CD der Woche

Im Krieg mit Überraschungen

Nach zwei verkopften Platten wendet sich die amerikanische Indie-Band Warpaint dem eingängigeren Klang zu. Ihr drittes Werk "Heads Up" ist aller anfänglicher Kritik zum Trotz ein spannendes, dunkles Album.
Warpaint
Scheinen sich wieder zu verstehen: Warpaint

Es soll doch tatsächlich Leute geben, die sich nicht über Überraschungen freuen und diese blöd finden. Das weinende Baby unterm Weihnachtsbaum mit dem Spielzeugauto in falscher Farbe – oder ein motzendes Szene-Kind, das mal wieder von seiner hippen Lieblingsband enttäuscht wurde. Als das amerikanische Girls-Quartett Warpaint mit der Single „New Song“ das neue Album „Heads Up“ ankündigte und versprach, dass es einige Klang-Überraschungen geben soll, bekam es auf ihrer Social-Media Präsenz viel Gegenwind. Poppig, tanzbar, wie eine 08/15 Elektro-Band, massentauglich – auch wenn die Anschuldigungen weitestgehend freundlich waren, haben sich offenbar nicht alle Fans mit dem neuen Song und dem neuen Stil anfreunden können. Ohne ihnen dabei zu nahe zu treten: die sonst so verkopft klingenden Warpaint-Mädels sind weder ein billiger Chvrches-Abklatsch, noch werden sie im Formatradio neben Rihanna und Co. laufen. „Heads Up“ bringt vielmehr eine erfrischende Neuerung.

An ihr drittes Album sind Warpaint mit einer neuen Arbeitsweise herangegangen. Dauerten die Aufnahmen des selbstbetitelten Vorgängers deutlich länger, haben die Amerikanerinnen hier schnellen Prozess gemacht. Fünf Monate – und „Heads Up“ war im Kasten. Auch die elf dabei produzierten Songs sind zügiger und gehen mehr nach vorne als das alte Material, ohne dabei den dunklen Ton von Warpaint zu verscheuchen. Der starke Opener „White Out“ zeigt eindrucksvoll die Richtung an. Unüblich für Warpaint geht der Song gut ins Ohr und groovt ordentlich drauf los. Positiver und mehr an ihre tanzbareren Liveauftritte angelehnt soll „Heads Up“ sein. Das bereits erwähnte „New Song“ webt sich in der Tat ziemlich straight voran. Mehr Pop gibt es dann aber auch nicht: Die Szenekids dürfen aufatmen. Stattdessen gibt es eine Mischung aus typischen Warpaint-Nummern wie „Don’t Let Go“ und nicht weniger experimentellen neu-klingenden Stücken wie dem Titeltrack.

Kompromissbereit

Bemerkenswert ist: Fast hätte es „Heads Up“ nie gegeben. Die vier Frauen, die wohl alle gerne für ihre starke Meinung einstehen, hatten am Ende der letzten, überlangen Tour die Nase voll vom ständigen Streiten. Eine Auflösung stand in Raum. Stattdessen hat das Quartett lieber die Probleme als die Symptome gelöst. Während in Vergangenheit vor allem viel über Musik gestritten wurde und Songs gerne mehrere hundert Male diskutiert wurden, einigten sich Warpaint auf eine veränderte Zusammenarbeit. Die Amerikanerinnen komponierten mehr auf ihren eigenen Instrumenten und fanden somit schneller Kompromisse. Daran liegt es vielleicht auch, dass sich „Heads Up“ angenehmer durchhören lässt. Viele Songs sind fluffiger und auf eine positive Art und Weise zugänglicher. Das fast schon wilde „So Good“ lebt von seiner Leichtigkeit, während sich das Highlight „Above Control“ in schöner Melancholie verloren geht. Mit den teilweise sehr ruhigen Songs wie dem Closer „Today Dear“ ergibt das eine groovende Mischung, die auch nach über 50 Minuten nicht langweilig wird und Spaß macht. Spaß hatte Warpaint dann trotz aller Vergangenheit auch im Studio. „New Song“ entstand beispielsweise einem Spiel, bei dem jedes Bandmitglied einen Song hörte und infolge komponieren sollte. Bassistin Jenny Lee hörte „Get Lucky“ und nahm den Groove mit. Das war es aber auch. Genau, liebe Hater. Hört euch doch noch einmal den Daft Punk-Hit und dann „New Song“ an. Und erzählt dann mal wieder was von massentauglich und so. Ihr werdet schon sehen, was gemeint ist.

 

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Till Bärwaldt
22.09.2016 - 14:15
  Kultur

Warpaint: Heads Up

Tracklist:

1. Whiteout*
2. By Your Side
3. New Song
4. The Stall
5. So Good*
6. Don't Wanna
7. Don't Let Go
8. Dre
9. Heads Up
10. Above Control*
11. Today Dear

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 23.09.2016