Interview: Musikfotograf Nils Lucas

Kommt für die Band, bleibt für die Fotos

Drei Jahre lang hat Fotograf Nils Lucas die Band Faber auf Tour begleitet. Mit „I fucking love my life“ veröffentlichte er im vergangenen Jahr nicht nur sein erstes Fotobuch, sondern auch ein Manifest ihrer gemeinsamen Zeit.
Mittendrin statt nur dabei: Drei Jahre lang hat Nils Lucas die Band Faber begleitet.
Immer mit dabei: Drei Jahre lang hat Nils Lucas die Band Faber begleitet.

Das Jahr ist 2019 und das Dasein als Band war nie komplexer. Geld gibt's eh keins mehr und neben überzeugender Musik brauchst du auch noch eine Onlinepräsenz, die sagt: Wir sind hip, wir sind relevant und eigentlich genau wie ihr - nur lustiger und mit besseren Captions. Wer das clever anstellt, ploppt beim blindlinken Scrollen in diversen Feeds immer mal wieder auf und sticht dabei hervor. Ganz alleine gelingt das Bands aber selten. Zwar haben viele einen bewundernswerten Lauf, was Storys, Tweets und Kommentare angeht, die Ästhetik des eigenen Instagramaccounts hängt aber auch von anderen Menschen ab. Nils Lucas, zum Beispiel. 

Auf Tour mit Faber, Von Wegen Lisbeth & Co.

Für Fans von Giant Rooks, Razz oder Von Wegen Lisbeth ist er seit mehreren Jahren eine gern gesehene Konstante. Lucas ist verantwortlich für einen Großteil der Live- und Pressefotos, die von den Bands momentan im Umlauf sind. Er begleitet die Musiker als stiller Beobachter auf und hinter der Bühne, hält ihren Arbeitsalltag fest und fängt besondere Szenen für die Nachwelt ein. 

Auch die Band Faber hat Nils Lucas begleitet, drei Jahre um genau zu sein. Eine Zeit, in der jede Menge an Geschichten, Erinnerungen und Fotos zusammenkommt. Damit die nicht einfach im kalten Internet versacken, hat sich Lucas entschlossen: Er veröffentlicht sein erstes Fotobuch und widmet es seiner Zeit mit Faber. „I fucking love my life“ heißt das gute Stück und umfasst 117 Fotografien auf 160 Seiten. Wer die aufschlägt, begleitet ihn und die Band auf eine Reise - von Autobahn zu Autobahn, von Backstage zu Backstage und von Show zu Show. 

Faber Ende 2018, bei einem Konzert im Felsenkeller
 

Immer mit dabei

Lucas sieht sich selbst nicht als Künstler, sondern als Dienstleister. Für Fans der Musiker, die er so fleißig porträtiert, ist seine Arbeit zwar omnipräsent, seine Person aber schwer greifbar. Er ist immer dabei, das weiß man auch - nur von ihm weiß man nichts. Deshalb fühle ich mich auch ein bisschen seltsam, als ich in einem Neuköllner Café auf meinen Interviewgast warte. Es ist Freitag, der 18. Januar und „I fucking love my life“ feiert heute seinen Release in Berlin. Der perfekte Moment, den Mann hinter der Kamera ein bisschen ins Rampenlicht zu zerren - ob er will oder nicht. 

Während ich an meinem Tee sippe, schwingt die Tür auf und Nils kommt rein, frisch vom Sport. Nach ein paar Minuten höflichkeitsbedingtem Smalltalk darf ich feststellen: Nils Lucas ist ein bisschen ruhiger, als ich ihn mir vorgestellt habe - aber ein mindestens genau so angenehmer Gesprächspartner. Zeit also, meinen Fragenkatalog abzufeuern. 

Neben der Antwort auf die Frage, wie man überhaupt in die begehrte Position kommt, Tourfotograf zu werden oder warum es ausgerechnet ein Fotobuch mit den Jungs von Faber wurde, teilt er auch ein paar Weisheiten zu seinem Berufsbild als Musikfotograf selbst mit. Zum Beispiel über das ewig leidliche Thema Fotocredits:

Ich kenn' Fotografen, die einen Anwalt haben, der sich das ganze Jahr nur darum kümmert die Leute abzumahnen und damit 30 % ihres Gehalts machen, pro Jahr. Wenn da plötzlich ein Bild irgendwo in 'ner Zeitung verwendet wird und da steht nicht der Name drunter, oder auch wenn da'n Name drunter steht, dann wurdest du nicht gefragt und hast kein Geld dafür bekommen, dass die das Bild nutzen dürfen um damit ihre Zeitung zu verkaufen. 

- Nils Lucas, Musikfotograf

Knappe sieben Stunden später treffen wir uns wieder, diesmal in einer verrauchten Kneipe. Im Trude Ruth & Goldammer präsentiert Nils Lucas sein Buch. Er und Faber-Sänger Julian Pollina nehmen die Gäste in Empfang, und verweisen auf einen kleinen Nebenraum, in dem die Releaseparty stattfindet. Lucas hält eine kurze Ansprache, überlässt aber dann Pollina das Mikrofon. Der gibt über den Abend verteilt ein paar Faber-Hits zum Besten, kündigt aber auch den späteren Auftritt des Schweizer Singer-Songwriter-Duos Steiner & Madlaina an. In der Zwischenzeit signiert Nils Lucas ein Buch nach dem anderen und beantwortet emsig alle Fragen, die ihm von den Partygästen gestellt werden.  

Faber
 

„Einfach nur Wille“ 

Musikfotografie, die ewig brotlose Kunst. So der Duktus, mit dem der Berufswunsch häufig assoziiert wird. Neben dem wiederkehrenden Vorschlag sich endlich einen „richtigen“ Job zu suchen, haben Neueinsteigende in der Branche häufig mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Ein Glück also, dass es Menschen wie Nils Lucas gibt. Er zeigt, dass Musikfotografie viel mehr ist als die ewige Jagd nach Credits und Einkommen. Mit „I fucking love my life“ dokumentiert er nicht nur ein paar Typen auf Tour. Er schenkt uns einen Einblick in seinen Arbeitsalltag, seine Freundschaften und Konzerte, von denen er ein unscheinbarer, aber unmittelbarer Teil wurde. Aber vor allem teilt er die überaus wertvolle Lektion, dass das mit der Musikfotografie durchaus gut gehen kann:

Das ist eigentlich ganz einfach: Arsch aufreißen, an sich glauben und immer danach streben, das Beste [aus sich] rauszuholen. Dann klappt das irgendwann. Da bin ich mir relativ sicher. [...] Nur weil das nicht so strukturiert ist und in unserer Gesellschaft implimentiert ist, heißt das nicht, dass es nicht funktioniert. Man muss sich halt einfach nur dahinter klemmen. Einfach nur Wille. Wille und an sich glauben!

- Nils Lucas, Musikfotograf

Das Interview zum Nachhören gibt's hier:

Musikredakteurin Ariane Seidl im Gespräch mit Fotograf Nils Lucas.
 
 

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