Opioid-Krise in den USA

Journalisten kämpfen gegen Schuldige

Der Kampf mit der Opioid-Epidemie in den USA beschäftigt seit Jahren nicht nur Ärzte und Abhängige selbst, sondern auch Journalisten. Eric Eyre und Sam Quinones sind keine Ausnahme - ihre Arbeit allerdings schon.
Vor dem Heroin war die Schmerzmittelabhängigkeit.
Eine landesweite Schmerzmittelabhängigkeit hat die Heroinepidemie begünstigt.

Eric Eyre ist Politikredakteur bei der Charleston Gazette-Mail, einer Kleinstadtzeitung in West Virginia mit einer Auflage von rund 40.000 Exemplaren an Wochentagen. Eyre fährt, wie alle Reporter der Zeitung, einmal im Monat eine Nachtschicht mit der Polizei, schreibt täglich einen Artikel für die Ausgabe. Er ist ein normaler Kleinstadtjournalist, mit dem Unterschied, dass er im April 2017 für seine investigative Recherche zu der Opioid-Krise mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Arbeit dazu beginnt drei Jahre zuvor.

"Mir ist aufgefallen, dass kleine Apotheken große Mengen Schmerzmittel bekommen. Mengen die viel zu groß sind für die Bevölkerung in ihrem Einzugsgebiet", sagt Eyre im Interview. Schmerzmittelabhängigkeit ist bereits 2013 ein Thema in den USA. Die Auswertung einer Statistik des CDC (Center for Disease Control and Prevention), dem nationalen Gesundheitsinstitut, zeigt, dass die Zahl der Toten durch Überdosen seit 2014 rasant ansteigt. Im vergangenen Jahr sind 64.000 Menschen an den Folgen einer Überdosis gestorben, das ist der bisher höchste Wert.

Woher kommen die Abhängigen?

Eyre vermutet einen Zusammenhang zwischen der hohen Verschreibung von Schmerzmitteln und der steigenden Zahl von Toten durch Opiate, wie Methadon, Oxycodon und Fentanyl. Er beschließt den Weg der Schmerzmittel zurückzuverfolgen, von den Apotheken zu den Pharmakonzernen, um die Struktur der Auslieferung zu verstehen.

Denn seine Vermutung ist, dass sowohl die Großkonzerne als auch die Apotheker wissen, dass sie eine Mitschuld an der steigenden Zahl der Abhängigen und infolgedessen der Toten tragen. Daten und Akten über Auslieferungen sind allerdings unter Verschluss und die Pharmaunternehmen blocken alle Presseanfragen ab. Lange Zeit ist unklar, ob Eyre Zugang zu diesen Informationen bekommt, um seine These zu überprüfen.

Das Problem bei der Recherche waren nicht die Abhängigen, sondern meine größten Gegner waren die Pharmazieunternehmen und ihre Anwälte.

Eric Eyre, Charleston Gazette Mail

Wenn Eyre jetzt von dem Tag der Aktenöffnung erzählt, muss er lächeln. Der Anwalt, der für die Charleston Gazette-Mail vor Gericht gezogen ist, um die Aktenöffnung einzuklagen, sei eher ehrenamtlich verpflichtet gewesen. Eyre selbst glaubt zu dem Zeitpunkt nicht an einen Sieg. "Welche Chance hatten wir schon gegen diese Schar von Anwälten?" Doch dann hat das Gericht überraschend entschieden, der Charleston Gazette Mail Einsicht zu gewähren. "Das war der Knackpunkt, denn ohne die Daten, hätte ich die Geschichte nicht machen können", sagt Eyre.

780 Millionen Schmerztabletten

Er deckt auf, dass in nur sechs Jahren 780 Millionen Tabletten Hydrocodon und Oxycodon nach West Virginia geliefert wurden.In Kermit, einem 392-Seelen-Ort, wurden an eine einzige Apotheke 9 Millionen Hydrocodon-Tabletten geliefert.

Die Auswertung zeigt, dass die Pharmaunternehmen überproportionale Mengen Pillen in die Gemeinden schicken, die gleichzeitig die höchste Sterberate durch Schmerzmittelüberdosen haben. Eyres Vermutung scheint bestätigt. Die Charleston Gazette-Mail deckt daraufhin die Namen der Konzerne auf – McKesson, Cardinal Health und AmerisourceBergen. Nur zwei Wochen nach Eyres Veröffentlichung Ende 2016 entscheidet das Amt für Arzneimittel, dass Großhändler verdächtig große Bestellungen melden müssen. Eine Regelung die bereits seit 2001 besteht, vom Amt für Arzneimittel aber nie konsequent eingefordert wurde.

Nach langem Rechtsstreit mit mehreren Städten und Gemeinden, haben sich Cardinal Health und AmerisourceBergen außergerichtlich entschieden, 36 Millionen US-Dollar an den Staat West Virginia zu zahlen. Das Geld soll für Therapien für Abhängige im Bundesstaat eingesetzt werden.

Heroin wie Pizzalieferung

Im Jahr 1994 zieht Sam Quinones von Kalifornien nach Mexiko, um als freier Korrespondent zu arbeiten. Während er Geschichten über Migration recherchiert, stößt er auf den kleinen Ort Xalisco an der Westküste Mexikos. Er findet heraus, dass viele der von dort stammenden jungen Männer als Heroindealer in die Staaten gehen. In seinem Buch Dreamland – The True Tale of America’s Opiate Epidemic verarbeitet er dieses Wissen und baut es aus.

Quinones hat eine Chronik der Epidemie geschrieben, die einen umfassenden Überblick über die Lage in den USA liefert. Das Heroin kommt aus Mexiko und wird von den Dealern ausgeliefert, als sei es Pizza. Abhängige rufen eine Nummer an, wenige Minuten später hält ein Wagen vor ihrem Haus und liefert es aus. Sie liefern nicht das weiße Heroin, sondern das sogenannte Black Tar, eine wirksamere, schwarze Weiterentwicklung.

Quinones stellt die Dealer nicht an den Pranger. Auch im Interview betont er immer wieder, dass sie lediglich die bereits Schmerzmittelabhängigen abgeworben hätten, indem sie zuverlässig liefern. Die Basis für die Heroinepidemie unter der amerikanischen Landbevölkerung ist eine über Jahrzehnte aufgebaute Schmerzkultur. 

Wir hatten noch nie ein solches Heroinproblem, wie heute. Nicht in den 1970ern, als es beliebt wurde und auch nicht davor. Wir haben es jetzt, weil die Pharmaindustrie und ihre Beteiligten die Verbreitung dieser Pillen über Jahre gefördert haben, in einer regelrechten Schmerzmittelexplosion.

Sam Quinones, Autor

Eine einfache Lösung

Der Autor kritisiert die zugrundeliegende Kultur. Die Amerikaner haben nach einer einfachen Lösung für Schmerz gefragt und die Pharmaindustrie habe sie geliefert. Er klagt aber genauso Ärzte an, die Opiate noch heute in viel zu großen Mengen verschreiben, Patienten, die sie fordern. Lobbyisten, die mit diesem System Milliarden verdienen und Krankenkassen, die die Kosten langwieriger Schmerztherapien scheuen.

Quinones tourt aktuell durch Kleinstädte und Gemeinden, um über sein Buch zu sprechen. Er füllt die Hallen, wie ein Superstar. Viele Menschen suchen Antworten, die meisten wollen aber einfach ihre Geschichte erzählen, so wie Jennifer Barnhart, eine Familienmutter aus Glouster in Ohio. Nach einem Arbeitsunfall verschreibt ihr ein Arzt Schmerzmittel."Ich hatte meine Kinder Zuhause und wir brauchten meinen Job. Ich musste schnell wieder fit sein", erzählt Barnhart.

Die Tabletten halfen ihr und als sie ihre Vorratspackung nach sechs Wochen aufgebraucht hatte, ging sie wieder zum Arzt und nach weiteren sechs Wochen noch einmal.

Für zwei Jahre war ich eine funktionierende Abhängige. Und als sie mir die Pillen nicht mehr verschrieben haben, habe ich sie auf der Straße gekauft. Und dann war der Schritt zum Heroin nur noch ein kleiner.

Jennifer Barnhart, ehemalige Abhängige

Als sie in der vollen Aula der Highschool von Nelsonville, Ohio, erzählt, dass sie seit 17 Monaten clean ist bekommt sie standing ovations.

Isolation ist Schuld

Die geografische Lage des Mittleren Westens trägt entscheidend zur Krise bei. Laut einer Studie der Zeitung Columbus Dispatch sind überproportional viele alleinstehende weiße Amerikaner betroffen. Laut Quinones ist die einzige Lösung, die Heroinepidemie und die Isolation der Landbevölkerung zu überwinden.

Isolation ist das natürliche Umfeld von Heroin. Um die Krise zu überwinden, müssen sich Gemeinden zusammensetzen.

Sam Quinones, Autor

Eric Eyre hat eine andere Antwort auf diese Frage. "Einer der Polizisten aus der Nachtschicht hat mal gesagt: Vermutlich hören wir auf über Heroin zu sprechen, wenn wir anfangen über das Crystal-Meth-Problem zu sprechen."

Der Gesundheitsnotstand rückt die Krise endgültig in den Fokus der Öffentlichkeit. Eine Lösung ist das allerdings nicht, denn für eine Epidemie dieser Größe, die sich über Jahrzehnte strukturell aufgebaut hat, braucht es mehr als das.

Der Beitrag zum Nachhören:

Ein Beitrag von Lauren Ramoser
 
 

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