Theaterrezension: Copy & Waste

Ich sag’s dir durch die Blume

Das Schauspiel Leipzig hat mit dem Kollektiv „Copy & Waste“ im Petersbogen eine Performance rund um die domestizierte Flora auf die Beine gestellt. Am 8. April hatten sie vorerst ihre Dernière.
Fast wie Kino, nur ungemütlicher: der Zuschauerraum des "Little Shop of Flowers" im Petersbogen.
Fast wie Kino, nur ungemütlicher: der Zuschauerraum des "Little Shop of Flowers" im Petersbogen.

Ungewöhnliches Setting

Ein leerstehender Laden im Leipziger Petersbogen, innen vorwiegend weiß und futuristisch eingerichtet. Auf dem Boden befinden sich schräge Rückenlehnen, an welchen das Publikum Platz nehmen soll. Über den Lehnen befinden sich verstellbare Leinwände. Sobald sich jeder in die fast liegende Position begeben hat, kommen Mitglieder des Kollektivs und verteilen warme, feuchte Tücher zum Reinigen von Gesicht und Händen. Es wird eine Art Wellnessatmosphäre geschaffen. Dann wird jeder Gast gebeten, an Kabeln befestigte Sensoren an die Schläfen zu kleben, um am von Copy & Waste erdachten Programm „GME“ teilzunehmen.

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Was machen wir, wenn Natur in ihrer komplexen Biodiversität für unseren Organismus im Lebensraum Stadt nicht ausreichend verfügbar ist?

Wenn unsere körpereigenen nature parts nicht ausreichend aktiviert werden und durch mangelnden Zugang zur Natur verkümmern?

Copy & Waste – Little Shop of Flowers

Kein Ort der Ruhe

Die ungemütliche Position und der penetrante Farbgeruch im Raum wollen nicht ganz zur Wellnessatmosphäre passen, aber gerade dieser Kontrast ist spannend, denn: Die Inszenierung dreht sich um den Garten, einen Ort künstlich geformter Natur. Little Shop of Flowers philosophiert eine Stunde lang über die „Natur“ des Gartens – zugleich eine Selbstverständlichkeit, als auch ein Paradoxon.

Livevideo im Theater funktioniert doch nie… oder?

Die Performance hat vorwiegend ein einziges Medium: Eine durchgängige Videoinstallation an den oben befestigten Leinwänden, in ihrer wundervollen Komposition scheinbar komplett vorproduziert, aber in großen Teilen live aus dem namensgebenden „Blumenladen“ im Hinterzimmer aufgenommen. Wie bestehendes Videomaterial mit Liveperformance verflochten wird, lässt das Publikum staunend zurück. Die Bilder visualisieren eine anregende Textcollage zu Mensch und Natur, welche so reich an Gedankengängen und Anstößen ist, dass man beim Zuschauen und –hören kaum mit dem Verarbeiten hinterherkommt. Beispielsweise, wenn Copy & Waste versuchen, das Phänomen „Urban Gardening“ zu ergründen.

1: Mann, Ich liebe Geschichten! Zum Beispiel die Geschichte der Rettung der Welt durch neue Gärten oder besser noch: durch Urban Gardening.

2: Mitten in der Stadt, im Herzen der CO2-Ausstöße und der manischen Depression, die uns alle, die wir uns Menschen nennen, endgültig befallen hat.

3: Und da nichts depressiver ist, als vor Depressionen zu fliehen, schlagen wir Wurzeln!

Copy & Waste – Little Shop of Flowers

Oder aber, wenn sie die „Unnatürlichkeit“ der menschlichen Zivilisation hinterfragen. Was unterscheidet den Termitenbau von der Großstadt? Warum sehen wir letztere nicht als Teil der Natur an, den Termitenbau oder das Vogelnest aber schon? Die Menge an Fragen, diese inhaltliche Dichte lässt die knappe Stunde länger wirken, als sie tatsächlich ist. Zugleich kommt dabei aber auch alles andere als Langeweile auf, weil sie so abwechslungsreich und unterhaltsam gestaltet wurde.

So klingt die Welt der Wurzeln

Ein Schlüsselelement zur (durchaus gleichwertigen) Unterstützung der Videoinstallation ist die Musik von Kriton Klingler-Ioannides und Laura Landergott. Den Soundtrack zu Little Shop of Flowers haben die beiden Künstler größtenteils selbst komponiert und produziert, auch wenn man beim Lauschen gar nicht glauben mag, dass diese düsteren, basslastigen Elektropop-Tracks noch nicht ganz oben in den Charts zu finden sind. Nach der Inszenierung hofft man auf jeden Fall, dass sie bloß bald veröffentlicht werden mögen. Landergott und Klingler-Ioannides performen die Songs sogar live, ihre gesangliche Leistung bleibt durchgängig fehlerfrei. Unterstützt wird die Musik von einer umwerfenden Soundkulisse, welche äußerst präzise ihren Weg bis in die letzten Fasern der (Resonanz-)Körper des Publikums findet.

Fazit

Little Shop of Flowers von Copy & Waste und dem Schauspiel Leipzig überrascht unvoreingenommene Gäste mit einer körperlich wie auch geistig unkomfortablen Inszenierung. Im besten Sinne, denn während man beim Blick auf die Leinwand unangenehm den Kopf verdreht, werden auch wenig gestellte, unangenehme Fragen aufgeworfen – und genau so soll es doch sein, das Theater am Puls der Zeit. Dabei sind viele Aspekte der Textcollage auch gar nicht mal so aktuell wie das Thema Urban Gardening, sondern beeindruckend zeitlos zusammengestellt. Antike und moderne Metropole verlieren dabei völlig ihre historische Distanz. Bilder und Klänge greifen hier im Petersbogen bestmöglich ineinander und entführen das Publium in die Gedankenwelt des Kollektivs, welches sich ihrer bedient. Erfreulich und zugleich bedauerlich: Jeder der Aufführungstermine war ausverkauft und nur eine sehr begrenzte Zahl an Terminen war angesetzt. Beendet wird die Kooperation am 13. April mit einer öffentlichen Party inklusive „Live-Musik und DJ-Sets im temporären Little Shop of Flowers.“ Bleibt zu hoffen, dass diese wundervolle Inszenierung nicht ohne weitere Aufführung bleibt und noch viel Aufmerksamkeit bekommt!

 

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Maximilian Enderling
08.04.2018 - 19:59
  Kultur