Im Gespräch: Anne Weber

Im Handstand durch die Welt

Anne Webers Roman "Kirio" wurde von ihrem Verlag als moderne Heiligenlegende angekündigt. Das Buch verfolgt das Leben Kirios, wie er durch die Welt reist und Wunder vollbringt. Damit war die Autorin für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Buchmesse 2017, Anne Weber
Die Autorin Anne Weber im Gespräch mit Redakteur Thilo Körting.

Kirio läuft am liebsten im Handstand durch die Welt und bewegt sich gern Rad schlagend fort, dabei vollbringt er Wunder und bringt seinen Mitmenschen damit Freude. Der Titelheld, der voller Leben steckt, scheint ganz offiziell ein Mensch zu sein, sein Wesen erscheint aber wie ein guter Geist und hat etwas Übernatürliches an sich. Seine Gleichgültigkeit lässt ihn jedoch auch wie einen Narr, im besten Sinne, aussehen.
In der Schulzeit wird klar, Kirio ist keiner für Regeln. Es ist nichts Zerstörerisches, er passt nur nicht in die Norm. Dass er eben immer auf den Händen geht. Oder wie er bei der Tour de France einfach mitradeln will und aus Versehen den Präsidenten anfährt. Dieses Anarchische stößt jedoch schnell auf Widerstand.

Eine wundervolle Dramaturgie

Der Roman ist eigentlich eine Aneinanderreihung von Wundern. Zum Beispiel rettet Kirio einen Selbstmörder, in dem er die Schwerkraft aussetzt. Er soll auch einmal die Zeit zurückgedreht haben. Aber das verkündet Kirio nicht selbst, er scheint es selbst gar nicht zu bemerken.
Das Buch folgt einer klaren Dramaturgie, der Biografie. Darin sind auch klassische Stationen: Die Verführung durch Priscia, eine ältere Frau bei der Kirio eine Weile lebt, das Eremitentum im Wald, die Aussendung in die Welt und die Zeit der Wunder, die er in Paris vollbringt.

Eine Ansammlung von Erzählern

Das Wundersame an diesem Roman ist nicht nur der Held, sondern auch die Erzählstimme. Die sagt gleich zu Beginn, dass sie sich nicht dazu berufen fühlt und lässt Wegbegleiter Kirios berichten. Immer wieder schaut die übergeordnete Erzählstimme, wo der nächste Erzähler ist, der gerne auch mal aus dem Alltag herausgerissen wird. Dadurch ist der Roman eine Art Sammlung von Erzählungen. Alles, was erzählt wird, hat etwas Unsicheres, da erzählt irgendjemand mehr über sich und nur Vermutungen über Kirio.
Der übergeordnete Erzähler stellt sich permanent selbst infrage. Statt zu erzählen, will er nur nach der eigenen Identität fragen. Die Gedanken dieser namen- und formlosen Erzählstimme drehen sich vor allem, um die Frage, wer oder was er ist. Ist er ein Gott? Aber diese Erzählstimme schwebt nicht in ihrem eigenen Kosmos. Sie spricht den Lesenden direkt an. Sie ist eine Conferencier, der ihn aber immer wieder in sein Ratespiel mit einbezieht. Ganz direkt in eine Runde "Wer bin ich?". Er lässt den Lesenden an den Zweifeln teilhaben.

Redakteur Thilo Körting im Gespräch mit Autorin Anne Weber:

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Anne Weber, die 1964 in Offenbach geboren ist, lebt in Paris, studierte an der Sorbonne französische Literatur und Komparatistik und arbeitet als Übersetzerin ins Französische und Deutsche. 2010 wurde sie mit Luft und Liebe für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Auch "Kirio", ihr neuster Roman, stand dieses Jahr auf der Shortlist der Leipziger Buchmesse. Das Buch is bei S.Fischer erschienen, hat 220 Seiten und kostet 20 Euro.