euro-scene 2017

Im Rythmus der Zeit

Warum nicht mal in einem LKW performen? Das dachte sich die belgische Kompanie Post uit Hessdalen und hat es einfach gemacht. Aktuell parken sie bei der euro-scene zwischen. Nur noch bis Sonntag.
Der klaustrophobische Bühnenraum im LKW ist gewagt – und unglaublich spannend!
Der klaustrophobische Bühnenraum im LKW ist gewagt – und unglaublich spannend!

Interessante Location

Auf halber Strecke zwischen Gottschedstraße und Westplatz, etwa vierhundert Meter vom Schauspiel entfernt, erwartet man eigentlich nicht mehr viel Kultur. Auf dem Parkplatz des pwc-Gebäudes hat sich dennoch für einige Tage ein Miniaturtheater eingerichtet. Post uit Hessdalen zeigen dort ihr aktuelles Projekt Pakman im Rahmen der aktuellen euro-scene. Der Lastwagen, welcher als mobile Bühne dient, versprüht einen gewissen Zirkusflair. Da ist es gar nicht so abwegig, dass Pakman auf Jonglage als Darstellungsform setzt.

Pakete ohne Ende

Mit dem Einlass stellt sich schon die Frage, wie all die Zuschauer in den Laderaum passen sollen. Schnell fängt es an, eng zu werden. Der Platz ist noch dadurch begrenzt, dass der Bühnenraum die Hälfte der Fläche einnimmt. Vom Zuschauerraum ist er mittig durch eine Plexiglasscheibe getrennt, welche eine kleine Durchreiche hat. Man sieht zu Beginn vor allem viele, viele Pakete. Noch während des Einlasses werden diese direkt relevant, als der Jongleur Stijn Grupping in seiner Rolle als Postbeamter beginnt, die Pakete zu stempeln und über ein Fließband in den Zuschauerraum zu bugsieren. Spätestens dann ist klar, welchen Zweck die Durchreiche erfüllt. Das Publikum versteht innerhalb weniger Sekunden: Da rollen unsere Sitzplätze für die nächsten Minuten herein! Die ersten Anwesenden beginnen in einer Feuerwehrkette, die Pakete auf dem Boden zu verteilen. Clever, denn mit diesem System werden die Zuschauer gleich zu Beginn in den Arbeitsprozess der Inszenierung mit eingebunden. Man steht unmittelbar am Fließband, noch bevor alle im Laderaum angekommen sind. Das hat sich Pakman schließlich als Thema gesetzt: den Rythmus der Arbeit zu beleuchten und welchen Einfluss dieser auf das Zeitempfinden hat.

Schneller als das Auge folgen kann

Sobald das Publikum zur Ruhe gekommen ist, wird das Fließband zur Seite geschoben und als Raumelement für Gruppings unglaubliche Jonglagekünste verwendet. Ich habe schon viele beeindruckende Jongleure erleben dürfen und trotzdem: er übertrifft sie in diesem fast klaustrophobischen Container alle miteinander! Grupping arbeitet nicht nur mit Wänden, Boden und Decke, sogar die Unterseite des Fließbands wird über mehrere Ecken mit in die komplexen Wege der Jonglagebälle eingebunden. Immer wieder gibt es spontanen Zwischenapplaus für seine Wurffiguren, vor allem wenn sie atemberaubende Geschwindigkeiten erreichen. Der Laderaum erweist sich dabei als idealer Klangkörper, da die Bälle wie Schlägel auf einer gigantischen Trommel hallen. Ganz unterschwellig schalten sich dabei auch echte Trommeln ein, denn im Hintergrund sitzt Jochem Baelus am Schlagzeug, verborgen von einer Wand aus Paketen.

Witz und Wohlklang

Pakman punktet neben der artistischen Leistung vor allem durch seinen charmanten und gleichsam trockenen Humor. Zwischendurch wird der Takt der Arbeit immer wieder durch amüsante "Mittagspausen" unterbrochen, in welchen am stillen Fließband gegessen und Tee aus einer Thermoskanne getrunken wird. Dafür wechselt die Beleuchtung im Bühnenraum. In einer dieser Szenen tritt Baelus zum Vorschein und die beiden Darsteller zeigen eine kleine Slapstickeinlage im Stil klassischer Clownerie. Gesprochen wird dafür kein Wort, die Körpersprache reicht vollkommen aus, um Jung und Alt gleichermaßen zum Lachen zu bringen. Nach dieser "Pause" ist Baelus offen mit seinem Schlagzeug zu sehen und begleitet Grupping lauter und eigenständiger als zuvor. Das Stück wird dabei zu einer brillianten Jamsession.

Lebensweisheit ... für Kids?

Dass Pakman als Kinderstück ausgewiesen ist, liegt vielleicht am Zirkusflair. Inhaltlich bietet die Performance allerdings einen Tiefgang, der sich den ganz Kleinen kaum erschließen dürfte. Ein Verständnis für die alltägliche Arbeitsroutine und die daraus entstehende Eintönigkeit kommt schließlich erst, wenn die Welt nicht mehr neu und aufregend ist. Für Erwachsene bekommt das Stück damit sogar einen dystopischen Beiklang. Vielleicht sollte man den jüngeren Zuschauern aber auch mehr zutrauen. Dann wird der Beiklang für sie zum erhobenen Zeigefinger: "Bewahrt euch die Dynamik eurer Kindheit und lasst euch nicht die Vielfalt, sowie die Besonderheit eures Zeitempfindens nehmen!" – dieses Zeitempfinden, das Mensch und Maschine so leicht unterscheidet. Unabhängig vom Alter der Rezipienten bietet Pakman so viel mehr, als man von einer halben Stunde im Laderaum eines LKWs erwarten würde.

 

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Maximilian Enderling
11.11.2017 - 15:14
  Kultur

Das 27. Festival zeitgenössischen europäischen Theaters und Tanzes Leipzig, kurz euro-scene 2017, steht ganz unter dem Motto "Ausgrabungen" und setzt daher besonders auf Rekonstruktionen. Werke einiger der größten Choreografen des Zwanzigsten Jahrhunderts werden dafür quasi ausgebuddelt, unter anderem die der 1993 gestorbenen Tänzerin Gret Palucca. Damit übernimmt die euro-scene die wichtige Verantwortung des Erhalts historischer Tanzstücke. Viele Choreografen des vergangenen Jahrhunderts weigerten sich, große Teile ihrer Arbeiten in Videos zu dokumentieren, da Tanz nun einmal auch vom Moment lebt. Mit den Rekonstruktionen wird das Leipziger Publikum in diesem Jahr vielleicht keine exakte Zeitreise machen, aber sicherlich einen kleinen Blick in die Tanz- und Theatergeschichte werfen.

Das euro-scene Festival findet seit 1991 statt und bringt damit schon seit unmittelbar nach der Wende internationale Performance-Highlights nach Leipzig. Für die hiesige Theaterkultur ist das eher die Ausnahme, da in Deutschland der Löwenanteil an Produktionen von kommunalen Spielstätten und nicht von mobilen Kompanien umgesetzt wird. So ist die euro-scene enorm wichtig, um auch renommierten Künstlern wie Alain Platel die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeiten auch hierzulande bei Gastspielen zu präsentieren.

 

Dienstag

19:30 Das Triadische Ballett

Mittwoch

16:00 Goldkugeln der Tanzgeschichte

19:30 Das Triadische Ballett

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

Donnerstag

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 It's Schiller! Die Maltheser. Tragödie.

19:30 Von Serenata bis Totentanz

22:00 Bombyx Mori

Freitag

16/17/18 Uhr Pakman

17/20/23 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

19:30 Vangelo

22:00 Bombyx Mori

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Samstag

14/17/20 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

16/17/18 Uhr Pakman

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 The wanderer's peace

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo

Sonntag

11/15/16 Uhr Pakman

11/14/17 Uhr Cosas que se olvidan fácilmente

17:00 The wanderer's peace

17:00  Zwei Giraffen tanzen Tango

19:30 Five easy pieces

22:00 Das beste deutsche Tanzsolo