59. DOK Leipzig

Kino in der Jugendstrafanstalt

Neben Kinosälen hat das DOK Leipzig auch kuriosere Orte für Filmvorführungen in Petto: z.B. der Knast, genauer: die JSA Regis-Breitingen. Mit den Insassen ist zudem eine ganz besondere Kooperation entstanden: Sie selber konnten auch kreativ werden.
DOK im Knast
DOK im Knast

Die Strafanstalt Regis-Breitingen ragt wie eine Festung inmitten von Wiesen und Feldern empor. Dass hier ein Veranstaltungsort des DOK-Festivals sein soll, beweist nur ein kleines Plakat auf einer breiten Betonwand. Zuerst müssen wir durch einen Sicherheits-Check-In. Nach dem Körperscan dürfen wir endlich die JSA betreten. Wir laufen über einen grünen Hof und kommen in ein warmes Foyer. Es riecht nach Popcorn und Kaffe. Hinter zwei Tischen stehen drei Häftlinge. Gespannt schauen sie uns an und reichen uns gefüllte Popcorn-Tüten. Es herrscht eine aufgeregte Stimmung.

Nach und nach rückt die Menge in den Vorführungssaal vor. Bunt gemischt sitzen nun die Besucher und Häftlinge in den Stuhlreihen und warten neugierig. In der ersten Reihe sitzt die sechsköpfige Jury aus Häftlingen. Sie haben sich eine Auswahl von circa acht Filmen des DOK-Festivals angeschaut und gemeinsam entschieden, welche Filme in der JSA gezeigt werden sollen. Die Auswahl fiel auf drei Filme, aufgeteilt auf drei Tage.

Auch eigene Projekte

Aber nicht nur DOK-Filme hat die JSA im Programm. Denn über die DOK-Vorführungen hinaus ist auch eine ganz besondere Kooperation entstanden. In einer Filmwerkstatt durften die Häftlinge in den letzten Monaten selbst kreativ werden. Neun Kurzfilme sind entstanden. An jedem Tag werden vor dem DOK-Film drei von ihnen vorgeführt. Von Animations- bis Musikvideo ist alles dabei. Mit viel Kreativität und Selbstreflektion haben die Häftlinge die Erfahrungen ihres Knastalltags in den Sequenzen verarbeitet. Die Besucher sind sichtlich begeistert von den Filmen und die Häftlinge erfreut über die positive Resonanz.

Nach den Kurzfilmen der Insassen wird der DOK-Film gezeigt. Die Doku „Fighter“ schaffte es mit einem einstimmigen Jury-Urteil unter die Top Drei. Wegen „Fighter“ sind wir an diesem Abend gekommen. In dem Film stellt Regisseurin Susanne Binninger drei Mixed-Martial-Arts-, kurz MMA-Kämpfer vor. Anhand dieses Dreifach-Portraits geht sie der Frage nach, was Männer antreibt, in einen Käfig zu steigen und aufeinander loszugehen. Alles ist erlaubt: Ringen, Treten, Schlagen.

Als die Vorführung beginnt, wird es mucksmäuschen still. Schwitzige Männer-Körper treffen wuchtig aufeinander. Viele Trainingsszenen bebildern den harten Weg der MMA-Kämpfer hin zum nächsten Turnier. Einer von ihnen ist Andreas Kraniotakes alias „Big Daddy“. Der Deutsch-Grieche ist der aktuelle deutsche MMA-Champion. Der Sport ist zugleich sein Leben und Gelegenheit, Aggressionen abzulassen.

Stell dir vor, alle Sportarten, in denen man kämpfen kann und alle Dinge, die da erlaubt sind, mischt man zusammen. Aggression ist zu einem gewissen Anteil Teil unserer Menschlichkeit. Und unsere Gesellschaft bietet nur sehr geringen Raum, wo man das auch ausleben darf

Andreas Kraniotakes

Mixed-Martial-Arts bietet diesen Raum. Hier können sich die Kämpfer ausleben. Aber der Film behandelt nicht nur die Auseinandersetzung mit Füßen und Fäusten, auch der innerliche Kampf der MMA-Fighter wird thematisiert. Denn um zu Siegen braucht es Selbstdisziplin, Ehrgeiz und das richtige Kampfgewicht: Strenge Diäten stehen auf der Tagesordnung. Jeder Tag ist somit auch ein Kampf gegen den inneren Schweinehund:

Ich steh jetzt kurz vor dem Kampf. Also meine Diät hat schon begonnen. Von 75 geh ich auf 66 Kilo. Das Schlimmste ist einfach, wenn dein Körper nach Zucker verlangt, also will ich unbedingt Schokolade oder sowas essen, aber ich halte mich da zurück. Aber machmal bekomme ich dann Ausrutscher...

Lom alias "Lion"

Ein Preis in Form eines goldenen Kopfes, aus dem ein Schlüssel ragt

Das Publikum reagiert empathisch auf die verschiedenen Etappen im Film. Sie lachen mit den Kämpfern über ihren Diätwahnsinn oder fiebern bei den Turnieren der Männer mit. Mit lautem Jubeln und Klatschen zeigen sie ihre Bewunderung.

Die Gäste und vor allem die Häftlinge scheinen sehr begeistert. Am Ende gibt es langen Applaus und Pfiffe, während die Regisseurin samt der Protagonisten auf die Bühne gebeten wird. Von dort diskutieren sie im Anschluss mit den Zuschauern. Eine Frage lautet, inwieweit MMA auch einen negativen Einfluss auf Häftlinge haben könnte. Da viele eventuell selber wegen Gewalttaten säßen. Kraniotakes weist diese Sorge selbstsicher zurück:

Ganz im Gegenteil, wenn jemand regelmäßig trainiert, dann ist er eigentlich immer weniger aggressiv im Alltag, als wenn er das nicht tut. Weil man eben diese Erfahrung bekommt: Wie ist es denn, wenn ich auch mal eine reinbekomme, wenn ich mal der bin, der unten liegt?

Andreas Kraniotakes alias "Big Daddy"

Für die Protagonisten und die Häftlinge hat die Premiere bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Anschluss kührt die JSA-Jury den Film "Fighter" mit ihrem selbst entworfenen „Gedankenaufschluss-Preis“. Dafür haben die Häftlinge sogar eigenhändig einen Pokal entworfen. Sie überreichen den Preis in Form eines goldenen Kopfes, aus dem ein Schlüssel ragt, der gesamten „Fighter“-Crew. Pablo ist einer der Häftlinge und war Teil der Jury. Die Doku „Fighter“ sieht er als Motivation. Sie erinnert ihn aber auch an die eigenen Herausforderungen. 

Ja man kommt hier oft zum Nachdenken, man hat viel Zeit auf Zelle. Und man beschäftigt sich mit vielen Sachen. Was ist schief gelaufen, warum bin ich hier, was kann ich besser machen. Wir müssen auch mit vielen Versuchungen kämpfen, wenn wir unser Leben wieder auf die Reihe kriegen wollen.

Pablo

Wie im Film ist es vor allem auch der innere Kampf, dem sich Pablo und die anderen Häftlinge immer wieder stellen müssen.

 

 

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Nina Ulke
04.11.2016 - 12:05
  Kultur