Filmrezension: Directions

Krankheitssymptome auf der Taxirückbank

Directions heißt übersetzt Wegbeschreibungen. Genau jene haben die Figuren im bulgarischen Roadmovie verloren. Orientierungslos bewegen sie sich durch Sofias nächtlichen Großstadtdschungel - auf der Suche nach Nähe, Vergeltung oder Zerstreuung.
Directions
Die Tochter wartet geduldig im Taxi ihres Vaters Misho, der im Clinch mit der Mafia liegt.

Wie es sich für einen Episodenfilm gehört, tummeln sich in Stephan Komandarevs Taxigeschichten-Drama zahlreiche, den unterschiedlichsten Milieus angehörige Charaktere. Während den fünf Taxifahrern (Misho, Kosta, Zhoro, Mitko und Andrei) und der Taxifahrerin Rada die meiste Screentime zugestanden wird, sieht man die Gesichter mancher Figuren gar nicht − einzig ihre Stimmen sind sekundenlang zu vernehmen. Andere wiederum − die Fahrgäste − stehen wenige Minuten ganz im Mittelpunkt der sprunghaften Handlung, bevor sie die unverbindliche Intimität der erleuchteten Taxen-Innenräume gegen die verschluckende Schwärze der Nacht draußen eintauschen. Nicht immer werden sie dabei zur eigentlichen Destination kutschiert − spontan kommt es zum Stillstand der Fahrzeuge oder die Fahrtrichtungen ändern sich unvermittelt. Mehr als einmal werden Passagiere − freiwillig oder nicht − an demselben Ort abgeladen, wo man sie ursprünglich aufgegabelt hatte. Symptomatisch für den schlingernden (Fahr-)Kurs einer krisengebeutelten Nation wird an einer Stelle konstatiert, man habe die Richtung verloren.

Das Studiogespräch zum Nachhören:

Karen Müller im Gespräch mit Moderator Paul Materne über "Directions"
1105 SG Directions

Lose miteinander verbunden sind die Episoden durch eine 15-minütige, sich dramatisch zuspitzende Einleitung. Misho, ein bankrotter Geschäftsmann und notgedrungener Teilzeit-Taxifahrer − erlebt den schlimmsten Tag seines Lebens: Nachdem der Familienvater seine Tochter zur Schule gebracht hat, wird er vom pünktlichen Eintreffen bei einem wichtigen Meeting von seinem nächsten Fahrgast, einer unter Drogeneinfluss stehende Prostituierte, abgehalten und zum Dank auf das Übelste beschimpft. Nur um wenig später eine weitere Hasstirade über sich ergehen lassen zu müssen. Angesichts der Drohung eines korrupten Bankers, Misho und seine Familie zu ruinieren, greift der in die Enge Getriebene zu drastischen Mitteln. Das Stelldichein der beiden Männer kulminiert schließlich in einer verheerenden Gewaltexplosion. Ungleiche Machtgefüge, die Verrohung der Gesellschaft und eine Verzweiflungstat, aus der schiere existenzielle Nöte sprechen − direkt zu Beginn seines Films schlägt der Bulgare Stephan Komandarev ungemein düstere Töne an.  

Perspektivenwechsel. Nächtlicher Trubel in Sofia: Chaos im Feierabendverkehr; hoher Lärmpegel; von Reklametafeln und Scheinwerferlichtern erleuchtete, verdreckte Straßenzüge. Mittendrin optisch gut erkennbar: gelbe Taxen. Manövrierend durch die labyrinthische Metropole, zuverlässig die wechselnde Kundschaft von A nach B transportierend. Während der Arbeitsschicht hören die verschiedenen Taxifahrer*innen denselben Radiotalk-Sender. Das bestimmende Gesprächsthema dort ist der morgendliche Vorfall, in den Taxikollege Misho verwickelt ist. Per anonyme Anrufe diskutieren aufgebrachte Bürger*innen das Für und Wider seiner Verhaltensweise. Bald ist ein anderer Schuldiger für die Tragödie ausgemacht: Der am Boden liegende Staat und seine Zivilgesellschaft...
 

Faszinosum Taxi - abgekapselter Kosmos auf Rädern

Das Konzept, anhand ausgewählter Taxifahrten ein fragmentarisches Gesellschaftsportrait zu zeichnen, ist keineswegs neu, wird in DIRECTIONS jedoch ähnlich effektiv umgesetzt wie zuletzt in TAXI TEHERAN. Die Vorteile, die das Taxi als vorrangiger Handlungsort bietet, macht sich nun auch Regisseur Stephan Komandarev für sein neorealistisches Roadmovie zunutze. Von den aus der Enge geführten, aufschlussreichen Unterhaltungen zwischen Fremden bis hin zu der Tatsache, dass sich die Taxen ungestört zwischen den Gesellschaftsschichten bewegen. Vom arbeitslosen Bäcker bis zum wohlhabenden Unternehmer − sie alle nehmen auf dem Rücksitz der Fahrzeuge Platz.    

Gott, der Realist und Pessimist

Bittere Armut, ein von Korruption zerfressener Staatsapparat und die voranschreitende Entvölkerung einer ganzen Nation, zurückzuführen auf den massiven Exodus von Bulgariens Bildungselite. In einer Szene heißt es treffend, selbst Gott habe das Land verlassen − gemeinsam mit allen Realisten und Pessimisten. In seiner Funktion als Filmemacher scheut sich Stephan Komandarev nicht davor, in DIRECTIONS sozialkritische Themen anzureißen und nationale Missstände schonungslos offenzulegen.

Andere Taxi-Episoden wiederum, so beschleicht einen das Gefühl, könnten sich auch in EU-Städten fernab Sofia ereignen − etwa, wenn das Sozialdrama den ökonomischen Überlebenskampf und moralischen Verfall, sprich die zunehmende Lieblosigkeit im direkten Umgang miteinander verhandelt. So stößt beispielsweise ein alter Taxifahrer, dessen Sohn vor kurzem gestorben ist, mit dieser traurigen Eröffnung sowohl bei dem kichernden Paar auf dem Weg zu einem "diskreten" Hotel als auch bei drei alkoholisierten Männern nur auf taube Ohren. Im Verlauf des Abends findet der einsame Herr schließlich doch noch einen stillen Zuhörer, der ihm Trost spendet.

Directions
Andrei - Tagsüber Priester, nachts Taxifahrer, um mit dem zusätzlichen Gehalt seine Familie über Wasser zu halten.

Hoffnung auf Heilung?

Im Kontrast zu dieser oftmals schwermütigen Grundstimmung beobachtet man im Film aber auch sporadische Lichtblicke: Pechschwarzer Humor, zwischenmenschliche Begegnungen voller Mitgefühl und gegenseitigem Respekt. Ein hoffnungsvolles Aufflackern in der Dunkelheit. Da hält etwa der besonnen reagierende Taxikollege einen suizidalen Lehrer davon ab, von einer Brücke zu springen, indem er ihn geschickt in ein Gespräch verwickelt.

Gerade durch den Fake-Doku-Stil (wenige Schnitte, verwackelte Digitalkamerabilder) wirkt der von wahren "Straßen-Geschichten" inspirierte Film noch um einiges grimmig-authentischer. Man fühlt sich wie ein unsichtbarer Passagier an Bord der Taxen, der die flüchtigen Zusammenkünfte hautnah miterlebt. Nicht alle Episoden können dabei gleichermaßen überzeugen; manches wird zu überdeutlich ausgestellt oder melodramatisch aufgebauscht (Stichwort: Rache-Subplot). 

Er habe mit dem Filmprojekt eine ehrliche "Bestandsaufnahme" seiner Heimat bezweckt, schreibt Stephan Komandarev in den Produktionsnotizen. Gelungen ist ihm das ambitionierte Vorhaben allemal. DIRECTIONS soll nun den Auftakt einer ganzen Trilogie markieren. Als nächstes möchte der Regisseur jeweils Roadmovies aus der Perspektive von Polizisten und Krankenwagenfahrer in Angriff nehmen. Schwer vorstellbar, dass man bis zu deren Veröffentlichung schon ein neues, passendes Herz für den schwerkranken Patienten Bulgarien aufgetrieben hat.

Das auf Englisch geführte Interview mit dem DIRECTIONS-Regisseur Stephan Komandarev zum Nachhören:

Filmemacher Stephan Komandarev im Gespräch mit Redakteurin Karen Müller
 

 

 

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Directions - Geschichten einer Nacht
 
Kinostart: 10.05.2018
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Stephan Komandarev
Cast: Vassil Vasilev-Zueka, Gerasim Georgiev, Vasil Banov, Irini Jambonas und andere