-Anhänger, die auf der Suche nach den Spuren ihres Idols sind, kommen nicht auf ihre Kosten. Lediglich vereinzelte Reminiszenzen jener Zeit sind anzutreffen und auch diese nur in künstlerischem Kontext, etwa ein Replika der Blutverschmierten Brille ihres verstorbenen Gattens. 

 

Die Ausstellung widmet sich bewusst der Künstlerin Yoko Ono und eben nicht der so sehr umstrittenen popkulturellen Ikone. Überraschend wenig persönliche Präsenz ist es dann auch, die einem in der Ausstellung begegnet. Und das trotz des so subjektiven Charakters Ihrer Kunst. So sind nur wenigen Tonaufnahmen der Frau, die mit ihren Schreien zum Feindbild für tausende – und zur Heldin zigtausender – wurde, anzutreffen.  Vielmehr liegt der Fokus auf den großen Rauminstallationen, die Dank ihrer räumlichen Präsenz das Herzstück der Ausstellung ausmachen. So begegnet man in der 3. Etage unweigerlich der riesigen Installation „Ex it“, die aus zahlreichen Särgen, aus denen Zitrusbäume wachsen, besteht. Untermalt wird dies durch den Gesang von Vogelstimmen. So leise war Yoko Ono noch nie – und vielleicht liegt gerade darin eine Stärke der Ausstellung.  

 

 

 

Und die Konzeptkunst? Auch diese Kunstrichtung, für deren Entstehung Yoko Ono so prägend war (und es sei angemerkt: schon lange vor ihrer durch John Lennon zusätzlich erlangten Berühmtheit), ist zahlreich vertreten. Werke wie ihr 1964 entstandenes „Grapefruit“ fordern zunächst einmal zum Lesen auf. Doch sie greifen über den einfachen Ausstellungsbesuch hinaus, sind es doch letztlich nichts anderes als schriftlich festgehaltene Handlungsanweisungen. Etwa zum Malen, zum Fotografieren, oder Anleitungen wie man zum Himmel gelangt. Noch deutlicher wird dies dann, wenn dem Besucher noch im Museum eben jene Mittel zum Handeln zur Verfügung gestellt werden. So gibt es die Möglichkeit Landkarten zu bestempeln, Wände anzumalen, Nägel in ein Kreuz zu hämmern, Botschaften an die Mutter zu hinterlassen oder Wünsche niederzuschreiben und an Bäume zu binden. Partizipation ist definitiv gefordert.

Worum geht's?

In den großzügigen Räumlichkeiten entfalten die Werke eine sonderbare Wirkung: man wird zur permanenten Teilhabe und Partizipation aufgefordert, ohne aber dabei zu vergessen, dass sich doch alles im musealen Kontext abspielt. Freude an der Teilhabe trifft auf die Themen des großen zugrundeliegenden Leids und Unrechts, die Yoko Onos Schaffen auszeichnen. Zentral ist hierbei immer wieder das Frau-sein, von subjektiven Erfahrungen bis hin zu Monumenten für die weiblichen Opfer von Gewalt verschiedenster Art. Es geht um Gefühle, Fühlen selbst. Aber auch geht es um Individualität und Gleichheit, Gleichberechtigung.  Und um die Lösung des ganzen Dilemmas, mittels Friedens natürlich. Denn: „Peace is Power“. Alles sehr naiv, ihre Feinde würden sagen plakativ, aber eben mit weltbewegenden Themen. Und natürlich der Nachricht, dass man eben doch alles verändern kann. Wenn man nur will. „War is over. If you want it.“ 

Gläser Yoko Ono
 

Bei alledem sollte man aber auch nicht vergessen, dass es sich eigentlich um eine Retrospektive handelt, auch wenn es aus unerfindlichen Gründen nicht als solche deklariert wird. Viele Werke werden gerade dann interessant, wenn man sich ihres Entstehungszeitraums bewusst wird. Insbesondere die Videokunst und Performance-Mitschnitte der Fluxus-Bewegung der 50er und 60er Jahre profitieren von ihrer zeitlichen Verordnung, die diese aus der Masse des aktuell sehr beliebten Mediums hervorhebt. Es ist quasi eine Genealogie der Avantgarden seit den 50ern und 60ern Jahre zu sehen, und das alles anhand von Werken von nur einer Frau. Kunstgeschichte mal ganz anders. Vielleicht birgt dieser Ansatz auch die Möglichkeit einem neuen, bisher noch ablehnende gegenüberstehenden Publikum Zugang zur zeitgenössischen Kunst zu verschaffen. 

Standort Leipzig

„Peace is Power“ ist ein Prestigeprojekt der extra Klasse, es soll Leipzigs Museen wieder auf die Landkarte modernster Kunst führen. Und das mittels einer 86-jährigen Dame, die es trotz dieser enorm aufwändigen Retrospektive nicht für nötig hielt, auch nur einmal selbst persönlich aufzutauchen. Angriffsflächen gibt es sicherlich genug. Wie nahezu alle anderen öffentlichen Museen ist auch das MdbK finanziell nicht besonders stark aufgestellt und eine Yoko Ono Werkschau ist nun mal alles andere als ein billiges Unterfangen. Umso mehr verwundert es, wenn dazu noch die Museumsbestände nicht gerade modern und zeitgenössisch sind. Einzige Verbindungsebene zum Lokalbestand stellt zunächst der politische Faktor dar, der Leipzigs Kunstwerken Dank seiner wechselhaften Geschichte innewohnt. Doch auch diese wurden weitestgehend zugunsten der Ausstellung abgehängt. So ist ein Dialog nicht möglich, scheinbar auch nicht gewollt. Von dem angesprochenen Lokalbezug keine Spur. Es gilt nur eins: Yoko Ono. Peace is Power. Bitte teilnehmen. Es war sehr teuer.

Und jetzt?

„Peace is Power“ ist eine vielschichtig politische aufgeladene Ausstellung. Ob die hochangesetzten Ziele letztlich erreicht werden, bleibt abzuwarten. Ein starkes mediales Echo hat die Ausstellung zweifelsohne bewirkt. Der große Coup ist es dann aber doch nicht, fast schon wie eine Demütigung wirken die Verzögerungen und die deshalb ins leere laufenden Social Media Aktionen bis hin zu Yoko Onos Nichterscheinen in Leipzig.

Blendet man jene kunstpolitischen Hintergründe aus und lässt sich auf die Ausstellung ein, so erwartet einen durchaus ein Vergnügen. Hier treffen sich Kunstlaien, Interessierte und Kritiker gleichermaßen und haben Teil an der Sensation. Ein bisschen wie eine Ausstellung für Kinder, man darf viel spielen und anfassen. Auf jeden Fall leicht lesbar und naiv, für manche erfrischend, für andere überholt. Fans von Yoko Ono werden sowieso überglücklich sein, noch Unentschlossene oder Ablehnende dürften zumindest positiv überrascht sein. Von absolut avantgardistisch über fröhlich spielerisch bis hin zu emotional ergreifend ist alles dabei. Und das Beste: Die Ausstellung passt einfach wahnsinnig gut in die weiträumigen Museumsräumlichkeiten. Alleine deshalb ist sie schon sehenswert.

Hier können Sie den Beitrag nachhören:

Lisa Paschold im Gespräch mit Moderatorin Angie Fischer
 
 

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Robin Schmitt
08.04.2019 - 22:02
  Kultur

Die Ausstellung "Peace is Power" ist noch bis zum 7.7.2019 im MdbK zu sehen.