#Diskriminierungist...

Jugendverdrossene Politik

Ständig heißt es, die Jugend sei politikverdrossen. Aber ist es nicht eigentlich umgekehrt? Ein Kommentar.
Werden Jugendliche und junge Erwachsene von der Politik diskriminiert?

Der Kommentar von mephisto 97.6 Redakteurin Angela Fischer in voller Länge:

Ein Kommentar von Angela Fischer.
Ein Kommentar von Angela Fischer.

Doch doch, die Politik kümmert sich um ihre Jugend. Zum Beispiel gab es diese Woche ein viertägiges Planspiel im Bundestag. Jugendliche konnten da spielerisch Demokratie erfahren, heißt es auf der Internetseite.  

333 Jugendliche und junge Erwachsene schlüpfen in die Rollen fiktiver Bundestagsabgeordneter, sitzen im echten Plenarsaal und sprechen unterm Bundesadler an genau dem Rednerpult, das man regelmäßig in den Nachrichten sehen kann.

mitmischen.de, "Dein Portal zum Bundestag"

Ja, an genau dem Rednerpult, das im regulären Parlamentsbetrieb leider selten Jugendliche oder junge Erwachsene zu Gesicht bekommt. Demokratie erfahren, ja. Aber mitmachen? Bloß nicht! Von über 700 Bundestagsabgeordneten sind nur ein Dutzend unter 30 Jahre alt. Merkel, Schulz, Seehofer – alle über 60. Das Durchschnittsalter im Bundestag liegt bei fast 50 Jahren. In Ministerien und Parteien sieht das nicht anders aus. Politik wird von alten Leuten gemacht. Und sobald sich mal eine junge Person nach oben durchschlägt, wird sie von der Öffentlichkeit nicht ernst genommen. Man erinnere sich nur mal an Juso-Chef Kevin Kühnert, der sich Schlagzeilen gefalllen lassen musste wie: „Merkel muss sich Sorgen machen wegen Kevin“ oder „Kevin ganz groß: Porträt des Juso-Chefs.“ In dem Porträt von tagesschau.de heißt es dann an einer Stelle: 

Kühnert wirkt wie einer dieser Jungs, die es in jeder Klasse gibt. Derjenige, der Verantwortung übernimmt, der auch mal jemanden gegen den Lehrer in Schutz nimmt, der aber irgendwie immer so anständig wirkt, dass ihm auch der Lehrer nicht wirklich böse sein kann.

tagesschau.de

Wow. Wer das nicht irritierend findet, der braucht sich nur mal vorzustellen, Martin Schulz würde als „einer dieser Jungs“ bezeichnet werden.

Alte-Säcke-Politik

Nun wird Politik aber nicht nur von alten Menschen gemacht, sondern auch vorrangig für alte Menschen. Kein Wunder, Rentnerinnen und Rentner bilden die größte Gruppe unter den Wahlberechtigten. Das spiegelt sich in der Politik wieder. Nehmen wir mal die Große Koalition. Wenn die all ihre Versprechen aus dem Koalitionsvertrag umsetzen würde, dann bekäme ein Rentnerhaushalt pro Jahr im Schnitt 620 Euro mehr. Bei einem Haushalt von 18-25-Jährigen wären es dagegen nur 160 Euro. Das hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsordnung ausgerechnet. Auch ansonsten kommen junge Menschen mit ihren Themen kaum in der Politik vor: Bildung, Digitalisierung, sichere Rente. Die Jüngeren finanzieren die Rente der Älteren und werden später selbst nicht von ihr leben können. An dieser Stelle würde jetzt wahrscheinlich jemand entgegnen:

Da ist die Jugend selbst schuld, die gehen ja eh nicht wählen und dann wundern sie sich, dass sie von der Politik nicht ernst genommen werden!

Ok, da ist was dran, bei jungen Menschen ist die Wahlbeteiligung tatsächlich niedriger als bei Rentnerinnen und Rentnern. Es wäre aber falsch, daraus zu schließen, dass die Jugend heutzutage politikverdrossen ist. Eine Studie von mehreren öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern belegt: Jugendliche haben zwar wenig Vertrauen in Parteien und Politik, aber viele von ihnen engagieren sich anderweitig politisch in ihrer Freizeit. Vielleicht ist es die Politik, die jugendverdrossen ist und nicht umgekehrt. Politikerinnen und Politiker sollten sich dringend überlegen, wie sie interessierte Jugendliche an die Wahlurne bekommen, wie sie Engagement in Parteien attraktiver machen können. Und zwar indem sie junge Menschen und ihre Themen endlich ernst nehmen. Mit einem 4-tägigen Planspiel im Bundestag ist es da noch nicht getan. 

 

Kommentieren