Interview

Krisenkommunikationsgipfel 2017

Das Expertentreffen informiert zu Kommunikationsstrategien in Ausnahmesituationen. Einer der Referenten ist der Pressesprecher der Polizei München Marcus da Gloria Martins. Er war beim Amoklauf in München für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Marcus da Gloria Martins, Pressesprecher der Polizei München
Marcus da Gloria Martins, Pressesprecher der Polizei München

Der 26. Krisenkommunikationsgipfel hat heute in Leipzig stattgefunden. Ziel des jährlichen Treffens ist es, eine professionelle Kommunikationsstrategie für Krisen wie Terroranschlägen, Amokläufen, Unfällen, Naturkatastrophen und Ähnlichem zu erarbeiten. Das Gipfeltreffen richtet sich an Politiker, Unternehmen, Verbände, Behörden und PR-Verantwortliche. Pressesprecher und Krisenmanager informieren über erfolgreiche Kommunikation in Ausnahmesituationen. Diesjähriger Gastgeber ist der Leipziger Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Dubravko Radic. 

mephisto 97.6 Redakteurin Birgit Raddatz hat mit Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins über erfolgreiche Pressearbeit gesprochen. Da Gloria Martins erntete nach dem Amoklauf in München viel Lob für seine professionelle Kommunikationsstrategie.

mephisto 97.6 Redakteurin Birgit Raddatz: Reicht es, einen kühlen Kopf zu bewahren bei Krisensituationen wie beim Amoklauf in München, um gelungene Pressearbeit zu machen?

Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins: Also das, was den Erfolg ausgemacht hat, war zunächst einmal eine riesen Portion Glück. Das muss man ganz klar sagen. Da sind ein paar Faktoren zusammengekommen, die gut funktioniert haben und zum Anderen viele Dinge, die unter der Haube gelaufen sind. Das, was man digital gelesen hat oder was man von mir gehört hat, als O-Tongeber, das ist nur ein ganz kleiner sichtbarer Teil von dem, was da an Planung und Organisation im Hintergrund gelaufen ist. Und das war tatsächlich das Erfolgskritische. Nicht, dass da einer halbwegs gerade Sätze gebildet hat.

Welche Rolle spielen denn soziale Medien in der Krisenkommunikation?

Eine Wichtige, aber keine absolut Alleinstehende. Krisenkommunikation ist deshalb in sozialen Netzwerken wichtig, weil mittlerweile die überwiegende Bevölkerung dort unterwegs ist und an diesem Informationsstrom teilnimmt. Und wenn dieser Informationsstrom zunehmend Treibgut in Form von Gerüchten und Falschmeldungen enthält, dann muss man schnell reagieren können. Deshalb ist es wichtig, dass Behörden auch im Bereich der digitalen Medien sprechfähig sind. Aber es ersetzt auf gar keinen Fall auch eine klassische Pressearbeit.

Also zum Einen gibt es die Möglichkeit, für die Polizei dort Nachrichten oder Ereignisse zu twittern oder zu posten, zum Anderen ist es aber auch wie Sie gesagt haben, eine Gerüchteküche für Nutzer.  Deutlich mehr Menschen twitterten am 22. Juli 2016 über Terror statt über Amoklauf. Wie wirken Sie dem entgegen? Was macht die Polizei München da, wenn sie merkt, da läuft irgendwas falsch oder läuft nicht so, wie wir es vorrangig mal geplant haben?

Das ist jetzt die bequeme Situation des Blicks über die Schulter zurück. Heute wissen wir: Das war ein Amoklauf. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass wir in der Nacht selbst als Münchner Polizei über Stunden nicht gewusst haben, was wir hier eigentlich haben. Weil schlichtweg keiner der bis zu drei Täter, so hieß es zu Anfang, da war. Wir hatten bis weit nach 20 Uhr zwar da Tote liegen gehabt und eine völlig verunsicherte Bevölkerung, aber wir hatten überhaupt keine Ahnung, wer es war, wo sie hin sind, und wie es jetzt eigentlich weitergeht. Das ist eine ganz ungute Situation, um dann als Polizei vor die eigene Bevölkerung zu treten und dem vielfach eingeforderten Ruf nach Orientierung gerecht zu werden. Deshalb sind auch diese sehr unglücklichen Formulierungen zustande gekommen, wie „bis zu drei Täter”. Ich finde die Formulierung ganz schlimm, auch heute noch. Das ist nicht das, was man hören möchte. Es zeigt aber auch, in welch schwieriger Situationslage wir selber als Behörde gesteckt haben.

Die Leipziger Polizei ist nicht bei Twitter, die sächsische Polizei schon. Hier in Leipzig kocht oft die Gerüchteküche über, wenn es um rechte oder linke Gewalt geht. Das wird dann auch oft in den sozialen Netzwerken geteilt. Was raten Sie den Leipziger Kollegen? Haben Sie eine Strategie, die Sie auch an andere Polizeistellen weitergeben können?

Ich bin nicht so vermessen, Anderen irgendetwas zu raten. Ich habe nur den Blick auf München und weiß, was in München funktioniert, was mit unserer Bevölkerung funktioniert. Wir haben ja eine ganz eigene Tonalität, wie wir mit unserer Bevölkerung reden. Das funktioniert in München, weil wir mittlerweile zwei Jahre Erfahrungen haben im Community-Management, wie unsere Bevölkerung von ihrer Behörde angesprochen werden möchte. Und: wir haben natürlich auch eine etwas andere Kultur bei uns. Die Polizei ist dort tatsächlich eine Instanz, die erstmal per sé nicht kritisch gesehen, sondern einfach als Teil der Lebenswirklichkeit akzeptiert wird. Die Münchner sind irgendwo schon ein Stück weit froh, dass es die Polizei gibt. Das ist natürlich etwas, auf dem man aufbauen kann und wo man sagen kann: Wenn Ihr, die Bevölkerung, dann noch akzeptiert, dass wir in politischen Fragen wirklich strikt neutral sind – und je nachdem, wer ruft, weder auf dem linken, noch auf dem rechten Auge blind sind – dann ist das eine gute Basis, um lokal mit der eigenen Bevölkerung zu sprechen. Aber diese Entscheidung und vor allem diese Bewertung muss jede Polizei für sich selber treffen.

Das Interview von mephisto97.6 Redakteurin Birgit Raddatz mit Marcus da Gloria Martins gibt es hier zum Nachhören: 

Das ganze Interview von Birgit Raddatz mit Markus da Gloria Martins
 
 

Kommentare

Und wieder einmal hat es unser Polizei-Pressesprecher, Herr da Gloria Martins, mit wenigen, klaren Worten auf den Punkt gebracht. Bei mir und, das konstatiere ich mal, beim überwiegenden Teil der Münchner Bevölkerung, gilt noch immer der Satz: "Die Polizei, dein Freund und Helfer!" Auch wenn sich das „old fashiond“ anhören mag. Wir wissen schon, was wir an unserer Münchner Polizei haben, und wir wissen sie hoch zu schätzen. Ich weiß zwar nicht warum, aber das mag nicht überall im Bundesgebiet so gesehen werden. Vielleicht würde so manch Polizeigegner seine Meinung ändern, wenn er sich mal ganz ehrlich selbst hinterfragen würde und überlegt, was wäre denn, wenn wir die Polizei nicht hätten? Aber dieser Frage muss sich jeder selbst stellen. In München wissen wir, wir haben definitiv die BESTEN! Und das ist gut so!

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