Die Kolumne

Journalismusmaschinen

Die Kolumne. Immer Freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Rebecca Kelber über Daten, die Zukunft und Onlineartikel.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören finden Sie hier:

Die Kolumne von Rebecca Kelber.
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Gestern war der Bewerbungsschluss für den neuen Journalismus-Master der Uni Leipzig. Und anscheinend haben sich so viele Menschen beworben wie noch nie. Das hat mir zumindest Markus Beiler erzählt, der den Studiengang konzipiert hat.

Echt, und das nach diesem monatelangen Drama? Immatrikulationsstop, ein Professor, der seine Studierenden verklagt, halböffentliche Schlammgefechte – der Leipziger Journalismusmaster hat es in die bundesweite Presse geschafft. Das kann sonst nur Rauscher.

Ja, vielleicht haben die Bewerbenden davon nichts mitbekommen. Oder sie hat der neue Slogan „innovativ. Digital.“ überzeugt.  

Oder sie wollten Datenjournalismus studieren!

vorläufiges unbearbeitetes Kolumnenbild Rebecca

Naja, der neue Master ist doch kein Datenjournalismus-Master. Es geht stattdessen allgemein um die Zukunft - und Online. Und das mit einem ordentlichen Zusatz von Informatik und Soziologie.

Hä?

Naja, der neue Master hat zwar schon einen Schwerpunkt in Journalistik. Aber man sitzt auch gemeinsam mit Bachelorerstsemestern in Kursen   für Informatik und für Soziologie. So sollen die irgendwann-hoffentlich-mal Journalistinnen und Journalisten Ahnung von Statistiken haben und wissen, wie man beim Programmieren denken.

Das ist ja so, als würde man Germanistik studieren und müsste auch BWL machen. Für den Fall, dass man in einem Verlag landet.

Naja, das ist tatsächlich Wissen, dass die Journalistinnen und Journalisten der Zukunft brauchen. Ich frage mich bloß, wie sehr man einen Einblick in Informatik bekommt, weil man ein paar Seminare dazu besucht. Und wann die Studierenden denn überhaupt noch Übung im Journalismus außerhalb der Uni sammeln sollen, wenn sie die ganze Zeit für Statistik und Informatik lernen  müssen. Viel Zeit hat man auch in diesem Studiengang wohl eher nicht.

Naja, aber dafür lernt man dann doch was Ordentliches!

Naja, man bekommt ein bisschen Einblick in Informatik und Soziologie. Aber wahrscheinlich ist es sinnvoller, einfach gleich eines von beiden zu studieren. Oder zumindest Kurse für Soziologie und Informatik zu haben, die auf den Journalistikmaster zugeschnitten sind. Wenn alles gut geht, kommen in diesem Studiengang zwangsoptimierte Journalismusmaschinen raus, die von allen ein bisschen was wissen und vor Effizienz bersten.

Aber genau solche Menschen braucht es im Journalismus braucht es ja. Denn während die Ansprüche an Journalistinnen und Journalisten wachsen, wird es immer schwieriger, vernünftig bezahlt zu werden. Und auch der Zeitdruck beim Texte schreiben nimmt zu.

Ist ja auch klar, dass niemand Lust hat, für Journalismus Geld zu bezahlen. Gibt’s ja auch alles kostenlos online.

Klar. Ich hab auch selten Lust, Geld für Onlineartikel zu bezahlen. Aber hinter jedem durchdachten Text und jedem vernünftigen Radio-Beitrag stecken mehrere Tage Arbeit. Je weniger Geld man dafür bekommen kann, desto schlechter und einheitlicher wird der Journalismus. So einfach ist das. Die lvz ist das beste Beispiel: Ab demnächst hat sie den gleichen überregionalen Teil wie 50 andere Tageszeitungen auch. Dann ist völlig egal, ob man die lvz liest oder die Hannoversche Allgemeine Zeitung.

Also außer, man möchte wissen, was auf der Eisenbahnstraße mal wieder passiert ist.

Ja, aber dass Redaktionen zusammengelegt werden, ist nicht nur für die Journalistinnen und Journalisten blöd, die ihre Jobs verlieren. Sondern auch für Menschen, die sich informieren wollen. Denn gleichzeitig wird die Pressearbeit professioneller – Unternehmen und Behörden können ihre Inhalte also immer besser verkaufen. Wenn Journalistinnen und Journalisten keine Zeit haben, deren Aussagen gegenzuprüfen, dann hört man weniger fundierte Kritik in den Medien. Niemand hat Lust, Geld für Onlineartikel zu bezahlen. Aber ich werde das jetzt öfter mal machen. Denn irgendwie sichere ich mir damit ja auch meine eigene Zukunft: Vielleicht sind dann nicht alle Zeitungen tot, wenn ich auch mal Geld für Journalismus bekommen könnte.  

 

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