Zuschauereffekt

Ich sehe was, was du auch siehst

Ein Unfall auf der Autobahn. Notruf. Kurze Zeit später Blaulicht. Je spektakulärer eine Situation, desto mehr Menschen finden sich oft am Ort des Geschehens ein. Hilfe leisten sie nicht. Wie kommt es, dass sich Menschen ansammeln, aber nicht helfen?
Zuschauermenge
Zuschauerwaden

Mit dem normalen Menschenverstand ist das so eine Sache. In einer Notsituation, so sagt er, ist prinzipiell Hilfe zu leisten. Doch wer tatsächlich als unbeteiligte Person in eine solche Situation gerät, handelt dann häufig (ganz) anders. Insbesondere wenn sich nach und nach weitere Personen ansammeln.

Allein der außergewöhnliche Charakter des Ereignisses veranlasst Menschen dazu, Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Sobald allerdings eine gewisse Gefahr im Verzuge ist, können Zuschauende zu einem Problem werden. Professionelle Rettungskräfte etwa sehen sich in solchen Situationen gezwungen, Schaulustige nachdrücklich zum Weitergehen aufzufordern.

Schaffen statt Gaffen

Katrin Siebels ist Rettungssanitäterin und trifft bei ihren Einsätzen immer wieder auf Menschenansammlungen. In der Regel verhalten sich die Zuschauenden passiv, berichtet sie. Manchmal lenkten allerdings laute Rufe oder sogar aufdringliches Verhalten wie etwa Filmen von der primär wichtigen Behandlung des Patienten ab. Das sei sehr unangenehm.

Allerdings gibt es auch Menschen, die bereitwillig sind, ihre Hilfe anzubieten, beispielsweise bei ortsbezogenen Fragen oder bei zeugenartigen Aussagen, zum Beispiel zum vorherigen Geschehen des Unfalls.

Katrin Siebels, Rettungssanitäterin

Selbst einzugreifen, scheint unterdessen für die meisten Menschen keine Option zu sein. Woran das liegt, weiß Professor Doktor Immo Fritsche. Er lehrt Sozialpsychologie an der Universität Leipzig und erklärt die Einflüsse der menschlichen Psyche auf das Handeln oder eben Nicht-Handeln.

Wahrnehmen, Erkennen, Denken, Handeln

Sobald ein Ereignis Aufmerksamkeit auf sich ziehe, gehe es zunächst darum, den Hilfebedarf in der Situation zu erkennen. Wichtig sei, dass mögliche Betroffene, Hilfesuchende auf sich aufmerksam machen und signalisieren, dass sie Hilfe benötigen.

Also das ist tatsächlich gar nicht so trivial, dass diese erste ­Stufe erst mal überwunden werden muss.

Prof. Dr. Immo Fritsche, Sozialpsychologe

Ist klar, dass Hilfe benötigt wird, stellt sich für die Anwesenden die Frage, ob man grundsätzlich irgendetwas tun kann. Lautet die Antwort Ja, richtet sich dieselbe Frage an die einzelne Person. Kann sie selbst etwas tun? Das heißt, ist sie in der Lage, in der konkreten Situation Hilfe zu leisten? Selbst wenn auch diese bejaht wird, folgt daraus nicht zwingend eine entsprechende Handlung. An dieser Stelle spielen die sogenannten Kosten eine Rolle, die ein Eingreifen mit sich bringen könnte. Sie sind materieller, körperlicher oder auch sozialer Natur, erläutert Immo Fritsche. Das bedeute möglicherweise eine Blamage im Falle eines scheiternden Interventionsversuchs. Der Wissenschaftler spricht von Bewertungsangst.

Also, das heißt, verschiedene Kosten, die dann aufgewogen werden müssen gegen den Nutzen eines möglichen eigenen Eingreifens, möglicherweise gibt es sogar Anreize, also dass ich weiß: ,Oh, andere würden mich jetzt bewundern oder würden das befürworten, wenn ich da einschreiten würde‘; dann steigt eben die Wahrscheinlichkeit, dass ich auch Hilfe leiste.

Prof. Dr. Immo Fritsche, Sozialpsychologe

 

Ich würde ja helfen, ABER...

Gründe, sich gegen das Helfen zu entscheiden, gibt es viele. Zeitnot und Bedenken, etwas falsch zu machen sind nur zwei davon. Ausreden, die für Rettungssanitäterin Katrin Siebels nicht zählen. Sie betont,

dass jeder Ersthelfer Gutes tut und niemals für die vermeintlich schlechte Qualität seiner Maßnahmen oder eine nicht optimale Reihenfolge der von ihm unternommenen Schritte belangt werden würde.

Katrin Siebels, Rettungssanitäterin

In der Tat beeinflusst aber auch die Anwesenheit anderer Personen die Entscheidung. In der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen „bystander“- oder auf Deutsch „Zuschauereffekt“. Er besagt, dass die Anzahl von Anwesenden die Wahrscheinlichkeit, dass Einzelne helfen, tatsächlich reduzieren kann. Auch die Zeit, die verstreicht, bis irgendjemand hilft, werde länger, je mehr potenzielle Hilfeleistende da seien, merkt der Sozialpsychologe an.

Dafür hat die Forschung im Wesentlichen drei Erklärungen gefunden. Neben der bereits erwähnten Bewertungsangst steht die sogenannte pluralistische Ignoranz. Sie kommt in dem Prozess zum Tragen, eine Notsituation als solche zu erkennen, berichtet Immo Fritsche. Unsere verlässlichste Informationsquelle in solchen ambigen sozialen Situationen sei für gewöhnlich das Verhalten anderer. Das heißt, dass zunächst niemand handele, sondern erst mal schaue, was die anderen Anwesenden machten.

Da aber jeder schaut, wird dann eben oft der Schluss gezogen: Kann ja nicht so schlimm sein, scheint keine Situation zu sein, bei der es von mir verlangt wäre, einzugreifen.

Prof. Dr. Immo Fritsche, Sozialpsychologe

Der dritte Faktor, der eine Ansammlung mehrerer Zuschauender in genau dieser Rolle verharren lässt, heißt Verantwortungsdiffusion. Gemeint ist der Gedanke, dass anstelle der eigenen Person ebenso gut jemand anders eingreifen könnte. Schließlich sind ja noch so viele andere anwesend.
An einsamen Orten ist die Wahrscheinlichkeit, Hilfe zu finden –entgegen unserer Alltagsintuition- demnach nicht zwingend geringer als an belebten.

Mut zur Lücke

Katrin Siebels rät zur mutigen Initiative. Wer etwa an eine Unfallstelle komme, sollte zumindest die eigene Hilfe anbieten. Denn selbst wenn Rettungskräfte vor Ort seien, kann unter Umständen eine weitere helfende Person entscheidend oder zumindest hilfreich sein, der man noch eine Aufgabe geben könne. Man habe einfach noch zwei Hände mehr.
Auch Immo Fritsche kennt Situationen, in denen zwar viele Menschen anwesend sind, der Zuschauereffekt aber trotzdem ausbleibt oder sich sogar umkehrt. Wie Studien zeigen, ist dies der Fall, wenn die Anwesenden sich als eine Gruppe erleben bzw. auch Gemeinsamkeiten mit dem Opfer sähen.

Da kann sich das dann tatsächlich umdrehen, also dass hier die Zahl der Anwesenden dann eher die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Einzelne auch eingreifen.

Prof.Dr. Immo Fritsche, Sozialpsychologe

Wer sich dafür entscheidet, kann jedenfalls bei allen Unwägbarkeiten der Situation im Grunde nichts falsch machen. Schließlich gilt nur die unterlassene Hilfeleistung als Vergehen. Jeder Versuch, zu helfen, darf hingegen als gelebte Zivilcourage anerkennt und gewürdigt werden –unabhängig von Zuschauerinnen und Zuschauern.

Ein Beitrag von Frauke Siebels
BmE Zuschauereffekt
 

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Frauke Siebels
17.09.2018 - 10:20