Woche des Sehens

Im Gespräch mit Jennifer Sonntag

Diese Woche ist die bundesweite Woche des Sehens. Es geht vor allem darum, auf die Lage von blinden und sehbehinderten Menschen aufmerksam zu machen. Dazu haben wir mit Jennifer Sonntag, einer blinden Moderatorin, gesprochen.
Jennifer Sonntag beim Moderieren
Jennifer Sonntag beim Moderieren

Seit 2008 moderiert Jennifer Sonntag die „SonntagsFragen“ in der MDR-Fernsehsendung „Selbstbestimmt!“. Dort interviewt sie zum Beispiel Musiker*innen, Sportler*innen und Politiker*innen. Bei ihr waren unter anderem schon Christina Stürmer, Roger Cicero und Gregor Gysi zu Gast. Redakteurin Georgia Dreßler hat mit der Moderatorin gesprochen.

Das Interview findet ihr hier zum Nachhören und unten zum Nachlesen:

Redakteurin Georigia Dreßler im Gespräch mit Jennifer Sonntag
Redakteurin Georigia Dreßler im Gespräch mit Jennifer Sonntag

 

Georgia Dreßler: Unterscheidet sich Ihre Sendung von anderen dadurch, dass Sie blind sind?

Jennifer Sonntag: Ich denke ja. Ich muss mich ja mit meinen Worten so ein bisschen immer an meine Gäste herantasten, ich kann ja mein Gegenüber nicht sehen. Mein Sehen  funktioniert erstmal über verbales Herantasten. Ich frage erstmal: Wie muss ich mir denn Ihre Optik vorstellen? Und wie riecht denn für Sie ein guter Tag? Ich bring auch oft meine eigene Wahrnehmung mit ein, um so diese konventionellen Denkräume mit dem Gast zu verlassen und das ist sehr spannend, weil die Prominenten natürlich eher so spiegelverkehrte Verkehrsweisen gewohnt sind in den Interviews.

Wie reagieren denn ihre Gäste auf die Blindheit?

Ganz unterschiedlich. Also manche sind schon irritiert, weil sie glauben mir nicht in die Augen gucken zu können oder zu sollen und suchen dann die Blicke des Kamerateams, oder schauen nach unten, oder schauen ganz nervös durch den Raum.  Andere können sich gut darauf einlassen. Ich versuche ja auch mein Gegenüber zu fixieren. Also mit dem Kopf in die Richtung zu schauen. So eine Ebene aufzubauen, dass man so ein Band zueinander knüpft. Aber die Leute sind natürlich auch nur Menschen und reagieren ganz unterschiedlich

Wie bereiten Sie sich auf die Sendung vor? Also ich denke da zum Beispiel an das Skript, das man als Moderator oder Moderatorin normalerweise zur Hilfe hat. Wie machen Sie das?

Also es beginnt mit der Recherche. Das ist manchmal schon eine Herausforderung, weil ja nicht alle Schriftinformationen barrierefrei sind. Nicht alle Computerseiten sind kompatibel mit meinem Screen-Reader. Ich arbeite mit einer Sprachausgabe am PC und nicht alle Bücher oder Filme, die ich mir vorher "anschauen" muss, kann ich barrierefrei wahrnehmen. Deswegen muss ich das so für mich umwandeln, dass ich es nutzen kann. Das kostet oft viel Zeit. Dann entwickle ich die Fragen und übertrage mir sie in Punktschrift auf meine Moderationskarten. Natürlich in Absprache mit der Redaktion.

Ich suche mir dann mein Outfit aus, ohne dass ich den Spiegel sehe – das ist für mich auch sehr spannend - ertaste also, wie soll der Haarschmuck mit dem Kleid korrespondieren, welchen Uhrschmuck brauche ich zu den Schuhen? Das ist für mich so ein blindes Heranfühlen. Ja und dann ist da natürlich so ein Einschwingen mit den anderen so generell auf die Sendung.

Und dann, wenn Sie vor der Kamera stehen, wie fühlt sich das an als Blinde?

Es ist deshalb interessant, weil ich überhaupt gar keine Kommunikation und Mimik oder Gestik habe, also auch mit dem Team. Da wir schon so lange zusammenarbeiten, wissen natürlich alle, dass sie mich immer ansprechen müssen, man kann da nicht mal was mit dem Fingerzeigen absprechen. Man muss mich immer direkt ansprechen. Das ist aber im Laufe der Jahre gewachsen.

Ich kann auch alles ausblenden. Dadurch dass ich keinen sehe, fühle ich mich manchmal wirklich mit dem Gegenüber ganz allein. Das hat auch seine Vorteile, weil ich das Rundherum dann vergesse und auch vergesse, dass da überall Kameras sind. Natürlich muss es auch sehr still sein. Sobald eine akustische Ablenkung kommt und ich mit meinen Ohren nicht mehr ganz bei der Sache sein kann, bin ich auch sehr schnell raus aus dem Dialog. Also Ruhe ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt bei den Dreharbeiten.

 

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