Konzertbericht: Wolf Alice

"Formidable Cool"

Schunkelketten, Headbanging und hier und da ein paar verstohlene Tränen – das Konzert der britischen Indierockband Wolf Alice am 14. Dezember 2018 im Beatpol Dresden war ein wahres Wechselbad der Gefühle.
Wolf Alice

Besinnliche Vorweihnachtstage, Kekse essen bis zum Umfallen und sich so weit es geht nicht von der Couch wegbewegen? So ein klassischer, ruhiger Dezember war Wolf Alice 2018 nicht gegönnt. Ganz im Gegenteil: Die Vier-köpfige Band beendete das Jahr mit der finalen Tour zum bereits 2017 erschienenen Album „Visions Of A Life“. 12 Konzerte spielte das Londoner Quartett um Sängerin Ellie Rowsell in ganz Europa, davon vier auch in Deutschland. Ein wahrer Weihnachtssegen für Fans in Heidelberg, Köln, Dresden und Berlin sowie für die extra Angereisten.

Von Zahnlücken und Punkbands

20 Uhr im Beatpol Dresden. Der ehemalige Gasthof fungierte zu früheren Zeiten als Ballsaal. Heute jedoch ist er mit seinen roten Säulen und der wunderbar hohen Stuckdecke als Konzertsaal vor allem für Rockbands bekannt.

Der Raum ist für die Vorband Surfbort erst mäßig gefüllt. Durch die Reihen schauend, lässt sich schwer ein Publikumsquerschnitt erkennen – die Leute sind so verschieden wie die Genres, die Wolf Alice bedienen: Wie sich die Londoner Band auch nur schwer irgendwo zwischen Folk, Grunge, Indie, Alternativ und Punk einordnen lässt, so geht es einem mit den Zuschauerinnen und Zuschauern in Dresden ähnlich. Da sind einmal die etwas älteren Fans, in traditionell schwarzer Rockerkleidung, aber ebenso auch die aufgeregten Teeniegirls nebst den „klassischen“ Indiefans im Hipsterlook.

Eine Gemeinsamkeit teilen die meisten jedoch: Den anfangs doch etwas überforderten Blick, als die New Yorker Punkband Surfbort auf die Bühne kommt. Das Quartett um Sängerin Dani Miller kommt aus Brooklyn und ist für Dani ihr erstes musikalisches Projekt. Dani, mit den prägnanten Zahnlücken, bleibt einem im Gedächtnis. Aber nicht nur deswegen: Mit ihren äußerst authentischen 80er Jahre Punkoutfits ist Surfbort äußerlich sowie auch klanglich alles andere als langweilig. Ihr Sound ist trashy, wild und vor allem laut. Während Dani erst 25 Jahre alt ist, sind ihre Bandkollegen alle mindestens 20 Jahre älter – ihre „dads“ wie sie sagt. Das Publikum reagiert anfangs mit der typischen deutschen Verhaltenheit, doch Dani Miller schafft es mit Manövern wie etwa ausgelassenem Herumspringen im Publikum, ekstatischen Tanzmoves oder gar dem Herumrollen inmitten der Leute, schon einmal das Eis zu brechen.

Tränen hier, Moshpits da.

Nach Surfbort ist es im Konzertsaal bereits tatsächlich auch atmosphärisch merklich wärmer und alles wartet gespannt auf Wolf Alice. Ein Leuchtrentier sorgt auf der Bühne für weihnachtliches Flair und mit dem Harry Potter-Theme kommt die Londoner Band dann endlich auf die Bühne. Sängerin Ellie Rowsell sieht im hellgrünen Einteiler wie immer elfenartig aus. Dennoch beweist sie bereits mit dem Opener „Yuk Foo“, dass sie lang nicht immer so zart ist, wie sie aussieht.

You bore me to death

schreit sie der Menge entgegen, die es entgegennimmt, als wäre es das größte Kompliment. Bereits ab dem ersten Song ertönt ein ausgesprochen lauter Applaus.

„You're a Germ“ schließt an die Schnelligkeit des Openers an, doch spätestens mit „Lisbon“ zeigt Wolf Alice dann auch noch ihre andere, verletzlichere Seite. „Lisbon“ ist der sechste Track vom Debütalbum „My Love Is Cool“ und inspiriert vom 1993 veröffentlichtem Buch „The Virgin Suicides“ über die Geschichte der Lisbon-Schwestern. Lyrics typisch für Wolf Alice: verschachtelt, verworren, tiefgründig und doch ohne Kitsch. Es folgen einige alte Songs wie „90 Mile Beach“ und „Blush“. Gerade bei eben diesen ruhigeren Liedern beweist Ellie Rowsell ihre unglaublichen Gesangsqualitäten. Ellie ist eine Sängerin, die es schafft mit ihrer Stimme Menschen zu bewegen. Gerade bei „Blush“ ist die Emotionalität im Raum leicht greifbar, Freunde sowie Fremde umarmen sich und Schunkelketten entstehen. Hier und da ist eine Träne glitzern zu sehen.

Sphärischer Indierock

Wolf Alice dringen mit Liedern wie „Sky Musings“ oder „After The Zero Hour“ in andere Sphären ein – es fällt einem ungewöhnlich einfach sich komplett in der Musik zu verlieren. Leicht kann in ein Stadium bedenkenloses Vertrauens in die Band abgedriftet werden. Ein Loslassen, dass sich jedes wirklich gelungene Konzert nur wünschen kann. Großes Vertrauen kann auch in der Songreihenfolge gefunden werden: Nach ruhigeren Parts folgen andere, punkigere Lieder. So ist Wolf Alice bekannt für antreibende, zum head-banging verleitende Gitarrenparts wie etwa in „Fluffy“, „Space  & Time“ oder „Formidable Cool“.

Während Ellie ihre ganze Energie in den Refrains rauslässt und ihre Stimme stets zu Höchstleistungen treibt, ist auch Bassist Theo Ellis für eine gute Stimmung unverzichtbar. Während Gitarrist Joff Oddie und Schlagzeuger Joel Amey auch motiviert dabei sind, ist es dennoch meist Theo, der das Wort an die Fans richtet. Stets hyped er die Menge auf, interagiert mit dem Publikum und ist mit einer Begeisterung dabei, die einen, nach so vielen von Wolf Alice bereits gespielten Konzerten, wirklich umhaut. Nach eigenen Angaben der Band auf Instagram waren das 2018 nämlich stolze 187 Shows!

Fazit

Abschließende Worte? Das Wolf Alice Konzert war ein absolutes Highlight im Dezember und einer dieser Auftritte, bei denen einem noch Tage später das Lächeln ins Gesicht steht. Die Londoner Band kann eben beides: Einen zu Tränen rühren und zum euphorischen, ausgelassenen Springen bringen.

Bleibt abschließend nur noch eins zu hoffen, und zwar, dass Bassist Theos Aussage sich nicht bewahrheitet. So äußerte er sich nach dem Konzert, auf dem Weg zum Tourbus, zu noch wartenden Fans mit den Worten: „Third Album is coming! Haha joke, it's not. Fuck making music ever again.“ Das war jedoch nur ein Witz. Hoffentlich.

 

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Nele Rebmann
08.01.2019 - 15:06
  Kultur

Kurz und Knapp:

Wer? Wolf Alice

Wann? 14. Dezember 2018

Wo? Beatpol Dresden