Opernrezension

Jeder erwartet die Spanische Inquisition

In der Oper Leipzig feierte am Samstag dem 1. Oktober Guiseppe Verdis „Don Carlo“ Premiere. Mit dieser Inszenierung leitet das Opernhaus seine neue Spielzeit ein.
Carlos und Filippo
Carlos (Gaston Rivero, links) fordert von Filippo (Riccardo Zanellato) die Provinz Flandern

Carlos, Sohn des spanischen Königs Filippo II, soll die französische Königstochter Elisabeth von Valois heiraten. Aufgrund politischer Veränderungen ist es jedoch Filippo, der Elisabeth zur Frau nimmt. Carlos, der seine Verlobte wirklich geliebt hat, ist am Boden zerstört und bereit alles zu tun, um sie zurückzubekommen. Auch Elisabeth hat Gefühle für Carlos, ordnet diese aber bereitwillig dem Wohle des Königreiches unter.

Carlos sucht indes Rat bei seinem Freund Rodrigo, dem Marquis von Posa. Dieser rät Carlos, seine Gefühle zu begraben und sich stattdessen um die Rettung des von Spanien grausam unterdrückten Flanderns zu bemühen. Noch dazu gerät Carlos mit der Prinzessin Eboli aneinander, die fälschlicherweise angenommen hatte, dass Carlos unerwiderte Liebe ihr galt. Rachsüchtig spinnt sie eine Intrige, um sowohl Carlos als auch Elisabeth zu vernichten. Es folgen ein übler Verrat, eine clevere Finte und ein großes Opfer. Am Ende trennen sich die beiden Liebenden und Carlos will nach Flandern fliehen. Doch da hat er seine Rechnung ohne die spanische Inquisition gemacht.

Alt und modern aber hauptsächlich schwarz

Die Inszenierung mischt alte und moderne Elemente, um einen unverkennbaren eigenen Stil zu schaffen. So sind die Kostüme zwar alle traditionell geschnitten, farblich aber streng getrennt. Fast alle Figuren auf der Bühne tragen schwarz. Lediglich Carlos, die Ketzer und zuweilen Elisabeth sind in Weiß gekleidet. Andere Farben gibt es kaum in dieser Inszenierung. Lediglich die Abgesandten aus Flandern tragen blaue Kostüme. So lassen sich zuweilen die Intentionen einer Figur an seiner Kleidung erkennen. So trägt der sich um Flandern sorgende Marquis von Posa zunächst blau, wechselt aber zu schwarz, sobald er zu einem engen Vertrauten des Königs wird.

Geben Sie Gedankenfreiheit!

Marquis von Posa

Auch das Bühnenbild glänzt mit vernichtender Monochromität. Die gigantischen, beweglichen Wände sind allesamt tiefschwarz und illustrieren auf unverkennbare Weise, was für ein kalter und unfreundlicher Ort das spanische Schloss ist. In Kombination mit den Kostümen und dem subtilen Einsatz von Nebel schafft die Inszenierung ein umwerfendes Bild nach dem anderen.

Vielschichtige Charaktere

Das Schauspiel ist von allen Seiten her grandios. Besonders Riccardo Zanellato, der den Filippo spielt, legt eine unheimlich facettenreiche Performance ab. Der König ist wahrscheinlich eine der vielfältigsten Figuren der Oper, die von Erhabenheit, über Erniedrigung, Wut und Trauer alles durchlebt. Trotz seiner Position als Antagonist bleibt er sympathisch. Auch Kathrin Görings Eboli, Gal James´ Elisabeth und auch nicht zuletzt Gaston Riveros Carlos sorgen dafür, dass die Spannung trotz gedehnter Handlung nie verloren geht.

Ein weiterer Aspekt, den die Inszenierung gut löst: Die ganze erste Hälfte der Oper liegt über allen Figuren der bedrohliche Schatten der spanischen Inquisition. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn selbst König Filippo, der bis dahin mächtigste Mann in der Geschichte, mit Furcht in der Stimme den Namen des Großinquisitors ausspricht. Im dritten Akt erscheint er dann endlich. Groß, bleich und offenbar blind steht er bedrohlich in der Tür. Rùni Brattabergs Darstellung zeigt den Kirchenmann als ruhig, bedächtig und vollkommen rücksichtslos. In seinen Szenen sorgt seine Blindheit oft für feine Statusspielchen mit Filippo.

Vor dem Glauben gilt keine Stimme der Natur.

Der Großinquisitor

Ein finsteres Gesamtbild

Für jeden ist diese Inszenierung dennoch nicht. Die ganze Oper ist in italienischer Sprache inszeniert worden und die Handlung ist unterm Strich genauso finster wie das Bühnenbild. Auflockernden Humor und große Kampfszenen sucht man hier vergeblich. Auch als tragische Liebesgeschichte lässt sich "Don Carlo" nur schwer einordnen. Carlos und Elisabeth haben nur wenige Szenen zusammen. Viel eher liegt der Fokus auf den Intrigen und politischen Ambitionen der einzelnen Figuren. Wer also eine Oper voller Humor, blutiger Kämpfe und viel Romantik erwartet, wird eher enttäuscht.

Jedoch muss an dieser Stelle gesagt werden, dass man diese Elemente nicht wirklich vermisst. "Don Carlo" kann sein Publikum sehr gut als das bei Laune halten, was es ist. Ein finsteres Politdrama über Intrigen, kirchliche Einflussnahme und nicht zuletzt auch eine unschuldige Liebesbeziehung, die zwischen den widerstreitenden Fronten zerrieben wird. Verdis unvergleichliche Musik verbindet an dieser Stelle sehr melodiös die einzelnen Handlungsstränge und lockert die Stimmung an den richtigen Stellen auf.

Das Material wurde mit sehr viel Liebe zum Detail umgesetzt und das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. Regisseur Jakob Peters-Messer ist mit "Don Carlo" eine wirklich formvollendete Inszenierung gelungen, die man sich zumindest als Opernfan nicht entgehen lassen sollte.

Die Rezension zur Oper Don Carlos können Sie auch im Studiogespräch zwischen mephisto 97.6-Redakteur Johannes Bundemann und Moderator Nico van Capelle nachhören:

Ein Studiogespräch von Johannes Bundemann.
 

 

 

Kommentieren

Johannes Bundemann
10.10.2017 - 11:08
  Kultur