DOK 2018

Körper als soziales Konstrukt

In dem experimentellen Dokumentarfilm "Tan" begibt sich Elika Hedayat auf Spurensuche am männlichen Körper. Sie porträtiert zwei gegensätzliche Milieus - Bodybuilder und Kriegsversehrte - und wird durch das Treffen zu Kunstwerken inspiriert.
Tan
Körper, denen Gliedmaßen fehlen, werden in "Tan" mit Adoniskörpern kontrastiert.

Elika Hedayat ist von männlichen Körpern fasziniert. Die junge Frau malt sie. Früher im Zeichenunterunterricht die Aktmodelle. Seither grotesk deformierte Leiber, surreale Mensch-Tierwesen-Hybriden. Nach solchen Modellen aus ihrer Fantasie hält sie in der realen Welt Ausschau.

Modelltrio für wissbegierige Künstlerin 

Auf ihrer filmisch festgehaltenen, persönlichen (Sinn-)Suche begegnet sie drei Iranern. Die Männer sind sich ihrer Körper besonders bewusst: Unfreiwillig oder freiwillig. Auf der einen Seite stehen Ismael und Alireza, beide Vertreter der älteren Generation. Als Jugendlichen wurden ihnen während ihres Militärdienstes Körperteile wegggesprengt. Das linke Bein, die Augen, Hände. Zurück geblieben sind Stümpfe; der Zwang, den Alltag erfindungsreich zu meistern – und männlicher Stolz angesichts ihrer Verstümmelung im heroischen Einsatz für die Heimat. Ismael ist beinamputierter Veteran des Iran-Irak-Kriegs. Beinahe nostalgisch erinnert sich der 50-Jährige an die damalige „Liebe zum Krieg“. 

Wir träumten von nichts anderem als [an die Front] zu gehen. Ich war nicht der Einzige. Jeder sehnte sich danach. Es war die Stimmungslage dieser Ära. Was kann ich sagen? Wie eine Überzeugung, ein Nationalgefühl.

Ismael

Auf der anderen Seite steht Fabrikarbeiter Hadi, Ende 20. Seinem Durchschnittsleben verleiht er Starglanz mit dem Titel „Culturism Champion“. Der wurde ihm bei einem Bodybuilder-Wettbewerb verliehen. In seiner Freizeit trainiert er verbissen auf den „perfekten“ Körper hin. Vor dem Spiegel im Fitnessstudio (und gleichzeitig vor der Kamera) lässt Hadi seine Muskelberge spielen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stemmt er Gewichte.

(Körper-)Identitäten - Produkte ihrer jeweiligen Ära

„Tan“ ist ein reflexiver, fast schon poetisch entrückter Dokumentarfilm. Elika Hedayat erkundet darin nicht nur die Lebensweise ihrer drei Protagonisten. Davon ausgehend versucht die Künstlerin, einen Wandel des männlichen Körperbildes in der iranischen Gesellschaft abzuleiten. Gegenübergestellt werden die Auffassungen zweier Generationen. Welche gesellschaftliche Funktion kommt dem männlichen Körper zu? Ist er bloßes Instrument oder Kapital, aufgewertet zum Statussymbol?

Wiederholt stellt die Regisseurin Verbindungen zwischen Sujets her, baut extreme Kontraste auf. Kriegsversehrte und krankhaft aufgepumpte Körper. Vergangenheit und Gegenwart. Per Voice-Over teilt Hedayat dem Publikum ihre Gedankenwelt mit, wirft Fragen auf und öffnet damit Interpretationsräume. Unterlegt sind die Off-Kommentare von ihren eigenen Kunstwerken oder  Archivmaterial aus dem Iran-Irak-Krieg.

Wenn ich diese Bilder sehe, denke ich an Hadi. Hadi, der "Culturism Champion" wäre einer dieser Kämpfer geworden, wenn er 30 Jahre eher geboren worden wäre. Und vielleicht sogar ein stolzer Verstümmelter, so wie Ismael. Heutzutage haben in diesen Nachbarschaften die Rekrutierungszentren für die Front wohl den "Culturism Clubs" Platz gemacht. Ist es nur wegen dem Ende des Krieges? Oder dem Ende einer Ära?

Elika Hedayat

Trotz positivem Gesamtbild hinterlässt „Tan“ einen schalen Beigeschmack. In das Filmessay finden minutenlange Trainingsmontagen schweißgebadeter, junger Männer Eingang. Eine fragwürdige Fleischbeschau ist das, nichts weiter. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier der bedenklichen, modernen Körperfixierung noch Vorschub geleistet wird.

Den Beitrag zum Nachhören findet Ihr hier:

Eine Filmkritik zu "Tan" von Karen Müller
0111 Tan Mitschnitt
 

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Tan

Next Masters Wettbewerb, DOK 2018

Regie: Elika Hedayat

Laufzeit: 72 Minuten

Protagonisten: Elika Hedayat, Ismael, Alireza, Hadi