CD der Woche: Arcade Fire

Jetzt gibts alles

Seit Beginn der Nullerjahre machen Arcade Fire erfolgreich Musik. Ihr Erfolgsrezept: Indierock als Grundgerüst und viele experimentelle Ausflüge. Mit ihrem fünften Album „Everything Now“ unternehmen sie einen Abstecher in die Vergangenheit.
Arcade Fire haben mit "Everything Now" ihr fünftes Album veröffentlicht.

Es gibt Bands, die zehn Jahre brauchen, um überhaupt von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Und dann gibt es Arcade Fire. Nachdem Sänger Win Butler von Texas nach Montreal gekommen war und mit Régine Chassagne nicht nur seine heutige Frau, sondern auch seine musikalische bessere Hälfte kennengelernt hatte, war Arcade Fire 2002 beschlossene Sache. Nach einer EP erschien 2014 das erste Album. „Funeral“ überzeugte mit gutem Indierock und dem gewissen Etwas. Streicher oder Xylophon-Klänge legten den Grundstein für einen experimentellen Sound, der mit David Bowie, Chris Martin oder U2 schnell prominente Fans fand. Schon früh wurden Arcade Fire als Band gefeiert, die den Ton in Sachen Stil angibt. Das manifestierte sich auch mit den drei folgenden Alben. Mal folkig und in einer Kirche aufgenommen, dann eher grungig als Konzeptalbum verpackt und zuletzt elektronisch.
Kein Wunder also, dass die neue Platte mit Sehnsucht erwartet wurde. Im Herbst 2015 ging es für Arcade Fire ins Studio. Eine zweijährige Konzertpause legte die Band ebenfalls ein. Man könnte hier auch von der Ruhe vor dem Sturm sprechen, denn der Wind um Arcade Fire ist jetzt wieder entfacht und gewohnt stark.

Zwischen Schlagerparade und Night Fever

„Everything Now“. So heißt die neue Platte von Arcade Fire. Vor dem Release gab es Anfang Juni schon eine kleine Kostprobe des Albums. Die gleichnamige Single stärkte aber nicht nur die Vorfreude, sondern machte auch ein bisschen Angst.

Every inch of sky's got a star
Every inch of skin's got a scar
I guess that you've got everything now
Every inch of space in your head
Is filled up with the things that you read
I guess you've got everything now
And every film that you've ever seen
Fills the spaces up in your dreams

Arcade Fire lieferten zwar einen sehr tanzbaren, gleichzeitig aber auch schlageresken Vorboten ab, der stellenweise mehr an d Musikantenstadl aus der bayrischen Provinz als an kanadischen Indierock erinnerte. Dass die Nummer Spaß macht, kann und konnte man ihr allerdings nicht absprechen.

 

Die 13 Songs auf „Everything Now“ sind aber alles andere als Schlager. Zum Glück. Viel mehr unternehmen sie einen Ausflug in die Vergangenheit. Discokugeln und glitzernde Ganzkörperanzüge – Arcade Fire holen mit ihrer neuen Platte die 70er ins Jahr 2017. „Signs Of Life“ sorgt für das richtige Disco-Feeling. Trompeten und Synthie-Spielereien sorgen für den nötigen Groove. Der zweistimmige Gesang von Win Butler und Régine Chassagne erinnert stellenweise an ABBA und das ist keine Seltenheit. Auch beim etwas spacigen Song „Put Your Money On Me“ lassen sich Gedanken an ABBA nur schwer verdrängen.

Mitsingen und Entspannen

Doch es gibt auch Songs, die eine ganz andere Richtung einschlagen. Reggae von Arcade Fire klingt im ersten Moment vielleicht abwegig aber „Chemistry“ ist genau das, auch wenn starke Gitarren im Refrain nicht zu kurz kommen. Gleichzeitig birgt der Song das größte Mitsingpotenzial. Der Text ist darauf angelegt, dass ein riesiges Publikum den Satz „You and me, we got“ lauthals mit „CHEMISTRY“ zu Ende bringt. Entspannte Klänge liefern Arcade Fire mit „Good God Damn“, das mit seinem einprägsamen Basslauf überzeugt, und „Electric Blue“. In der synthielastigen Nummer sticht vor allem die Stimme von Régine Chassagne heraus, die über asiatisch angehauchten Tonfolgen schwebt.

Wo bleibt der Rock?

Klassischen Indierock oder Folksongs gibt es auf „Everything Now“ dagegen eher wenig. In „Infinite Content“ zum Beispiel. Dieser Song ist gleich in zweifacher Ausführung auf dem Album vertreten. Während die erste Version in Richtung Punkrock geht, folgt darauf eine verspielte Variation, die folkig ist. Abstriche muss man dafür beim Text machen, denn der ist in beiden Fällen spärlich.
Viel besser ist da „Creature Comfort“. Auch hier kommen Gitarren zum Einsatz, sind aber nicht überpräsent. Viel auffälliger als die Instrumentierung sind die eindringlichen, appellierenden Stimmen Win Butlers und Régine Chassagne.

 

Auch inhaltlich ist „Creature Comfort“ ein Paradebeispiel für die Themen des Albums.  

Some girls hate themselves
Hide under the covers with sleeping pills and
Some girls cut themselves
Stand in the mirror and wait for the feedback
Some boys get too much, too much love, too much touch
Some boys starve themselves
Stand in the mirror and wait for the feedback

Arcade Fire thematisieren Probleme des Erwachsenwerdens – Unsicherheiten, gesellschaftlichen Druck, aber auch die Suche nach Momenten, in denen man sich lebendig fühlt. Gleichzeitig wünschen sich Arcade Fire in ihren Texten eine unbeschwerte Kindheit zurück. Als Beweis reicht dafür schon die Tatsache, dass auf dem Album ein Song mit dem Titel „Peter Pan“ vertreten ist. Arcade Fire reisen also nicht nur musikalisch, sondern auch mental in die Vergangenheit.

Zeitlos, tanzbar, Arcade Fire

Arcade Fire sind dafür bekannt, zu überraschen. Das ist ihnen auch mit „Everything Now“ gelungen. Eine feste Genrezuschreibung fällt spätestens nach dieser Platte mehr als schwer. Damit haben Arcade Fire das geschafft, was sich jede andere Band wünscht – in keine Schublade zu passen.  

 

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Lucie Herrmann
01.08.2017 - 13:33
  Kultur

Arcade Fire: Everything Now

Tracklist:

1. Everything_Now (continued)
2. Everything Now
3. Signs of Life*
4. Creature Comfort*
5. Peter Pan
6. Chemistry*
7. Infinite Content
8. Infinite_Content
9. Electric Blue*
10. Good God Damn
11. Put Your Money on Me*
12. We Don’t Deserve Love
13. Everything Now (continued)

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 28.07.2017
Columbia Records

Good To Know:

Für den Namen "Arcade Fire" ist Sänger Win Butler verantwortlich. Zu seiner Schulzeit hat ihm ein Mitschüler von einem Brand in einer Videospielhalle erzählt. Das hat ihn offenbar so sehr beschäftigt, dass die Geschichte zum Namensgeber der Band wurde.

Dass "Everything Now" an Discomusik der 70er erinnert, ist wenig verwunderlich, wenn man weiß, wer das Album produziert hat. An den Reglern saß nämlich Thomas Bangalter, der schon als Teil von Daft Punk für tanzbare Hits sorgte. Unterstützt wurde er außerdem von Steve Mackey, der mit Pulp schon in den 90ern die 70er aufleben ließ.