Im Gespräch: Heike-Melba Fendel

Können Filme das Leben erklären?

„Zehn Tage im Februar“. Zehn Tage Berlinale, zehn Tage voller Filme und zehn Tage, in denen die Protagonistin entscheiden muss, ob und wie ihre Beziehung eine Zukunft hat. Heike-Melba Fendels Protagonistin sucht und findet die Antwort in Filmen.
Redakteurin Johanna Bastian im Gespräch mit Heike Melba Fendel

Eine Studentin reist für eine Nacht von Köln nach Berlin, nur um sich „Der Pate“ Teil I und II in einem Kreuzberger Kino anzusehen. Als sie nach der durchwachten Nacht im Kinosessel am nächsten Tag durch Berlin streift, wird sie von einem jungen Mann angesprochen. Er stellt sich als Scheich vor, schenkt ihr einen Kaftan, lädt sie zum Essen ein. Und damit nicht genug, sie solle ihn doch auch auf dem Filmfestival in Cannes besuchen. Die junge Frau zögert nicht. Zurück in Köln organisiert sie ein Auto, das Empfehlungsschreiben einer noch nicht existenten Zeitschrift und überredet ihre Freundin sie als Fotografin zu begleiten. Nach zehn Tagen im Süden von Frankreich ist sie hin und weg. Von den Filmen, dem Glamour, den Möglichkeiten. Sie beschließt, dass so ihre Zukunft aussehen soll.

Zehn Tage Ausnahmezustand

Diese Episode aus dem Leben der Protagonistin des Romans „Zehn Tage im Februar“ sagt vieles über sie aus. Jahre später, wir befinden uns jetzt in der Gegenwart, ist sie eine erfolgreiche Filmkritikerin und hat außerdem ein eigenes Unternehmen. Ihre Leidenschaft für Filme, ihre Schwäche für Extravaganz und die impulsive Art sind geblieben. Der spontanen Einladung eines spannenden Mannes würde sie immer noch folgen. Andererseits hat sie ihr Lebensgefährte, der im ganzen Buch nur „der Mann“ genannt wird, für zehn Tage im Februar verlassen – also genau für die Dauer der Berlinale. Anfangs, gerade als sie die Notiz des Mannes findet, in der er ankündigt, erst in zehn Tagen wieder zurückzukommen, scheint sie noch sehr klar zu wissen, was sie will.

„Besser für uns beide.“. Ich werde nicht gerne ungefragt in Irrtürmer eingebunden

Doch es geht um Gefühle und ganz so klar ist die Lage dann natürlich doch nicht. Die Autorin Heike-Melba Fendel lässt ihre namenlose Protagonistin das Naheliegende tun. Nein, nicht zu Hause verschanzen und die Kissen vollheulen, auch nicht sinnlos betrinken und auch nicht jeden Abend eine Affäre mit einem anderen Mann. Diese Art ihr Verlassen-Geworden-Sein zu bewältigen, spielt nur am Rande eine Rolle. Die Frau geht ins Kino, gibt sich dem Ausnahmezustand hin, der die Berlinale ist, und denkt doch immer wieder über ihre Beziehung zu „dem Mann“ nach. Denn das Filme das Leben erklären können, dass war schon immer ihre Überzeugung.

Nicht immer nur funktionieren

Heike-Melba Fendel bringt dem Leser in ihrem neuen Roman eine Frau näher, die trotz Erfolg, Eigenheim und Designermöbel nicht glücklich in ihrem Leben ist. Zu groß die Angst vor Spießigkeit und zu groß die Angst, sich fest an dieses Leben (und den Mann) zu binden. Das alles ist sicherlich kein komplett neuer Stoff. Der herrliche Anglizismus „Midlife-Crisis“ kommt beim Lesen an manchen Stellen unweigerlich in den Sinn. Das schadet der Geschichte allerdings keineswegs. Die Art, wie sich die Dramaturgie des Romans an der Berlinale aufzieht, Eindrücke von Filmpremieren, Dinners und Interviews, gemischt mit Beschreibungen des nun einsamen Eigenheims, gespickt mit Episoden aus der Vergangenheit, lassen nach und nach ein Bild dieser Protagonistin entstehen. Vom ersten Premierentag bis zum letzten Sonntag der Berlinale, dem Publikumstag, wird man beim Lesen selber in einen Strudel aus Glamour, Banalitäten und Erinnerungen eingesogen. Vor allem aber handelt es sich um einen höchst unromantischen Liebesroman und eine Erinnerung daran, dass das mit dem Schicksal so eine Sache ist. Eine nämlich, die man auch gut selber in die Hand nehmen kann.

Sie hatte eine eingebaute Fähigkeit, nicht zu funktionieren. Mir imponierte das, weil mir Funktionieren als eine unangemessene Reaktion auf eine Welt erschien, die nichts anderes von einem erwartete.

Für die Protagonistin kommt diese Einsicht nicht sofort. Von Anfang an begleitet sie dafür aber die Bewunderung für die neuseeländische Regisseurin Jane Campion. Bekannt für Filme wie „Das Piano“ und die bisher erst zweite weibliche Regisseurin, die mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, ist sie ganz anders als Fendels Heldin. Sie verkörpert das Vertrauen, sich auf etwas einlassen zu können und eine gewisse Beständigkeit, die dem Leben der Protagonistin fehlt.

Zwischen Realität und Fiktion?

Bleibt die Frage, wie autobiografisch der Roman ist. Denn wie auch in ihrem ersten Roman finden sich viele Parallelen zwischen dem Leben der Protagonistin und dem der Autorin. Angefangen bei ganz banalen Dingen: dem Beruf als Journalistin, Filmkritikerin und schließlich als Gründerin einer eigenen PR-Agentur, den Wohnorten Köln und Berlin bis hin zu Details wie der Vergangenheit als Go-go-Tänzerin in New York. Denn auch die teilt Heike-Melba Fendel, der Zweitname „Melba“ stammt aus ihrer Zeit in einem New Yorker Go-go-Club. Die Tatsache, dass die zehn Tage im Februar von der Protagonistin als Ich-Erzählerin beschrieben werden, verstärkt diesen Eindruck noch. Und der Reiz dieses Romans rührt genau daher: Die leicht und oft humorvoll erzählte, schillernde Filmwelt ergänzt durch das Innenleben der Heldin, das manchmal bedrückend, häufig verwirrend und meistens sehr nachvollziehbar ist.

Auf dem Roten Sofa

Auf die Frage zu den autobiografischen Zügen erklärt Heike Melba Fendel, dass sie die Welt, die sie kennt, nutzt, um ihre Geschichte zu erzählen. Ihr ist es wichtig, eine Welt plausibel zu erklären, um darin eine Geschichte ansiedeln zu können. In ihrem Buch erwähnt sie Filme, die auf der Berlinale gezeigt wurden, und Promis, die Gäste des Filmfestivals waren. Diese wahren Begebenheiten sind eine Grundlage, auf der sie das Geschehen und die Charaktere ihres Romans aufbaut.  

Heike Melba Fendel im Gespräch mit Redakteurin Johanna Bastian
 

 

 

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Johanna Bastian
24.03.2017 - 15:25
  Kultur

Heike-Melba Fendel wurde 1961 in Köln geboren, eine Stadt, in die es sie immer wieder zurückzieht, obwohl sie mittlerweile auch in Berlin wohnt. Sie war in der Vergangenheit als Filmkritikerin tätig, spielte auch selber in einigen Filmen mit und ist Regisseurin eines Kurzfilms. Heute arbeitet sie als Kolumnistin unter anderem für ZEIT Online und ist Gründerin und Geschäftsführerin der Veranstaltungs- und PR-Agentur „Barbarella Entertainment“.

Ihr zweiter Roman „Zehn Tage im Februar“ ist bei Blumenbar erschienen, hat 208 Seiten und kostet 18 Euro.