#vulvarious

Ich wollte aufwachen und ein Junge sein

Transfrauen und -männer stehen immer noch vor vielen Herausforderungen. Die Diskriminierung liegt hierbei nicht nur auf gesellschaftlicher Seite. Matteo hat uns von den rechtlichen und gesellschaftlichen Hürden erzählt.
Matteo beim IDAHIT
Matteo auf dem IDAHIT, dem internationalen Tag gegen Homo-, Inter- und Transfeindlichkeit.

Matteo hat Lea Kim Binger und Marie Zinkann seine Geschichte erzählt:

Matteo über seine Pubertät, den Transitionsprozess und sein Neuanfang in Leipzig.
 

Als Matteo vor einem Jahr nach Leipzig gezogen ist, hat er sich ganz bewusst dagegen entschieden, bei null anzufangen. Er möchte seine Geschichte erzählen. Er ist Trans und mittlerweile in seiner Rolle als Mann angekommen. Aber dorthin war es ein langer Weg.

Bei Mädchen gegen Jungs wollte ich nie bei den Mädchen mitspielen. Ich hatte einfach das Gefühl, ich bin nicht Teil dieser Gruppe. Das ist ganz schwierig zu erklären

Bist du ein Junge oder ein Mädchen?

Schon sehr früh hat Matteo gewusst, dass er kein Mädchen ist. Er hat sich geweigert, Kleider zu tragen oder lange Haare zu haben. Schon als Kind hat er Diskriminierung erfahren. Zum Beispiel durch Lehrer oder Lehrerinnen, die nicht akzeptieren wollten, dass er sich nicht anpasst. Dadurch fühlte er sich oft unverstanden und ging der Frage "Bist du ein Junge oder ein Mädchen?" am liebsten aus dem Weg. Mit der weiblichen Pubertät begann eine unerträgliche Zeit für Matteo. 

Ich habe mich versteckt und ganz viele Kleider übereinander getragen, dass man bloß nichts sieht. Man will ja weiterhin als männlich gesehen werden. War ich ja.

Ich möchte nicht weiter als Mädchen leben!

Mit 13 hörte er einen Radiobeitrag über Transgeschlechtlichkeit und recherchierte anschließend im Internet zu dem Thema. So fand er endlich die richtigen Worte und vertraute sich seinen Eltern an. Auf dieses Outing folgten eine Reihe von Behördengängen und Arztbesuchen. Denn um in Deutschland offiziell ein anderes Geschlecht anzunehmen, sind mehrere psychologische Gutachten notwendig. Erst dann ist es möglich, eine Hormontherapie, Operationen und eine Namensänderung durchzuführen. Für diese Gutachten werden sehr persönliche Fragen gestellt.

Man muss für alles Beweise liefern. Man muss den Gutachtern und Gutachterinnen beweisen, dass man wirklich ein Mann ist. Diese Gutachten lesen dann die Richter am Amtsgericht. Da dachte ich mir auch, das sind total persönliche Sachen, eigentlich geht dich das nichts an.

Matteo beim Interview.

Foto: Lea Kim Binger 

Heute wird Matteo in seiner männlichen Rolle anerkannt und ist daher nur noch wenig Diskriminierung ausgesetzt. Die Bezeichnung für diesen Zustand nennt man "Passing". Besonders für Transfrauen ist es aufgrund von Körperbau und Stimmlage oft schwieriger zu diesem "Passing" zu kommen. Von vielen werden sie deshalb als anders wahrgenommen und haben Schwierigkeiten einen Job oder eine Wohnung zu finden. Diese andauernde Benachteiligung war nur ein Grund für Matteo, sich in dem Verein RosaLinde gegen Diskriminierung wie Homo- und Transphobie zu engagieren. 

Ich möchte, dass ich nicht unsichtbar bin, sondern möchte weiterhin Teil der Bewegung sein. Ich möchte weiter dafür kämpfen, dass es queeren Menschen besser geht.

 

Das Interview mit Matteo ist im Rahmen eines Seminars der Universität Leipzig entstanden. Der Beitrag "Queer durch die Gesellschaft" befasst sich mit Diskriminierung gegenüber Menschen, die nicht den klassischen Geschlechterrollen entsprechen. 

 

 

Kommentieren

Der Verein RosaLinde setzt sich seit 1989 gegen Diskriminierung ein. Die Mitglieder engagieren sich für die Sensibilisierung der Gesellschaft. Der Verein bietet unter anderem Beratungen, Veranstaltungen und Schulprojekte an.