Konzertbericht: Arcade Fire

I'll Film Everything Now

Am 13. August waren Arcade Fire zu Gast in Berlin. Neben einer grandiosen Show hielt ihr Auftritt eine Bandbreite an Emotionen bereit. Ähnlich wie dieser Konzertbericht, inklusive Smalltalk über das Wetter und ein paar ungeklärten Fragen.
Nicht nur in Berlin das Herz-Ass: Arcade Fire auf ihrer „Everything Now Continued“ Tour.
Nicht nur in Berlin das Herz-Ass: Arcade Fire auf ihrer „Everything Now Continued“ Tour.

Die Luft steht schwer und schwül, als wir aus der U-Bahnstation in Richtung Tageslicht treten. Der Himmel sieht nach Regen aus – was nach endlosen Tagen, an denen man verschwitzt an irgendwelchen Sitzmöbeln kleben geblieben ist, eigentlich eine willkommene Abwechslung wäre. Dumm nur, dass just an diesem Tag Arcade Fire in der Zitadelle Spandau spielen. Diese ist nach eigenen Angaben „Berlin's most beautiful open air venue“ und schützt damit garantiert nicht vor Wolkenbrüchen. Meine Begleitung und geschätzte Kollegin Marie hat vorgesorgt: Mit ihrer Regenjacke und dem entschlossenen Blick sieht sie aus, als wolle sie ihren inneren Bear Grylls channeln. Wenigstens eine von uns ist auf alle Wetterlagen vorbereitet.

Schade nur, dass ihr wasserabweisendes Qualitätsprodukt kaum zum Einsatz kommt. Es tröpfelt vielleicht zehn Minuten lang, danach ist Schluss. Die Flüssigkeiten, die jetzt noch auf Maries Jacke landen könnten, beschränken sich im Groben auf a) Freudentränen, b) Schweiß und c) Bier. Für Zweiteres sorgen zunächst Gurr, als sie den Abend mit ihrem aufgedrehtem Britpop eröffnen. Das neue Bühnenbild blinkt bunt, Sängerin Andreya Casablanca geht kurz vor Setende auf Tuchfühlung mit dem Publikum und vom Bühnerand aus werfen ein paar Arcade-Fire-Mitglieder wohlwollende Blicke auf die Berliner Band. Als Gurr die Bühne verlassen sind wir gut aufgewärmt, wie vor einer Runde Weitsprung. 

Die Show beginnt vor der Show

Arcade Fire überraschen bereits, bevor sie überhaupt auf der Bühne sind. Statt von hinten auf die Bühne zu treten, bedeutungsschwanger ins Publikum zu schauen und irgendwas von wegen „Berlin, how are you?“ zu rufen, bleibt die Bühne erstmal leer. Auf den beiden Leinwänden, die über der Bühne hängen und spitz aufeinander zulaufen, sind verschiedene Videoschnipsel zu sehen. Im Hintergrund läuft erst Stevie Wonders „Pastime Paradise“, gefolgt vom instrumentalen „Everything Now (Continued)“. Irgendwann zeigen die Leinwände Arcade Fire in Echtzeit, die sich von hinten ihren Weg ins Publikum bahnen. Wer in den vorderen Reihen steht, kann schlecht ausmachen, wo genau sich die Band befindet. Auf den Leinwänden lässt sich aber verfolgen, wie die Band die Menge teilt, nach vorne spaziert und dabei High-Fives an aufgeregte Fans verteilt. Volksnähe: Check.

Auf der Bühne angekommen nimmt jedes der acht Bandmitglieder seinen vorläufigen Platz ein. Mit „Wake Up“ eröffnen Arcade Fire ihr Set und starten damit direkt mit einem Klassiker. Ein Teil des Publikums klebt mit seinen Augen begeistert an der Bühne, andere sind vor Euphorie ganz außer sich und werfen die Arme in die Luft. Wieder andere reißen ihre Smartphones aus der Tasche, halten es hoch in die Luft und beginnen mit dem, was sich im Laufe des Albums als Livestreammarathon entpuppen soll. Aber dazu später mehr. 

Mit den ersten Tönen von „Neighborhood #3 (Power Out)“ - einem weiteren All-Time-Classic – färbt sich die Bühne grellrot. Von der Band sind nur noch Umrisse erkennbar. Arcade Fire und ihr Team beweisen ein unfassbar geschicktes Händchen für Bühnenbild und Atmosphäre. Auf den Leinwänden laufen abwechselnd Filmcollagen gemischt mit Schnipseln aus Musikvideos und Live-Aufnahmen. Ich bin hin und weg. Selten wurden auf einem Konzert sowohl meine Augen als auch meine Ohren so stimuliert. 

Don't Put Your Phone In My Face (Please)

Zwei Songs später kündigt Sänger Win Butler „Deep Blue“ an, einen Song, den Arcade Fire nach eigenen Angaben geschrieben haben, als „immer mehr Leute“ zu ihren Shows kamen, die „die ganze Zeit ihre Telefone hochhielten“. Mitten im Song fordert Butler – höflich, aber bestimmt – einen Typen in den vorderen Reihen auf, sein Handy endlich herunterzunehmen. Ich möchte ihn dafür küssen, weil ich zu dem Zeitpunkt schon völlig entnervt bin. Während auf der Bühne eine der besten Shows geliefert wird, die ich seit langem auf einem Konzert erleben durfte, bekomme ich davon wenig mit, weil mir ständig die Handys anderer Menschen die Sicht versperren. Im Laufe des Abends versuche ich ungeschickt, mich aus diversen Selfie-Sessions rauszuducken und bekomme manche Songs hauptsächlich durch Bildschirme zu sehen. Als mein absolutes Highlight stellt sich eine Frau heraus, die ihr filmendes Handy mit beiden Händen umfasst und die Arme im Takt nach rechts und links fliegen lässt - was doppelt bescheuert ist, weil sie dabei unfassbar nervt, aber nicht einmal eine vernünftige Filmaufnahme zustande bekommt. Während ich die Menschen um mich herum anschaue, werde ich immer wütender. Vor uns spielt eine fantastische Band, aber viel zu viele glotzen auf ihre Handys.

Wir leben in einem freien Land und ein Konzert soll ja nach Möglichkeit ein schönes Erlebnis für alle Beteiligten sein, aber warum jemand erst über 50 Euro für eine Konzertkarte ausgibt, um dann zwei Stunden mit seinem Mobiltelefon beschäftigt zu sein, will nicht in meinen Kopf. Und wir sprechen hier nicht von „Oh, ich mach' mal zwei, drei, fünf Fotos zur Erinnerung!“. Es handelt sich hier um die überzeugte „Super, ich filme mit meiner Handykamera jetzt *jeden* Song mit. Bei der furchtbaren Bild- und Tonqualität werde ich da bestimmt noch Jahre Freude dranhaben. Und erst die Leute, die sich meine Instagramstory anschauen, in der man eigentlich nur viel zu laut rauschende Boxen hört und sich zu Tode erschrecken! Toll!“-Attitüde.

Mittlerweile ärgere ich mich aber viel mehr über mich selbst, weil ich mich von dem ganzen Unsinn mehr und mehr von der (immer noch hervorragenden) Show ablenken lasse. Ähnlich wie in diesem Nachbericht nimmt das Thema auch während des Konzerts viel zu viel Platz in meinem Kopf ein. Deshalb versuche ich mich wieder, aktiv auf das eigentliche Geschehen zu konzentrieren.

Da Arcade Fire reich an vielseitig talentierten Multiinstrumentalisten ist, springen sie von Song zu Song an andere Instrumente. Es ist, als würde jemand wie damals im Sportunterricht „Wechsel!“ in ein Volleyballspiel rufen und jeder wandert einen Platz weiter. So geht Régine Chassagne für „Electric Blue“ vom Keyboard zur Mitte der Bühne und singt mit ihrer markant hohen, kindlichen Stimme. Dabei strahlt sie so betörend ins Publikum, dass mein Groll fast wie weggeblasen ist. Bei „Put Your Money on Me“ leuchtet die Bühne grün wie US-Dollarnoten. Bei „Reflektor“ streift Chassagne eine kristallähnliche, reflektierende Jacke über und macht der riesigen Discokugel, die über der Bühne thront ernsthafte Konkurrenz.

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug?

Ehe ich mich versehe, verabschieden sich Arcade Fire und verlassen die Bühne. Dank tobendem Applaus und fordernden „Zugabe“-Rufen verschwinden sie allerdings nicht für lang. „Everything Now“ und „Rebellion“ folgen, eine letzte Chance sich dem ganzen Geschehen noch einmal ausgiebig hinzugeben. Will Butler – Arcade Fires Trommelpeter – sieht das ähnlich und verliert sich bei „Rebellion“ völlig. Erst springt er wild über die Bühne, dann klettert er samt Trommel die Bühne rauf - in erschreckende Höhen. Für einen kurzen Moment bin ich mir sicher, der Titel dieses Nachberichts wird lauten: „Ich habe gesehen, wie Will Butler stirbt“. Wie in einem Horrorfilm kann ich nur durch meine verschrenkten Finger zu ihm hochschauen. Glücklicherweise schafft er es unbeschadet wieder nach unten. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Arcade Fire verabschieden sich ein letztes Mal und ich lasse den Abend kurz Revue passieren: Eine Band, die ihr Werk bis in kleinstes Detail perfektioniert hat. Ein Publikum, das bis auf seine Smartphone-Eskapaden eigentlich ganz angenehm war. Fünf Minuten Todesangst um ein Bandmitglied und wahrscheinlich eine der – wenn nicht die – beste Show, die 2018 bisher für mich zu bieten hatte. Nicht schlecht, Arcade Fire. Gar nicht schlecht.

 

Kommentare

Ich gebe dir völlig Recht, eines der besten Konzerte, besten Bands die ich jemals gesehen habe (und ich habe schon U2 bei Zooropa gesehen, jaha, so alt bin ich). Entgegen anderer Meinungen fand ich die Band nicht müde sondern mit Spaß an der Sache und alle sooo talentiert. Licht und Video auch topp. Auch ich bin entsetzt von den dauerfilmenden Menschen, die den Moment nur durch ihr Smartphone erleben und den anderen Zuschauern so auch noch ihr Musikerlebnis vermiesen. Auch schien mir ein Teil des Publikums besser auf einem Stadtfest mit einer Coverband aufgehoben zu sein, denn außer dumm rumquatschen haben die nichts gemacht, das war echt störend. Warum zahlt ihr soviel Geld fürs Ticket? Unbegreiflich. Aber ein unvergessliches Erlebnis, Arcade Fire endlich einmal live gesehen zu haben. In andere deutsche Städte als Berlin scheinen die ja nicht zu reisen.

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Setlist:

1) Wake Up
2) Neighborhood #3 (Power Out)
3) Neighborhood #2 (Laika)
4) Headlights Look Like Diamonds
5) Deep Blue
6) Electric Blue
7) Put Your Money on Me
8) Cars and Telephones
9) Half Light I
10) Half Light II (No Celebration)
11) Rococo
12) The Suburbs
13) The Suburbs (Continued)
14) Ready to Start
15) Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)
16) Reflektor
17) Afterlife
18) Creature Comfort
19) Everything Now (Continued)
20) Everything Now
21) Rebellion (Lies)