DOK im Knast

Kino hinter Gittern

Es ist die wohl ungewöhnlichste Stätte des DOK-Festivals: Die JSA Regis-Breitingen. Die Insassen suchen jedes Jahr Filme aus, die sie in der Aula des Gefängnisses zeigen. Eine Reportage über einen etwas anderen Kinobesuch.
Die Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen
Die Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen

Lautlos werden die Jalousien hochgefahren. Der Film ist vorbei. Mein Blick geht durchs Fenster in die Abenddämmerung. Ich schaue auf dunkle Gebäudeumrisse, die an Kasernen erinnern. Doch etwas stört meinen Blick: Vor den Fenstern sind Eisengitter angebracht. 

Ich hatte ganz vergessen, wo ich bin: in der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen. Gemeinsam mit den Häftlingen haben wir Besucher uns „Eingeimpft“ von David Sieveking angesehen. Es ist für die Inhaftierten ein Erlebnis, den Kinosaal mit Besuchern von draußen zu teilen:

Es ist was Besonderes, das hat man nicht jeden Tag. Es ist halt Abwechslung.

Sebastian

Kontrolle wie am Flughafen

Für die Besucher ist es mindestens genauso aufregend. Viele von ihnen haben noch nie ein Gefängnis von innen gesehen. Die JSA ist die wohl außergewöhnlichste Filmstätte des DOK-Festivals. Das zeigt sich schon bei der Ankunft in diesem Kino. Wir steigen aus dem Bus und stehen vor einem etwa 10 Meter hohen Betonklotz. Er ist eingepfercht von einem halb so hohen Stahlzaun. Das Licht vom Sonnenuntergang strahlt die losen Wolken an. Ein rosa Himmel über der Strafvollzugsanstalt. Durch ein Tor gehen wir in eine kühle Halle. Hier schließen wir unsere Sachen in Spinde ein. Das Handy muss draußen bleiben. So wird der Kontakt zur Außenwelt für die nächsten Stunden abgeschnitten. Ich tausche meinen Personalausweis gegen einen anonymen blauen Besucherausweis. Es folgt eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen. Dann öffnet sich ein zweites Tor, wir gehen durch die Schleuse aufs Gelände, in den Vorraum der Aula. Hier ist es warm, es riecht nach frischem Popcorn. An den Wänden hängen Bilder, selbstgemalt von den Häftlingen. Auf einem Röhrenfernseher läuft ein Kurzfilm, auch von ihnen produziert. Dann öffnet ein Justizbeamter die Tür zum Kino.

Eine ganz normale Filmvorführung

Wir nehmen auf gepolsterten Stühlen Platz. Neben mir sitzt eine Gruppe junger Männer. Sie alle tragen marineblaue Pullover und Hosen. Der Film beginnt. Popcornrascheln erfüllt den Saal. Das Publikum lacht an vielen Stellen. In seiner Dokumentation „Eingeimpft“ schlüpft Regisseur David Sieveking selbst in die Rolle des Erzählers und Protagonisten. Denn als er Vater wird, werden seine Freundin und er vor die Frage gestellt: Sollen wir unser Kind impfen? Auf humorvolle Art sucht er nach Antworten. Der Film kommt gut an beim Publikum. Das freut den Regisseur.

Dass es hier so ne Neugier gibt, so ne Offenheit und auch dass der Humor funktioniert hat unter den jungen Männern. Das find ich schön und das zeigt, das Film eine universelle Sprache ist, die man gut teilen kann.

David Sieveking, Regisseur

Nach dem Film gibt es eine Fragerunde. Eine gute halbe Stunde lang wird gefragt, kritisiert und gelobt.

Ich finde es mutig, dass Sie so viel aus Ihrem Privatleben zeigen. Das würde ich nicht machen.

Das sagt einer der Insassen. Doch dann kommt das Handzeichen des Justizbeamten: Schluss. Zehn Minuten noch, dann ist Feierabend. Die Häftlinge müssen zurück in ihre Zellen. Zehn Minuten bleiben Besuchern und Häftlingen noch für eine kurze Unterhaltung.  

Die Impf-Frage berührt alle

Ein junger Mann in dunkelblauer Kleidung erhebt sich von seinem Stuhl. Sebastian ist Mitglied der Gefängnis-Jury. Gemeinsam mit drei anderen jungen Männern hat er im Vorfeld 16 Filme angeschaut. Warum fiel die Wahl ausgerechnet auf „Eingeimpft“?

Wir finden es interessant, ob man sich impfen soll oder nicht.

Sebastian

Regisseur Sieveking war überrascht von der Auswahl:

Ich hab gedacht, was interessiert die hier im Gefängnis so eine banale Familiengeschichte von draußen? Es gibt ja wirklich größere Probleme als wie man sein Kind impft.

David Sieveking, Regisseur

Kunsttherapeutin Kaja Schuhmacher betreut die Jury-Gruppe. Sie hat das Projekt vor fünf Jahren angestoßen. Mehrere Wochenenden und Abendstunden verbringen sie mit der Sichtung. Dann fällt eine Entscheidung. Dieses Jahr waren sich die Jurymitglieder relativ einig, sagt sie. So wollten sie erst einen Kurzfilm über Depression zeigen, doch es gab keinen anderen Kurzfilm. Auch der Film "Muhi" war ganz vorne mit dabei. Er handelt von einem kleinen Jungen aus Israel.

Der hat aber emotional so berührt, dass damals der Tenor war, man wolle die Gäste ja nicht so traurig machen. Deswegen wurde da unter anderem auch gegengestimmt.

Kaja Schuhmacher, Kunsttherapeutin

"Eingeimpft" ist entsprechend heiterer. Vier junge Männer sind dieses Jahr verantwortlich für die Filmauswahl. Die Resonanz der Häftlinge sei dieses Mal allerdings etwas geringer als sonst, sagt Kaja Schuhmacher. Woran das liegt, wisse sie nicht. Dennoch ist sie zuversichtlich, auch was das Interesse der Besucher angeht:

Es ist immer noch genügend Resonanz und Konzentration dabei, die mich immer wieder beeindruckt. Und eine Neugierde für Dinge, die nicht nahe liegen. Und die nichtsdestotrotz zu so nem Erstaunen führt: „Was, Gefangene interessieren sich auch für impfen?“ Aber es sind ja auch Menschen, die auch Kinder kriegen.

Kaja Schuhmacher, Kunsttherapeutin

Den Artikel zum Nachhören gibt es hier:

Ein Beitrag von Redakteurin Nadja Baschek
0811 Nadja DOK im Knast

 

 

 

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Lesen Sie hier die Rezension zu "Eingeimpft". Der Film läuft ab April in den Kinos.