Literaturrezension

Im Westen was Neues

Beim Anblick des Buchcovers mag den Betrachtenden gleich der Soundtrack zu den Winnetou-Filmen im Ohr sein. Die Kulisse ruft das Flair von Abenteuern in der Prärie hervor. Doch handelt es sich bei "West" von Carys Davies um einen typischen Western?
Cowboy-Ausrüstung
Cowboy-Ausrüstung

Angefangen hat alles mit einem Zeitungsartikel. Von einem phänomenalen Fund war darin die Rede: Archäologen hätten jahrhundertealte Knochen entdeckt, die Hinweise auf riesenhafte Wesen geben. In dem Augenblick, da John Cyrus Bellmann das liest, entbrennt in ihm eine Sehnsucht.

Monatelang konnte er an nichts anderes mehr denken.(...) Da war nur noch dieses Kribbeln, das an Übelkeit grenzte, und die Gewissheit, dass er nicht bleiben konnte, wo er jetzt war.

West, S. 26/27

Seines Zeichens Maultierzüchter entschließt sich Bellmann kurzerhand, aufzubrechen. Der kleinen Farm in der Provinz von Pennsylvania kehrt er denkt Rücken, um nach Westen zu reiten. Der Abschied von seiner zehnjährigen Tochter Bess schmerzt den Vater, hält ihn aber nicht von seiner Reise ab. In der Obhut der Tante -seiner Schwester Julie- glaubt er nicht nur das Kind, sondern auch Haus und Hof gut aufgehoben.
Mit seinem Aufbruch wird die kleine Farm zum Nebenschauplatz. Außer Bess halten Bellmann hier alle für einen Verrückten.

Den Umständen trotzen

Obwohl Carys Davies keine expliziten Innensichten ihrer Figuren präsentiert, wird deutlich, dass Vater und Tochter einander vermissen. Die mangelnden Kommunikationsmöglichkeiten des frühen 19. Jahrhunderts verleihen der Situation eine gewisse Dramatik, die im Verlauf beinahe in Tragik umschlägt: Bellmann schreibt Briefe, ohne zu wissen, wie es dem Mädchen geht. Im Grunde weiß er nicht einmal, ob seine Zeilen sie erreichen, wenn er entgegenkommende Reisende um eine Zustellung bittet.

Diese Ungewissheit prägt die Geschichte wie ein undurchdringlicher Nebel, der sich zwischenzeitlich lichtet. Überhaupt sind gewisse Parallelen von Gemütszuständen und Naturphänomenen erkennbar.

Seine Stimmung hat sich aufgehellt. Abends nach dem langen Tagesritt streckt er sich zufrieden in seinem Mantel aus, genießt eine Pfeife und schreibt an Bess.) Das schnelle Flattern der Fledermäuse in den Bäumen ist zu dieser Tageszeit unendlich angenehm, ebenso das sanfte Knistern der Insekten ringsum, ein stetes, an- und abschwellendes Flüstern, als atmete die Erde selbst. Er ist ein wenig in Sorge (...). Aber alles in allem denkt er wenig über seine Ängste nach, und in Anbetracht dessen, was möglicherweise vor ihnen liegt, fühlt er sich eher aufgeregt als nervös, eher optimistisch als besorgt.

West, S. 111

Charaktere verkörpern Geschichte

Cover
Das Cover lädt zum Träumen ein

Vielleicht ist dieser Optimismus der Tatsache geschuldet, dass ein Einheimischer den alten Maultierzüchter begleitet. Der 17-jährige Indianerjunge, den man „Alte Frau aus der Ferne“ nennt, verkörpert die durchaus beschämende Geschichte der Landnahme und Unterdrückung durch weiße Siedler in Amerika. Mit ihm schafft Carys Davies also eine Figur, die in ihrer Opferrolle dem Pioniergeist des Protagonisten diametral gegenübersteht: Der eine zieht freiwillig in den Westen, der andere wurde aus seiner Heimat vertrieben.

Ungerechtigkeit und Gewalt scheinen in der Tat die zentralen Motive der gesamten Erzählung zu sein. Allerdings lässt die Autorin jede einzelne Figur auf eine eigene Weise damit in Kontakt kommen. Dadurch schwingt im Grundton eine gewisse Bitterkeit mit, die unterschiedliche Lebensentwürfe zu verbinden scheint. Das entstehende Spannungsfeld zwischen Misstrauen und der Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit und erfülltem Leben macht die Lektüre packend. Was kann ein Mensch geben? Was kann ein Mensch nehmen? Was steht ihm zu? Und vor allem: Wer hat darüber zu befinden?

Sprechen durch Verschweigen

Es sind große Fragen wie diese, die Carys Davies in ihrer Leserschaft anstößt. Als erfahrene Kurzgeschichten-Autorin gelingt es ihr, mit vermeintlich simplen Mitteln Wirklichkeiten zu erschaffen: Leerstellen etwa schenken Raum für Phantasie. Nicht auserzählte Geschehnisse dürfen sich in den Gedanken der Lesenden individuell abspielen. Carys Davies erzählt so gesehen durch das, was sie nicht erzählt.
Die Sprache ist schlicht und doch hochpoetisch. Unangestrengt erblühen teilweise tief greifende Metaphern und andere rhetorische Stilmittel, die keiner Erklärung bedürfen.

Wieder spürte er das erdrückende Gewicht der Rätsel dieser Erde mit allem darin und jenseits davon. Seine Neugier und seine Sehnsucht erwachten, gleichzeitig fürchtete er mehr denn je, nie zu finden, wonach er suchte.

West, S. 143

Und weil die Lesenden nicht nur Bellmann, sondern auch die anderen Figuren begleiten, bietet Carys Davies gleich mehrere Perspektiven auf existenzielle Themen.
Schwer vorstellbar, dass jemand sich der Intensität dieses Romans entziehen könnte.

Der Beitrag zum Nachhören:

Eine Rezension von Frauke Siebels
"West" von Carys Davies
 

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Frauke Siebels
07.08.2019 - 19:02
  Kultur

Das Buch „West“ von Carys Davies ist im Luchterhand Verlag erschienen, hat 205 Seiten und kostet 20,- €.