DOK Rezension

Körper als Kriegsschauplätze

Bereits am ersten Festivaltag hatte das 60. DOK Festival einen emotionalen Höhepunkt zu bieten. Einen, der den Zuschauer mit in tiefste menschliche Abgründe reißt. "Silent War" lässt sich nicht so einfach wieder abschütteln.
Szene aus "Silent War"
Triste Landschaftsaufnahmen untermalen die erschütternden Berichte

Einen Film über syrische Frauen wollte die französische Regisseurin Manon Loizeau drehen, sagte sie nach der Vorführung  von "Silent War" einem sichtlich mitgenommenen Publikum. Was die Frauen in ihrem Dokumentarfilm zu erzählen haben, ist erschreckend.

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien setzt die Armee systematisch Vergewaltigung als Kriegswaffe ein. Frauen werden in Gefängnisse verschleppt und brutal misshandelt, gelten nach ihrer Freilassung als Schande. Für Manon Loizeaus Film haben mehrere Frauen den Mut gefunden, ihr Schweigen zu brechen und erzählen vor der Kamera ihre Geschichten. Loizeaus Dokumentation über syrische Frauen wird zu einer Klage gegen ein politisches System und eine Gesellschaft, die permanent wegsieht und nichts gegen die Verbrechen unternimmt. 

Stille Kriege

Loizeaus Doku konzentriert sich einzig und allein auf die Frauen und deren individuellen Berichte und Schilderungen. Glaubt man anfangs noch, eine gewisse Distanz wahren zu können, wird dem Publikum recht schnell der Boden unter den Füßen weggezogen. Die erschütternden Zeugenberichte und Erlebnisse der Protagonistinnen lassen einen fassungslos zurück. Gerade wenn man glaubt, der Film sei zu Ende, folgen die nächsten Geschichten, eine grausamer als die andere. "Silent Wars" eröffnet dabei die ganze Dimension der psychischen Vernichtung, die die gezeigten Frauen erleben mussten. Vergewaltigung gilt in der syrischen Gesellschaft als absolutes Tabuthema. Die einzige Option für die Betroffenen ist also das Schweigen, ansonsten drohen ihnen Verstoßung oder gar der Tod. Die Frauen im Film mussten ihre Heimat verlassen. Grund dafür sind Drohungen aus der eigenen Familie. Die Aussicht auf psychologische Hilfe ist schlecht, da die Frauen anonym bleiben müssen, um nicht in Gefahr zu geraten.

Bedrückende Bilder

Die Inszenierung von "Silent War" ist sehr dezent ausgefallen. Untermalt werden viele Berichte mit Aufnahmen von tristen Landschaften, zerfallenen Mauern und anderen vermeintlich unspektakulären Bildern. Im Kontext der Erzählungen erzielen Aufnahmen von einem Schlüssel oder einem Stück Stacheldraht eine beklemmende Wirkung. Eine Lösung für die geschilderten Verbrechen scheint noch in weiter Ferne. Wahrscheinlich ist es genau das, was den Film noch unerträglicher werden lässt: Die Hilflosigkeit und Aussichtslosigkeit, mit der die Frauen und auch das Publikum konfrontiert werden. Wenn eine der Protagonistinnen gegen Ende des Films unter Tränen sagt, der Zuschauer dieses Films sei zwar wahrscheinlich von ihrer Geschichte verstört, aber werde am Ende trotzdem gleichgültig den Kinosaal verlassen und nichts unternehmen, ist das Grauen plötzlich ganz nah. "Silent War" ist mehr als eine Dokumentation, sondern ein zutiefst bewegender Hilferuf. Wie man als Zuschauer helfen kann, bleibt leider offen, aber das Zuhören scheint ein Anfang zu sein.

Silent War - excerpt approved for promo use (ENGLISH SUBTITLES) from Java Films on Vimeo.

 

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Screening Termine von "Silent War" beim 60. DOK Festival

31.10.

19.15 Uhr Passage Kinos

1.11.

14 Uhr Cinémathéque Leipzig