Frisch Gepresst

Immer auf Achse, immer am Draht

In einem Album um die Welt. Mit "Global" veröffentlicht die Wiener Band Flut ihre erste Platte in voller Länge. Von Wien nach Mumbai, von Austro-Pop bis zu Synthesizer-Balladen, drehen wir uns einmal um den Globus von Flut.
FLUT
Sebastian, Jakob, Johannes, Florian und Manuel sind FLUT (von hinten links nach vorne rechts).

Würde man versuchen die Bandgeschichte von Flut auf den Punkt zu bringen, würde es in etwa so klingen: Fünf Jungs gründen eine Band, um der gähnenden Langeweile der Provinz zu entkommen. Sie proben in einem maroden Bandkeller und drehen ihre Videos auf eigene Faust mit alten VHS-Camcordern. Aus dem oberösterreichischen Dorf zieht es sie nach Wien, wo sie einen Vertrag bei Problembär Records, dem gleichen Indie-Label wie Wanda bekommen. Auf ihrer Tour durch den Osten Deutschlands machen sie einen Stopp im Chemnitzer Club Lokomov, wo, ganz wie man es sich vorstellt, Kraftklub an der Bar rumhängen und ein Auge auf Flut werfen. Kurzerhand beschließen Kraftklub einfach Flut mit als Vorband auf ihre ausverkauften Shows zu nehmen. Jetzt, nachdem sie sich schonmal auf den großen Bühnen eingefunden haben, veröffentlicht die Band mit „Global“ ihre erste Platte in voller Länge. Darauf mischen sich Austro-Pop mit Stadionrock-Momenten, Synthie-Balladen und Weltmusik-Einflüssen.  

„Wir leben in einer Stadt, die durstig macht“

Wir starten unsere Reise in Wien, der „Stadt am Draht“. Der Opener der Platte baut sich atmosphärisch auf. Auch wenn die NDW-Einflüsse ihrer EP "Nachtschicht" Platz gemacht haben für einen Weltmusik inspirierten Sound - die Vocoder-Effekte müssen wir trotzdem nicht vermissen, während Sänger Johannes eine Ode an Wien, die Wahlheimatstadt der Band singt. Nach dem ersten Stopp in der Hauptstadt geht es direkt weiter in die österreichische Provinz. Dort lungert die Band im Video zu „Schlechte Manieren“ mit nicht ganz brav gesitteten Freunden im Rokokoschloss herum. In eingängiger Indie-Pop Manier nehmen Flut das Dilemma auseinander, eine Person zu wollen, die sicher nicht die beste Wahl ist:

Hältst mich für arg verklemmt, ich dich für unverschämt. Gehst aus mit meinem Geld, schnorrst dich durch meine Welt. Ja, ich weiß schon, mit meinem Hungerslohn. Denn ich weiß du hast schlechte Manieren.

Song - "Schlechte Manieren"

 

„Hol mich aus Unterwasser“

Vom prunkvollen Schloss sinken wir abrupt in die dunkle Tiefe der Meere, wo die Platte nicht an dramatischen Pop-Momenten spart. In „Unterwasser“ bauen die Synthies eine herzschmelzende Atmosphäre auf und Flut bitten um die Rettung aus ihrem einsamen U-Boot. Während wir am liebsten noch dem Drang folgen, würden unsere Feuerzeuge im Takt über den Köpfen ziehen zu lassen, spülen uns die Wellen aus der Schwere der Tiefsee schon wieder ans Land. Dort landen wir prompt auf der Party einer Südseebar. Wir schnappen uns einen Drink, tanzen zu groovy Rhythmen, die uns angenehm an den Sound der Disco-Ikone Donna Summer zu Zeiten von „Bad Girls“ erinnern, und verschauen uns in die Gäste:

Ich find beachtlich großen Spaß an meinem Cocktailglas. Tequila Sunrise – und jetzt bricht das letzte Eis. Ach wie ich dich beneid in deinem Cocktailkleid.

Song - "Cocktailbar (Wie ich dich beneid)"

„Verwisch die Spur mit mir heut Nacht“

Gerade noch in Schwärmereien vertieft, befinden wir uns schon wieder mitten in der mysteriösen Nacht am Roten Platz. Unsichtbar und von Schatten zu Schatten huschend, ermittelt Agent 08 verdeckt im Schutz Moskauer Mauern. Treibende Gitarren begleiten das Geschehen und verhindern, dass man still sitzen bleiben kann. „Agent 08“ könnte genauso gut der Titeltrack einer nostalgisch actiongeladenen Crime-Serie sein, die wir früher mit Spannung vor dem Röhrenfernseher erwartet haben. Damals, als Binge-Watching auf Netflix noch in weiter Ferne lag. Die Hochstimmung hält allerdings nicht lange an, denn Kinder sind wir keine mehr und spätestens ab da wird alles komplizierter. Zum Beispiel mit der Liebe. Wie ist das denn, wenn man allein im Regen stehen gelassen wird? Flut können davon wortwörtlich ein Lied singen: Kühle Synthies beginnen in „Regen“ eine Spieluhr-Atmosphäre aufzubauen, bis sich der Song zur mitreißenden Rockballade steigert.

Sie lässt mich im Regen stehen. Wir trennen uns auf halbem Weg. Sie lässt mich eiskalt im Regen. Sieht zu, wie ich im Regen untergeh.

Song - "Regen"

Die Reise endet in der flirrenden Hitze der Wüste. So atmosphärisch, wie sich der Opener angekündigt hat, beginnt auch „Sommer in Mumbai“ der letzte Track der Platte. Was anfangs nur als Wispern zu hören ist, entfaltet seine ganze Wucht im Laufe des Songs. Schwere Gitarren und leichtfüßigen Synthesizern drücken nach unten und holen uns wieder hoch. Und lassen uns am Ende nur noch mit dem Zirpen der Grillen zurück.

 

Fazit

An Dramatik sparen Flut auf ihrem Debütalbum nicht. Und das ist auch gut so. Zurückhaltende Popmusik findet sich schon zur Genüge. Auf „Global“ bewegen sich die Gefühle zwischen Naturgewalten und verschiedenen Enden der Welt. Pathos wird untermalt mit Wiener Akzent und Synthesizer-Klängen. Schicht um Schicht baut sich das Album auf, während wir uns drinnen Schicht um Schicht gegen das Herbstwetter einwickeln und mit "Global" trotzdem rauskommen.

 

Kommentieren

FLUT: Global

Tracklist:

1. Stadt am Draht

2. Schlechte Manieren

3. Unterwasser

4. Cocktailbar (Wie ich dich beneid)*

5. Agent 08

6. Alles

7. Kein Land

8. Regen*

9. Eiszeit*

10. Sommer in Mumbai

 

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 05.10.2018
Problembär Records

FLUT auf Facebook und Instagram

 

http://www.flut-musik.com