Filmkritik: Cold War

Krieg zweier Herzen

Skizzenhaft schildert "Cold War" eine zerrissene und distanzierte Liebesgeschichte, die die Paranoia und Entwurzelung der damaligen Zeit widerspiegelt. Das Liebesdrama ist eine Sehnsuchtsmelodie in funkelndem Schwarz-Weiß.
"Cold War"
Stürmische Liebe in Zeiten des Kalten Krieges: Wiktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig).

„Cold War“, das Nachkriegsmelodrama vom polnischen Oscarpreisträger Pawel Pawlikowski (für sein Drama „Ida“), gleicht einer sehnsuchtsvoll melancholischen Liebesballade, ist so rauchig-verführerisch und lässig-cool wie das den Film leitmotivisch durchziehende Lied „Dwa serduszka, cztery oczy“ (übersetzt: „Zwei Herzen, vier Augen“), das uns in verschiedenen Versionen – als polnische Volksweise oder als französisches Chanson – in den 88 Minuten wieder und wieder begegnet und die ganze Tragik dieser komplizierten Amour Fou gewissermaßen vorwegnimmt. Es ist dann auch ihre Leidenschaft für Musik, die die kompromisslos Liebenden, die temperamentvolle Zula (energiegeladen: Joanna Kulig) und den zurückhaltenden Wiktor (Tomasz Kot), im zerstörten Nachkriegspolen zusammenführt.

Komponist Wiktor wurde von der sozialistischen Regierung damit beauftragt ein Folklore-Ensemble zusammenzustellen, um das angeschlagene Nationalgefühl zu stärken. Zu diesem Zweck reist er kreuz und quer durch die Provinz auf der Suche nach geeigneten Gesangstalenten. Bei einem Vorsingen trifft er die schlagfertige Zula, die unter dem Bauernvolk einen zweifelhaften Ruf genießt: Die spröde, blonde Schönheit ist vorbestraft. Gegenüber Wiktor erklärt sie den Grund hierfür:

Mein Vater verwechselte mich mit meiner Mutter. Ich zeigte ihm den Unterschied mit einem Messer.

Trotz dieser Enthüllung ist Wiktor von Zula hingerissen. Er verguckt sich auf Anhieb in die geheimnisvolle Femme Fatale. Heimlich werden die beiden ein Liebespaar, Zula zum gefeierten Star der neu gegründeten Musik- und Tanztruppe „Mazurek“ (nach dem wahren Vorbild "Mazowsze"). Diese wird bald schon keine Liebeslieder mehr vortragen, sondern landauf- und abwärts den großen Regimeführer Stalin besingen. Während die zunehmende politische Gängelung Zula nichts auszumachen scheint – fast im selben Atemzug ihres Liebeschwurs gesteht sie ihrem Geliebten, ihn zu bespitzeln –, fühlt sich Wiktor als jazzbegeisterter Künstler nur noch eingeengt.

Er sieht für sich keine Zukunft im Kommunismus und plant, einen Auftritt des mittlerweile erfolgreichen „Mazurek“-Ensembles in Ost-Berlin zu nutzen, um gemeinsam mit Zula in den Westen zu fliehen. Doch Zula bleibt dem verabredeten Treffpunkt fern und so überquert Wiktor 1952 enttäuscht alleine die Grenzzone. Jahre vergehen, Wiktor und Zulas Wege kreuzen sich wiederholt auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs - Paris, Warschau, und das jugoslawische Split sind (Kriegs-)Schauplätze ihrer 15 Jahre umspannenden On-Off-Beziehung.

Cold War Trailer

Cinephilen-Traum in Schwarz-Weiß

„Cold War“, der beim Filmfestival in Cannes zurecht den Regie-Preis abräumte, ist ein cineastischer Triumph auf ganzer Linie. Gedreht wurde der Film in kontrastreichem Schwarz-Weiß und im gedrängten 4:3 Bildformat, welches die Verlorenheit der Figuren somit auch auf formaler Ebene betont. Jede Einstellung ist so kunstvoll erdacht, dass man meint, locker einen Bildband damit füllen zu können. Furios werden mit Spiegelungen und Licht-Schatten-Spielen gearbeitet. Den Bildkompositionen sind eine unerbittliche Schönheit wie große Sinnlichkeit eingeschrieben.

Fragmentierte Erzählweise

Immer wieder brechen Szenen abrupt ab, werden mehrere Jahre mit einem einzigen Schnitt übersprungen. Der elliptische Erzählstil sorgt so einerseits für intensive Momentaufnahmen dieser turbulenten Liebe und andererseits für eine eher distanzierte Publikumshaltung. Man beobachtet das ewige romantische Hin und Her eher fasziniert, als dass man von den großen Gefühlen auf der Leinwand groß berührt wird.

Das Klima des Kalten Kriegs, reflektiert in der Liebe 

„Cold War“ ist kein genreübliches Kitschepos, keine herkömmliche Liebesschnulze zum vermeintlichen Dahinschmelzen. Zulas und Wiktors gegenseitige magnetische Anziehung erscheint rätselhaft, ihre Beziehung bleibt ein Mysterium. Was treibt diese beiden so unterschiedlichen Menschen immer wieder in die Arme des anderen? Der Film weigert sich beharrlich, eine Erklärung für uns bereitzuhalten, ihre Liebe zu entschlüsseln. Auch darin liegt die Schönheit von „Cold War“ begründet. Der Film mündet schließlich in ein Paukenschlag-Finale, dessen letzte Dialogzeile wunderbar die Essenz von Zulas und Wiktors tragischer Liebe auf den Punkt bringt.   

Das Studiogespräch zum Nachhören:

Kinoredakteurin Karen Müller im Gespräch mit Moderatorin Peggy Fischer über die Kinoneustarts
2211 Kinocheck Mitschnitt
 

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Cold War - Der Breitengrad der Liebe ("Zimna Wojna")

Kinostart: 22. November 2018

Regie: Pawel Pawlikowski

Cast: Joanna Kulig, Tomasz Kot u.a.

Laufzeit: 88 Minuten

FSK: 12