Nachwendezeit

„Integriert doch erst mal uns!“

Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping hat ein Buch mit dem Titel „Integriert doch erst mal uns!“ veröffentlicht. Darin fordert Köpping, die Nachwendezeit aufzuarbeiten. Wir haben darüber mit Soziologe Holger Lengfeld gesprochen.
 Prof. Dr. Holger Lengfeld vom Institut für Soziologie (Universität Leipzig)
Prof. Dr. Holger Lengfeld vom Institut für Soziologie (Universität Leipzig)

Das Interview mit Prof. Dr. Holger Lengfeld finden Sie hier zum Nachhören und unten zum Nachlesen:

Moderatorin Angela Fischer im Gespräch mit Holger Lengfeld
Interview mit Holger Lengfeld

mephisto 97.6: Sehen Sie denn einen Zusammenhang zwischen den rechtsextremen Ausschreitungen, die es in Chemnitz gegeben hat und den Fehlern, die möglicherweise in der Nachwendezeit getroffen wurden?

Holger Lengford: Wir wissen es nicht genau. Wir haben viele Vermutungen. Es gibt viele Thesen. Die wenigsten davon sind solide belegt und können als Wissen fungieren. Konkret kann man aber sagen, dass wir in Ostdeutschland und besonders in Sachsen oft einen größeren Teil der Bevölkerung finden, die zum einen die Zuwanderung von [Geflüchteten] ablehnt. Zum anderen sehen sie sich vermutlich im Vergleich zu den Westdeutschen als Bürger [und Bürgerinnen] zweiter Klasse. Diese Verbindung provoziert Empörung und Unmut, Emotionen kochen hoch. Ich denke die Vorkommnisse in Chemnitz, sind auch ein Anzeichen dafür, dass wir hier eine Kombination von mehreren Ursachenfaktoren haben, die gar nicht leicht zu lösen sind.

Dieser Unmut wird durch den Satz "Integriert doch erst mal uns" auf den Punkt gebracht. So heißt ja auch das Buch von Petra Köpping. Den Satz hat sie sich aber nicht selbst ausgedacht, sondern der kommt von Bürgerinnen und Bürgern, die diesen Satz im Rahmen der Flüchtlingsdebatte immer wieder gegenüber Frau Köpping geäußert haben. Was würden Sie denn sagen? Sind Ostdeutsche nicht genug integriert?

Die wirtschaftlichen Bedingungen waren von Anfang an nicht optimal. Deshalb haben wir immer noch unterschiedliche Leistungsfähigkeiten in Ost- und Westdeutschland. Wir haben Probleme des demografischen Wandels, die sich in Ostdeutschland viel früher gezeigt haben als in Westdeutschland. Dann kommt es halt dazu, dass der Konsum dichtmacht, und dass die Kita und die Grundschule geschlossen wird. Das macht die Leute so ärgerlich und sagen, dass sie ausgegrenzt werden. Vieles von dem, was die Bürger [und Bürgerinnen] wahrnehmen, entbehrt, bei nüchterner Betrachtung, rationale Gründe. Aber die Empörungen darüber sind real. Das heißt: Der Anspruch an den Staat, an die gesamte Gesellschaft, (...) ist dann auch ein überzogener Anspruch. Aber da er real ist und an ihm festegehalten wird, provoziert das immer wieder die Empörung und die Wut.

 

Es ist in diesem Zusammenhang ja auch immer wieder die Rede von einer Spaltung, die sich durch die Gesellschaft zieht. Ist diese Spaltung noch reversibel?

Natürlich ist das reversibel. Die erste Frage ist: Ist die Diagnose überhaupt richtig? Ich glaube schon. Es gibt eine Spaltung und die durchzieht sich auch durch die politischen Lager. Es geht letztlich um die Frage, wie offen unsere Gesellschaft sein soll für andere Lebensentwürfe, für Multikulturalismus, für Solidarität, wozu auch die Aufnahme von [Geflüchteten] gehört. Die ostdeutsche Situation in Sachsen ist hier nochmal eine besondere. Das klingt aber genauso für Westdeutschland.

Sie würden also auch nicht sagen, dass Rechtsextremismus Beispiel nur ein sächsisches Problem ist?

Nein! (...) Natürlich ist Rechtsextremismus ein Phänomen, das überall in Deutschland auftritt, aber es tritt halt verstärkt in Ostdeutschland auf. Das hat offenbar etwas mit den enttäuschten Erwartungen an die Wiedervereinigung und an die Berücksichtigung von Lebenschancen zu tun. Das ist wie eine Art Brandbeschleuniger. Die Probleme aber sind, die dahinter stehen: Ängste vor Multikulturalismus, der Wunsch nach einer geschlossenen, kulturell-integrierten Gesellschaft, den finden sie in Ost wie in West in Ost ein bisschen stärker. Unser Grundgesetz ist die Klammer innerhalb dieser demokratisch, legitimierten Äußerungen und Interessendurchsetzungen gezogen werden und dadurch eingerahmt werden. Man muss dafür sorgen, dass sich innerhalb dieser Klammer auch ein politischer Wettbewerb und auch Positionen artikulierbar sind, die einem vielleicht nicht passen, aber die trotzdem in einer demokratischen Gesellschaft dazugehören.

 

Das umfasst dann aber auch nicht die "besorgten Bürger und Bürgerinnen", die trotzdem vergangene Woche in Chemnitz mit Neo-Nazis und Rechtsextremen auf die Straße gegangen sind?

Das ist eine Grauzone. Wenn eine Demonstration stattfindet, können sie vorher nicht die Gesinnung der Menschen prüfen, die daran teilnehmen. Die Demonstration selber ist ja durch das Recht abgesichert. Man muss auch aushalten, dass Leute komplett anderer Meinung sind als einer selbst. Wenn es durch das Grundgesetz und das Strafrecht angedeckt ist, muss man das aushalten. Nicht alle haben eben die gleich Auffassung. Ich plädiere hier immer wieder für mehr Gelassenheit im Umgang mit politisch Andersdenkenden. Es ist etwas völlig anderes, wenn es sich um rechtsradikale Taten oder das Zeigen des Hitlergrußes oder ähnliches zeigt. Es hilft glaube ich niemanden, wenn man Bürger [und Bürgerinnen], die da mitgelaufen sind, sozusagen dadurch versucht, anzugreifen, indem auch ein Neo-Nazi neben ihm gelaufen ist. Das hilft der Debatte nicht.

 

 

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Louisa Grübler, Angela Fischer
04.09.2018 - 19:51