Berlinale 2019

Immer diese Jugend!

Die Perspektive deutsches Kino der 69. Berlinale wurde mit dem Jugend-Filmessay "easy love" eröffnet und scheitert an seiner Form. Der russische Jugendfilm "Acid" macht es besser! Ein Vergleich.
easy love und Acid

Ja, sie ist schwer die Liebe. Auch bei der 69. Berlinale scheitern wieder viele Filmfiguren an ihr - allen voran natürlich die Jugend. Tamer Jandali ist einer der Filmschaffenden, die sich mit Generation Y auseinandersetzen. Sein Werk easy love eröffnet die Perspektive deutsches Kino - und scheitert an seiner Form. Echte Menschen, echte Emotionen, so das Motto dieses Films. Porträtiert wird eine Gruppe junger Männer und Frauen, allesamt Laiendarstellerinnen und -darsteller, die sich selbst spielen, auf der Suche nach dem Glück im Leben.

easy love

Dass dabei lediglich die klischeehaften Erkenntnisse zurückbleiben, dass die Jugend von heute keine Bindungen eingehen kann und nur an Sex denkt, ist noch gar nicht das Todesurteil für diesen Film.

Heimvideos

Der pseudodokumentarische Stil verwechselt Realismus mit Langeweile, wenn das Publikum zu oft eher belangloses Alltagsgeschwafel hören muss und offenbar ein Reiz darin bestehen soll, dass man rätseln darf, ob diese Menschen hier wirklich Sex vor der Kamera haben oder dann doch einige Szenen nach Drehbuch ablaufen. easy love steht stellvertretend für eine aufgesetzt rebellische Form des Arthouse-Kinos, die man sich keinesfalls für die Zukunft wünscht. Dieses Streben nach Realismus mit den Mitteln der Mockumentary, also der Fake-Doku, erinnert vereinzelt eher an gewisses Nachmittagsprogramm im Privatfernsehen als an forderndes und ambitioniertes Seherlebnis.

Schlaflos in Russland

Dem russischen Drama Acid aus der Panorama Sektion der Berlinale gelingt diese thematische Auseinandersetzung wesentlich stilvoller und das liegt nicht nur an der filmisch ausgefeilteren Optik mit ihren unterkühlten Farben und den trostlosen Interieurs. Acid ist nicht nur der bessere Film, sondern auch der smartere.

Acid

Im Kern geht es zunächst um die gleichen Fragen: um die Bindungsunfähigkeit, die Perspektivlosigkeit, die sozialen Ängste. Und man kann natürlich mit den Augen rollen und fragen, ob dieses Jugendbild tatsächlich der Normalität entspricht.

Offenbar dürften sich viele damit identifizieren können, wenn man sich allein die Anzahl der Berlinale-Beiträge anschaut, die sich mit ähnlichen Stoffen befassen. Regisseur Alexander Gorchilin geht in Acid glücklicherweise noch mehr in die Tiefe, als es Tamer Jandali gelingt, und schafft in dieser Coming-of-Age-Krise intensive Charaktermomente.

Kampf der Generationen

In dem ebenso melancholischen wie verstörenden Acid prallen gewaltsam Söhne und Väter zusammen, müssen um ihre Anerkennung, ja ihre eigene Männlichkeit ringen. Die Zukunft steht für diese Jugendlichen unter keinem guten Stern. Hier springt ein junger Mann vom Balkon, dort wird die Leere mit Drogentrips und wilden Partys zu füllen versucht. Auch die Religion spielt hier vereinzelt eine Rolle, die zu den bestimmenden Themengebieten der diesjährigen Berlinale gehört und ebenfalls keine Erlösung, sondern nur noch mehr Zwänge mit sich bringt.

Fazit

Es gibt offenbar keinen Ausbruch aus diesem Teufelskreislauf, keine adäquate sprachliche Ausdrucksmöglichkeit für dieses düstere Lebensgefühl, das mit der titelgebenden Säure zur Not gewaltsam gereinigt und aus dem eigenen Körper gefressen werden soll.

 

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"easy love" ist der Eröffnungsfilm der Perspektive deutsches Kino der 69. Berlinale.

Regie: Tamer Jandali

Laufzeit: 88 Minuten

 

"Acid" läuft in der Sektion Panorama der 69. Berlinale.

Regie: Alexander Gorchilin

Laufzeit: 98 Minuten