CD der Woche

Kendrick Lamar – DAMN.

Wer, wenn nicht Kendrick Lamar könnte eine Person dazu bewegen, seine Schallplatte als Milchshake herunterzuspülen? Fakt ist, DAMN. ist ein Album, das Geschichte schreiben wird – und zwar nicht wegen des Milchshakes.
Kendrick Lamar - DAMN. (Ausschnitt Albumcover)
Kendrick Lamar - DAMN. (Ausschnitt Albumcover)

Wenn Kendrick Lamar ein neues Album herausbringt, sind die Erwartungen hoch. Mit To Pimp A Butterfly hat er 2015 eine Platte geliefert, die beinah alle wichtigen gesellschaftlichen Konfliktthemen aus einer völlig neuen Perspektive beleuchtet. Kein Wunder also, dass diese Rolle des gesellschaftlichen Sprachrohrs, in dieser politischen Weltlage, auch die Erwartungen für DAMN. entscheidend beeinflusst. HUMBLE. als erster Vorbote der neuen Platte scheint diese Erwartungen zunächst zu bestätigen. Kritische Textzeilen über düsteren Trapbeats und dazu ein Video, das wahrscheinlich nicht künstlerischer und zugleich provokanter sein könnte. Tatsächlich nimmt Kendrick Lamar auf DAMN. aber eine völlig andere Perspektive ein.

Das heißt keinesfalls, dass DAMN. nicht politisch wäre – im Gegenteil. Kendrick wechselt lediglich die Perspektive. Alle Geschichten werden aus einer sehr persönlichen Sichtweise erzählt. Der stark kommentierende Prediger von To Pimp A Butterfly wird auf DAMN. zum Betroffenen. In FEAR. erzählt Kendrick Lamar von drei tief liegenden Ängsten zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebens. Während er im Alter von sieben Jahren vor allem die körperliche Gewalt um ihn herum fürchtet, ist es mit 17 vor allem der Gedanke, jung zu sterben, der ihm Angst macht. Zehn Jahre später, mit 27, ist seine größte Angst Familie und Freunde zu enttäuschen und mit seinem Erfolg ihren Ruf und ihr Leben zu zerstören.

At 27 years old, my biggest fear was bein' judged, How they look at me reflect on myself, my family, my city / What they see from, would tackle down generations in time

Kendrick Lamar - FEAR.

Jeder Song erzählt eine ähnlich persönliche Geschichte. Klar, dass sich diese Perspektive auch musikalisch bemerkbar macht. Düstere Trap Beats wie bei DNA., HUMBLE. oder GOD. lassen den Sound im besten Sinne kommerzieller werden, nicht weil DAMN. auf irgendeine Art und Weise zeitgenössisch klingen soll, sondern weil der Sound zeitlos ist. Smoothe RnB Vibes à la LOVE., ELEMENT. oder LOYALTY. geben dem persönlichen Protest der Texte einen sanfteren Ton. Es geht eben nicht darum jemanden zu belehren oder aufzuklären, sondern die eigene Geschichte zu erzählen und zu vermitteln, wie Kendrick Lamar sich selbst fühlt.

Der letzte Song der Platte – DUCKWORTH. – ist wohl gleichzeitig das Herzstück des Albums. Nicht nur weil der Track am Ende einen Loop durch knapp 55 Minuten zurück zum Anfang der Platte enthält. Der Song verkörpert auch das, was DAMN. am Ende ausmacht: die persönliche Story. Kendrick Lamar erzählt hier von einer Begegnung zwischen seinem Vater und Top Dawg Labelboss Anthony Tiffith, der ihn zwanzig Jahre später unter Vertrag nimmt. Und davon wie Tiffith seinen Vater beinahe erschossen und er ohne Vater aufgewachsen wäre. In Kürze klingt diese Geschichte fast schon kitschig und ziemlich an der Nase herbeigezogen. Aber Kendrick Lamar erzählt sie auf eine Art und Weise, durch die es eigentlich völlig egal wird, ob die Geschichte wahr oder erfunden ist.

Fazit

Man kann festhalten, DAMN. liefert so viel Raum für Analyse und Interpretation, dass die Welt verrückt spielt. So verrückt, dass Menschen Schallplatten in einem Mixer pürieren und als Milchshake trinken (das ist kein Scherz!). Aber zur jetzigen Zeit gibt es ja sowieso schon genügend Dinge, die vor einigen Jahren noch niemand für möglich gehalten hätte. Aber genau in dieser Zeit braucht es doch Menschen, die zeigen, dass alles das, was in der Welt passiert nicht spurlos an uns vorbeigeht. Sondern, dass alles, was in der Welt passiert Spuren hinterlässt. Genau so wie DAMN.

 

Kommentieren

Kendrick Lamar: DAMN.

Tracklist:

1. BLOOD.
2. DNA.*
3. YAH.
4. ELEMENT.
5. FEEL.
6. LOYALTY. FEAT. RIHANNA.
7. PRIDE.
8. HUMBLE.
9. LUST.
10. LOVE. FEAT. ZACARI.*
11. XXX. FEAT. U2
12. FEAR.*
13. GOD.
14. DUCKWORTH.*

*Anspieltipps

 

 

 

Erscheinungsdatum: 14.04.2017
Aftermath/Interscope (Top Dawg Entertainment)