Theater

Kautschuk, Chaos und Familie

Was haben die Kolonialisierung, Kautschuk und eine weiße Familie gemeinsam? Sie alle sind Teil einer Inszenierung. Nicht unbedingt der eines Geschichtsfilms, sondern einer der Diskothek des Schauspiels Leipzig, dem Stück "paradies fluten".
"paradies fluten - verirrte sinfonie"
Neu in der Diskothek "paradies fluten - verirrte sinfonie"

Zeitreisen sind für manche spannende Gedankenexperimente, für andere Leute nur Geschichten. In fast jedem Fall sind sie eine Flucht aus der Realität. Mit solchen "Was war und könnte kommen Gedanken" befasst sich das Stück "paradies fluten - verirrte sinfonie" nur ganz am Rande.

Zwar blicken gleich zu Beginn zwei Damen in rosa Latexkleidern in die Zukunft und stellen fest, dass die Sonne die Erde irgendwann zerstören könnte. Aber gleich darauf befinden wir uns wieder in der Gegenwart, wenn ein Selbstmordattentäter auf die Bühne kommt. Ein durch ihn Verwundeter beginnt, von Fluten und der ertrinkenden Gesellschaft zu erzählen. Er wird abgelöst durch die Tochter einer durchschnittlichen weißen Familie. Diese breitet ihre Probleme lautstark vor dem Publikum aus, die innere Zerrissenheit wird dadurch schnell deutlich.

Zeitsprünge und Reisen

Die Familie wird durch den jungen deutschen Architekten Felix Nachtigall abgelöst. Mit seinem Auftritt, so wirkt es, beginnt die wichtigste Geschichte des Stücks. Er wähnt sich in Südamerika im Paradies und will dort eine Oper bauen. Finanziert werden soll das Projekt von den Kolonialisten, den Kautschukmillionären. Je länger er aber mit diesen zu tun hat und ihr Verhalten gegenüber den Indios bemerkt, desto mehr wendet er sich denen zu und versucht ihnen zu helfen. In den wortschwallhaften Dialogen zwischen Kautschuk-Millionär und Architekt wird immer, dass die Indios denen Felix Nachtigall zu helfen versucht, ihn nicht verstehen können. Diese Handlung wird immer wieder durch Einwürfe über die Familie oder durch eine Guerillakämpferin unterbrochen.

Wortfluten und ein Aquarium

Das Stück "paradies fluten - verirrte sinfonie" ist ein Stück, dessen Wortfluten das Publikum mitreisen und überrollen. Es wird so viel und so abwechslungsreich gesprochen, dass man sich stellenweise fühlt, als würde man im Mahlstrom der Sprache weggerissen werden. Aber in einigen Monologen der Schauspielenden treiben und ertrinken nicht das Publikum, sondern erzählte Menschen, Politiker oder Geschehnisse, die das gar nicht wirklich begreifen können oder wollen. Das wird auch im Spielrischen deutlich.

Die Fluten der Sprache sind aber nicht die einzigen, in denen etwas versinkt. Immer wieder, fast wie bei einem Episodenabschluss, versinken Requisiten oder gar die Schauspieler selbst in einem Aquarium, dass zum Ende von jedem Teil der Geschichten etwas in sich trägt.

Trotz der interessanten Inszenierung ist die Botschaft des Stückes eine schon öfter dargestellt. Die Kritik am Kapitalismus, an der Art wie Menschen miteinander umgehen, am Kolonialismus und eventuell auch die an der Geschichtsschreibung wird deutlich. Aber sie dringt nicht so tief ein, wie sie es bei einer etwas langsameren Sprachflut vielleicht hätte tun können.

Möglicherweise fehlen aber auch zum Verständnis der kompletten Handlung die beiden anderen Teile. Denn "paradies fluten - verirrte sinfonie" ist der Auftakt einer Trilogie.
Das Stück zeigt sich in einer schönen, bunten Inszenierung, die eine Botschaft zu vermitteln sucht, die zwar beim Publikum ankommt, aber etwas mehr Tiefe verdient hätte.

Moderator Merten Waage im Gespräch mit Janick Nolting
Theaterrezension
 

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"paradies fluten - verirrte sinfonie"
Nächste Aufführungen:
10.06,
28.06,
25.10
um 20:00 Uhr in der Diskothek vom Schauspiel Leipzig