Gespräche auf dem Roten Sofa

„Kleine Prosa“ mit großer Wirkung

Ein Spaziergang durch den Wald. Ein Besuch beim Friseur. Eine Fahrt mit dem Zug. Wie wenig tauchen wir bewusst in Alltagssituationen ein? Marie T. Martins Erzählband "Woher nehmen Sie die Frechheit meine Handtasche zu öffnen" gibt uns die Antwort...
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Marie T. Martin mit Redakteurin Trang Dang auf dem Roten Sofa

.... Uns entgeht unendlich viel. Je gewöhnlicher die Situation, umso ungewöhnlicher die Sprache, in die Marie T. Martin ihre kleine Prosa verpackt. Martin gibt den Figuren nur einen kleinen Auftritt auf zwei, drei Seiten. Aber jede Figur ist so erzählt, dass sie uns groß erscheint. Denn ein namenloses Mädchen ist in der Sprache Martins nicht einfach ein Mädchen. 

Das Mädchen in Weiß geht am Fenster vorbei, seine Füße berühren den Asphalt und die Sonne seine Schultern, es ist ganz und gar eingehüllt in Sonnenlicht, und so verschwimmt  es in der Mittagshitze zwischen den stillen Autos und der Waschanlage, und innerhalb eines Wimpernschlages ist es ganz verschwunden.

"Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen – Kleine Prosa"

Die Figuren Martins verschwinden zu schnell, als dass man sich wünscht, dass sie etwas länger bleiben. Manche Figuren führen ein surreal wirkendes Leben, doch wir wissen genau: Das Treiben im wahren Leben könnte doch genauso bunt sein; die Verwandtschaft, mit der die Figuren es zu tun haben – ist die im echten Leben auch so schrill?

Welcome

 

Wenn man bei Onkel Ingmar klingelt, schießen aus dem Fußabtreter jede Menge Plastikblumen. Geht man das Treppenhaus hinauf, rieselt es entweder Rosenblätter oder kleine Nägel, je nachdem, wie Onkel Ingmars Launen gelagert sind. In den letzten Jahren regnete es häufiger Nägel, weil Onkel Ingmar Depressionen bekam und überall Feinde witterte. Via Fingerabdruck wird man an der Klinke der Wohnungstür erkannt und ein Signal wird zur Musikanlage geleitet. 

"Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen – Kleine Prosa"

Mit einer Fülle an liebenswürdigen, skurrilen Figuren, in „Textile Genealogie“ und „Zweistromland“ gibt Martin den Themen Herkunft und Identität viel Raum. Es geht um die Fragen nach dem Vater, um ein russisches Gefangenenlager und um „Leichen, die in Schubkarren wegfahren“. Beim Lesen entsteht ein Bruch. Auf dramatische Szenen ist man nach Geschichten von älteren Nachbarn, die mit Goldfischen reden, nicht gefasst, doch trotzdem gehört dieses Bild dahin. Es schadet dem Buch nicht. Im Gegenteil. Es verleiht den Figuren eine umso größere Bedeutung und verleitet den Leser, sie ernst zu nehmen und genauer nachzulesen. Marie T. Martin verleiht dem Normalen viele Facetten und ihr Buch beweist, „Kleine Prosa“ entfaltet in unserer Fantasie eine große Wirkung. 

 

Marie Martin auf dem Roten Sofa im Gespräch mit Trang Dang.
 
 

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Trang Dang
15.03.2015 - 14:57
  Kultur

"Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen – Kleine Prosa" erschien im Verlag poetenladen Leipzig und kostet 18,80 Euro.

Über die Autorin

Marie T. Martin hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und einige Stipendien erhalten, die sie nach Istanbul und Endekoben führten. Nach dem Erzählband "Luftpost“ und dem Gedichtband "Wisperzimmer“ ist "Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen – Kleine Prosa" wieder ein Band mit elf kurzen, aber brillanten Alltagsgeschichten geworden.