Interview: Rebeca Lane

Königin des Chaos

Gewalt gegen Frauen ist in Guatemala an der Tagesordnung. Eine, die sich das nicht mehr länger anschaut, ist die Rapperin Rebeca Lane. Sie greift zum Mikro, um die Missstände zu kritisieren und ein neues, starkes Frauenbild zu schaffen.
Rebeca Lane
Prangert die sozialen Missstände in Guatemala an - Rapperin Rebeca Lane

Ich würde gern über süße Dinge schreiben,

aber ich muss mich entscheiden, und ich entscheide mich für die Wut.

Fünf Frauen wurden heute ermordet und bis jetzt schon 20 vergewaltigt

und das ist nur ein Tag in Guatemala.

Multiplizier‘ das, dann wirst du wissen, warum wir wütend sind.

 

So singt Rebeca Lane in ihrem Song "Ni una menos" ("Nicht eine weniger"). Rebeca Lane ist studierte Soziologin, Aktivistin, Feministin und vor allem Rapperin. Sie hat es satt, zu schweigen: über die sexistische Gewalt und Unterdrückung, der die Frauen in Guatemala tagtäglich ausgesetzt sind und über die fast 1.000 Frauenmorde pro Jahr.

Gemeinsam mit anderen mittelamerikanischen feministischen Rapperinnen hat sie sich zu der Gruppe "Somos Guerreras" ("Wir sind Kriegerinnen") zusammengeschlossen. Mit Songs die Titel tragen wie „Dieser Körper gehört mir“ oder „Frei, gewagt und verrückt“ möchte die 32-Jährige andere Frauen ermutigen, ein selbstbestimmtes, freies Leben zu führen.

Rebeca Lane singt über ihre Erfahrungen in einem weiblichen Körper und über ihre indigenen Wurzeln. Sie stellt nicht nur den Machismo an den Pranger, sondern auch die Verbrechen des Bürgerkriegs in Guatemala und die bis heute nachwirkenden Folgen des Kolonialismus.

Diesen Sommer ist die Guatemaltekin auf Europa-Tour. Im Juni trat sie in Leipzig beim 2. Leipziger Frauenfestival auf. mephisto 97.6 Redakteurin Alea Rentmeister hat sie dort zum Interview getroffen und mit ihr über Musik, Optimismus und Diskriminerung gesprochen.

mephisto 97.6-Redakteurin Alea Rentmeister im Gespräch mit Rebeca Lane
mephisto 97.6-Redakteurin Alea Rentmeister im Gespräch mit Rebeca Lane

mephisto 97.6: Du reist gerade viel und vielleicht hast du einen Eindruck von Feminismus in verschiedenen Ländern bekommen. Unterscheidet sich deiner Meinung nach der Feminismus in Deutschland beziehungsweise Europa vom Feminismus in Guatemala beziehungsweise Zentral- und Lateinamerika?

Rebeca Lane: Ich glaube, der Feminismus sagen wir in Zentralamerika und in Lateinamerika unterscheidet sich ziemlich vom europäischen Feminismus, weil die Bedingungen, unter denen wir Frauen dort leben, viel extremer sind.

Das heißt nicht, dass es in Europa keine Gewalt gegen Frauen gäbe. Aber ich glaube, hier findet die Gewalt gegen Frauen eher im privaten Raum statt, das ist was, was man nicht so viel in der Öffentlichkeit sieht. Das ist ganz anders als das, was wir in Zentralamerika und Lateinamerika erleben, wo Gewalt gegen Frauen unmittelbar und offen auf der Straße stattfindet, in den Häusern und in den Gemeinden. Die Zahl ermordeter Frauen ist alarmierend: Jedes Jahr gibt es in Guatemala etwa 1.000 Femizide. Um diese Morde herum gibt es eine Kultur, die das erlaubt. Ich glaube, das hat bewirkt, dass unser Feminismus anders ist. In Lateinamerika ist Feminismus die Notwendigkeit, zu überleben. Wir sind noch nicht bei anderen Debatten angekommen, wie zum Beispiel gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit zu fordern. Im Moment steht auf der feministischen Tagesordnung noch: Hört auf uns zu töten, hört auf uns zu vergewaltigen.

Ein großer Teil der Bevölkerung in Guatemala ist indigen. Die indigenen Frauen leiden unter einer zweifachen Diskriminierung: Sie werden einerseits aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert, andererseits aufgrund ihres Geschlechts. Welche Ideen steuern sie im Kampf für Frauenrechte bei?

Die Lebenserfahrung der indigenen Frauen unterscheidet sich sehr von der westlichen. Es gibt also viele indigene Frauen, die für Frauenrechte kämpfen, die sich aber selber nicht Feministinnen nennen, weil das Wort Feminismus aus der westlichen Kultur stammt. Ich glaube, der Kampf der Frauen in der indigenen Gemeinde für die Rechte der Frau ist aber anders. Ich glaube, innerhalb der indigenen Gemeinden ist die gemeinschaftliche Vision sehr wichtig für die Auflösung von Gewalt. Das heißt, die Frauen, die in den indigenen Gemeinden gegen Gewalt eintreten, tun das aus der Sicht des Gleichgewichts, das innerhalb der Gemeinde bestehen muss. Wenn also eine Frau in ihrem Zuhause von ihrem Mann vergewaltigt wird, ist das ein gemeinschaftliches Problem. Ich glaube, das ist eine interessante Perspektive.

Rebeca Lane
Reimende Soziologin: Rebeca Lane setzt sich für Frauenrechte ein

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem du dich entschieden hast, die Musik zu deinem Werkzeug im Kampf um mehr Gerechtigkeit zu machen? Du hast ja Soziologie studiert und hättest auch in die Forschung gehen können.

Nun, es ist so, dass in Guatemala viele Menschen Analphabeten oder sogenannte funktionale Analphabeten sind. Das sind Personen, die Lesen und Schreiben gelernt haben, aber nicht lesen. Aufgrund ihres Bildungsstandes haben sie keinen Zugang zu einer bestimmten Art von wissenschaftlichen Texten.

Für mich ist die Musik eine Möglichkeit, Gedanken zu teilen, ein bestimmtes Wissen zu teilen, ohne ein Format dafür nutzen zu müssen, das bestimmte Personen ausschließt, die es nicht verstehen können.

Du hast schon erzählt, dass der Alltag der Frauen in Guatemala sehr hart ist. Wie schaffst du es, dich nicht von der Ungerechtigkeit lähmen zu lassen und deinen Optimismus und deine Energie nicht zu verlieren?

Ich glaube, das ist ein schwieriger Prozess. Als Frau in Guatemala zu leben, kann dich manchmal deprimieren und entmutigen. Und oft bin ich tatsächlich deprimiert, wütend, entmutigt. Was mir neuen Mut gibt, ist meine Erfahrungen mit anderen Frauen, die für Rechte der Frauen kämpfen, zu teilen. Mich inspirieren Frauen, die trotz allem was ihnen in ihrem Leben widerfahren ist, weitermachen. Und die Musik hat mir definitiv geholfen zu heilen. Mit meiner Musik möchte ich auch Heilung vermitteln, ich möchte nicht nur meine Wunden teilen.

Immer wenn ich schreibe, wenn ich ein Lied live singe, wenn es mir gelingt, mich mit dem Publikum zu verbinden und meine Gedanken zu teilen, gehe ich daraus stärker hervor, als ich es vorher war.

 

 

 

 

Kommentieren

Tracklist:
  1. Reina del Caos*
  2. Ciudad de Color
  3. Este cuerpo es mío*
  4. Ni encerradas ni con miedos
  5. Conflicto
  6. Silencio
  7. Somos Todos ft Tr3s Palabras
  8. Desaparecidxs
  9. Cumbia de la memoria*
  10. Mano Arriba*
  11. Libre, atrevida y loca ft. Miss Bolivia y Ali Gua Gua*
  12. Pachamama
  13. Volar

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 12.08.2016
MiCuarto Studios

Konzertdaten, Musikvideos und Lyrics von Rebeca Lane finden sich auf ihrer Website. Die Guatemaltekin ist aber auch auf Facebook und Twitter unterwegs.