Frisch Gepresst: Mia Morgan

Küsschen aus der Gruft

In Mia Morgans kreativem Kopf ist viel los. Als Fotografin, Autorin und Social-Media-Queen ließ die 25-jährige ihren Gedanken in der Vergangenheit bereits freien Lauf. Jetzt veröffentlicht sie mit „Gruftpop“ ihre erste EP.
Mia Morgan
Mia Morgan

Mia Morgan wäre gern „Typ deutsche Theaterschauspielerin (strenges Gesicht, roter Lippenstift, naturbrünettes Haar, Secondhand Wickelkleider)“, findet aber auch, dass sie eher aussieht wie eine deutsche Pornodarstellerin. Diesen und ähnliche Gedanken findet man auf ihrem Twitter-Account, der einsamen Nutzern schon das ein oder andere Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. (Anmerkung: Die Redaktion spricht hier aus Erfahrung.) Wenn sich Mia Morgan nicht gerade als Twitterlegende behauptet, ist die junge Kasselerin als Fotografin und Autorin bekannt. Alles Dinge, die sie sehr gut kann und die ihr in den vergangenen Jahren auch immer wieder Aufmerksamkeit verschafft haben. Und doch: dass die Frau auch noch Musik macht, war der breiten Masse bisher unbekannt - völlig zu Unrecht.

So sehen das auch andere Musiker: Dank der Demo ihres Songs „Waveboy“ hatte Kollege Max Gruber alias Drangsal Tränen in den Augen. 2017 war Morgan selbst als Fan auf seinem Konzert, die beiden kamen ins Gespräch und schließlich auf ihre musikalische Arbeit zu sprechen. „Morrissey und Farin Urlaub knutschen rum, Gruftipop mit kompromisslos-geiler Riot Grrrl-Attitüde und das gepaart mit einem unfassbaren Verständnis für Pop-Songwriting“, schwärmt er in einem Instagrampost, in dem er Morgan als Toursupport ankündigt. Dank Gruber werden auch Rapper Casper und Max Rieger (Die Nerven, All diese Gewalt) auf sie aufmerksam. Er produziert mit ihr die Single „Es Geht Dir Gut“.

Blutige Liebe

Morgan beweist auf „Gruftpop“ ein unfehlbares Händchen für düstere Pop. Opener „Valentinstag“ beginnt mit drohenden Orgelschlägen und entpuppt sich dann zu treibendem Schlagzeug und E-Gitarre als blutige Liebes-Hass-Erklärung einer verschmähten Braut. „Es Geht Dir Gut“ ist laut der Kasselerin eine Urban-Vampire-Lovestory oder - weitaus weniger mystisch - die Erkenntnis, dass jemand sie nur hinhält und ihre Gefühle zu seinen Gunsten ausnutzt. Das komplette Gegenstück stellt „Immer Immer Immer“ dar: hier sitzt Morgan schließlich am längeren Hebel und lässt ihren Herzensbrecher schließlich abblitzen. „Gothgirl“ ist eine selbsterklärende Hymne, während „Waveboy“ uns als positives Liebeslied aus „Gruftpop“ entlässt.

Ihre Texte sind reich an Bildern und Metaphern, aber nicht überladen. „Gruftpop“ bleibt greifbar, weil die Künstlerin trotz sprachlicher Ästhetik kein Blatt vor den Mund nimmt. So heißt es etwa, wenn sie von ihrem „Gothgirl“ schwärmt:

Die Dornenranken, die ihr kühles Herz umschließen
Will ich mit Tränen gießen, bis stattdessen in ihr Rosen sprießen
Und ihre zarte Haut und ihr weicher Bauch
Und wie sie ohne Breathplay meinen Atem raubt

- Mia Morgan, „Gothgirl“
Ein Wavegirl zum Verlieben

Mia Morgan ist ein Geschenk für die deutsche Popmusik. Sie mixt NDW, Indie-Rock und Darkwave zu ihrem ganz eigenen, verführerischen Cocktail. Ihr Händchen fürs Songwriting ist (wie von Drangsal prophezeit) stark. So sind ihre Melodien eingängig („Es Geht Dir Gut“ und „Waveboy“ kleben bereits nach dem ersten Hören angenehm im Ohr), aber nicht fad und ersetzbar. Und das gilt es hervorzuheben. Denn: Mia Morgan wird viel und ausgiebig als toughe Feministin gefeiert, die ihre Meinung sagt und offen ihre psychischen Erkrankungen thematisiert. Das ist wichtig und verdient Anerkennung. Neben all dem verdient sie aber auch massenhaft Credit für eine herausstechende, feierliche Debüt-EP.

 

 

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Mia Morgan: Gruftpop

Tracklist:

1) Valentinstag
2) Es Geht Dir Gut
3) Immer Immer Immer
4) Gothgirl
5) Waveboy
6) Waveboy (Demo)

Erscheinungsdatum: 05.07.2019
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