Literaturrezension

Ich sehe was, was du nicht siehst

Wie viele Zigaretten kann man eigentlich rauchen, bis einem schlecht wird? Wie entsorgt man eine verwesende Vogelleiche? Und ist es nicht viel spannender, den eigenen Körper auszuprobieren, wenn Andere dabei zusehen? Lene Albrecht schreibt darüber.
Plattenbau-Fenster
Plattenbau-Fenster

Damals: Ein Hinterhof im Berlin der Nachwendezeit. Umgeben von Plattenbauten. An einer Seite ein Zaun. Dahinter ein Park, in dem mit Drogen gedealt wird. Dies ist das Umfeld, in dem Linn und Laila einen Großteil ihrer Jugend erleben. Vielleicht sind sie Freundinnen, vielleicht aber auch Schwestern. Genetisch sind sie nicht verwandt, doch Lailas Mutter ist alkoholkrank und übergibt ihre Tochter deshalb an Linns Familie. Laila soll dort ein Zuhause finden.

Und dann muss irgendetwas passiert sein. Ein Knall. Eine Zäsur… -den Lesenden verborgen.

Heute ist Linn erwachsen, wohnt mit ihrem Freund Gregor zusammen und erwartet ein Kind. Und obwohl Laila in diesem neuen Alltag nicht real auftritt, bestimmt sie ihn doch gewaltig mit.

Die Wahrheit ist: Ich erinner mich nicht an ihren Geruch, manchmal sehe ich ein Bild vor mir, das sich in Wirklichkeit aus Geräuschen zusammensetzt. Vielleicht lässt sich von einem Foto auch Geruch ableiten.
Und auf einmal wird mir klar, dass Laila diese Unschärfe in mir zurückgelassen hat (...). Da ist er wieder, dieser unbedingte Wunsch, auch sie möge nach mir suchen, mir einen Platz in ihrem Leben einräumen.

"Wir, im Fenster" S. 30/31 + 56

Lene Albrecht macht Linn in ihrem Roman „Wir, im Fenster“ zur Erzählerin. Aus der Ich-Perspektive schildert sie sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart und geht dabei keineswegs chronologisch vor. Analog zu den turbulenten Gefühlen Pubertierender, wechselt die Autorin sprunghaft zwischen den Geschichten. Lediglich eine Leerzeile trennt die Passagen voneinander.

Sichtbar, hörbar, spürbar -sinn-voll

Auch die Sprache verweist auf die Ebene des Erlebens. Unvollständige Sätze, wörtliche Rede, die ohne Anführungszeichen auskommt – die Worte werden wie von selbst zu Bildern.
Das kommt zum Beispiel in einer Passage zum Ausdruck, in der die beiden Protagonistinnen nach einem potenziellen Spanner im gegenüberliegenden Haus Ausschau halten.

Verschwunden, stellte Laila ernüchtert fest. Sie legte ihre Hand an den Griff aus Plastik und riss das Fenster ganz auf, Hallo, das schrie sie jetzt, die Fassade warf ihren verzweifelten Ruf zurück. Halt’s Maul, bellte jemand von unten, von der Straße hoch, nicht mehr als eine Ahnung, ein beweglicher kreisrunder Fleck. Im Kopf pochte es dumpf, mein Herzschlag verlangsamte, wie ein ausklingendes Lied.

"Wir, im Fenster", S. 128

Lene Albrecht zaubert nicht nur Bilder in die Köpfe der Lesenden. Sie beschreibt derart lebensnah, dass die Bilder auch wirklich zu leben beginnen. Es entsteht der Eindruck, man könne die Geschehnisse nicht nur sehen, sondern auch regelrecht hören und riechen.

Worauf man schaut

Der Übergang zwischen Erzählen und Wahrnehmen verwischt in „Wir, im Fenster“ auf mehrerlei Weisen.

Inhaltlich beschreibt die Autorin, wie sich Persönlichkeit und Identität junger Menschen entwickeln, wie sie ein „Wir“ definieren. Wer sich „im Fenster“ verortet, ahnt zumindest, dass das Wahrgenommene lediglich ein Ausschnitt ist aus einer viel weiteren Wirklichkeit. Auch Linn scheint das zu ahnen.

Vielleicht geht es nicht darum, etwas Bestimmtes zu zeigen, sondern darum, alles andere zu verbergen; eine dieser Wahrheiten, die man im Nachhinein zu verstehen glaubt, und ich gehe nicht so weit, mir einzubilden, es sei die einzig mögliche.

"Wir, im Fenster", S. 171

Der Titel von Lene Albrechts Roman hat geradezu metaphorischen Charakter: „Wir“ provoziert etwa potenziell eine Identifikation. Wer sind „wir“? Und „im Fenster“ kann offensichtlich jemand zu sehen sein – jemand wird gesehen. Diese Person kann aber genauso gut hinausschauen. Auf beiden Seiten des Fensters reicht es, mit einem einzigen Wimpernschlag den Fokus zu verstellen -plötzlich ist da ein Spiegelbild. Sind das "wir"?

Lene Albrecht jedenfalls gelingt es, spielerisch zwischen Hinausschauen, Hineinschauen und Sich spiegeln zu changieren. So entsteht ein geradezu immersives Leseerlebnis; das Virtuelle wirkt real. Hier zeigt sich ein Stück Literatur, das den Unterschied von Buch, Hörspiel und Film infragezustellen, wenn nicht gar aufzulösen vermag.

Den Beitrag zum Nachhören gibt es hier.

Eine Rezension von Frauke Siebels
Rezension Lene Albrecht
 

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Frauke Siebels
18.09.2019 - 12:34

„Wir, im Fenster“ von Lene Albrechtist am 13.09. im Aufbau-Verlag erschienen.
Das Buch hat 223 Seiten und kostet 20 ,- €.