M19 mit Herbert Feuerstein

"Ich habe nie einen Witz gemacht!"

Journalist, Satiriker, Fernsehentertainer: Herbert Feuerstein ist kaum in einem Wort zu fassen. Wie man Chefredakteur wird, was er von Jan Böhmermann hält und wovor er am meisten Angst hat - all das verrät er bei uns im langen Interview.
Herbert Feuerstein auf Zehenspitzen neben mephisto 97.6-Moderator Alexander Moritz. Der Größenunterschied täuscht.
Herbert Feuerstein auf Zehenspitzen neben mephisto 97.6-Moderator Alexander Moritz. Der Größenunterschied täuscht.

Herbert Feuerstein blickt zurück auf ein bewegtes Leben. Kaum hat man diesen Satz gesagt, widerspricht er schon: "Das hört sich an wie ein Nachruf. Ich lebe noch!" Dabei hat er die Steilvorlage für den Rückblick selbst gegeben: im vergangenen Jahr veröffentlichte er im Alter von 77 Jahren seine Autobiografie. Unterhaltsam, abwechslungsreich und überraschend ehrlich berichtet der umtriebige Feuerstein von Begegnungen mit der Schriftstellerin Elfriede Jellinek im legendären Wiener Kaffeehaus Hawelka und wie zwei Ohrfeigen seiner Karriere als Musiker ein frühes Ende gesetzt haben. Im langen Interview gibt er Einblicke in ein Leben, lange bevor er als Chefredakteur der deutschen Ausgabe des MAD-Magazins und später an der Seite von Harald Schmidt einem breiten Publikum bekannt wurde.

 

Ein Mann, neun Leben

Seine Karriere beginnt als Musikstudent am renommierten Mozarteum in Salzburg. Doch schnell merkt der junge Feuerstein, dass ihm wohl das nötige Talent fehlt, um am Cemballo, Klavier oder als Komponist wirklich zu brillieren. Geplagt von Selbstzweifeln beginnt er, für verschiedene Zeitungen Konzertkritiken zu schreiben. Eine davon wird ihm schließlich zum Verhängnis: Weil er eine Aufführung seines Professor verreißt, legt die Hochschulleitung ihm nahe, sein Studium vorzeitig zu beenden. Feuerstein zieht es nach Wien, wo er vor allem eines tut: "kreatives Gammeln."

Ich war ja "Künstler". Und unter diesem Verdacht, eventuell Künstler sein zu können, habe ich mich durchgeschummelt und einfach so drei Jahre in Wien verbracht, hauptsächlich im Café Hawelka.

Herbert Feuerstein

Das "Gammeln" zahlt sich aus: In Wien knüpft er die Kontakte, die ihm erlauben nach New York zu gehen. Dort arbeitet er zehn Jahre lang als Korrespondent für deutsche Zeitungen.

Herbert Feuerstein spricht bei M19 unter anderem über seine Studienzeit in Salzburg.
Herbert Feuerstein spricht über seine Studienzeit in Salzburg.

Dass Herbert Feuerstein sich in der Folge zu einem Meister der absurden Komik entwickelt hat, liegt nicht zuletzt an seiner Jugend. Das Verhältnis zu seinen Eltern und Erwachsenen überhaupt war für den jungen Herbert Feuerstein schwierig. Seine Eltern waren aktive Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei - wie so viele andere in der damaligen Nazihochburg Salzburg, wo Feuerstein 1937 geboren wurde. Was der Vater während des Krieges in Jugoslawien genau getan hat - Herbert Feuerstein wollte es nicht wissen. Sein Weg, mit den Verbrechen der Elterngeneration umzugehen, wurde der Humor. Und der wirkt bis heute.

Eine alte Schullehrerin hat mir als Abschiedsgeschenk ein Packen Hitlerbilder geschenkt, damit ich das nie vergesse. Die habe ich als Andenken aufbewahrt. Ich hoffe, bei mir wird nicht eines Tages eine Razzia gemacht und alle denken dann: ah, der Feuerstein war ein Nazi.

Herbert Feuerstein

Neben dem Humor ist Feuersteins große Leidenschaft die Musik. In den vergangenen Jahren hat er als Moderator durch die Konzertabende bekannter Orchester geführt. In zahlreichen Fernsehsketchen ist er immer wieder selbst als Musiker aufgetreten. Die Begeisterung für die Musik fand einen frühen Höhepunkt während seines Studiums, als er es schaffte, das von ihm heiß verehrte Modern Jazz Quartet zu einem Konzert nach Salzburg einzuladen.

Herbert Feuerstein spricht bei M19 über das Verhältnis zu seinen Eltern.
Herbert Feuerstein spricht bei M19 über das Verhältnis zu seinen Eltern.

Einem breiten Publikum bekannt wurde Herbert Feuerstein durch seine Fernsehauftritte. Von 1990 bis 1995 stand er zusammen mit Harald Schmidt für die Sendung "Schmidteinander" vor der Kamera. Schmidt als Showmaster und Feuerstein als sein Prügelknabe. Diese Hassliebe sondergleichen brachte einige Sternstunden der deutschen Fernsehunterhaltung hervor. Nachtragend ist Feuerstein nicht.

Er hat mir jede Angst vor dem Publikum genommen, weil schlimmer als mit Schmidt kann es nicht sein

Herbert Feuerstein

Was er in den über zwanzig Jahren zuvor als Chefredakteur der deutschen MAD ausprobieren konnte, brachte Feuerstein jetzt auf den Fernsehbildschirm: grenzenloser Ulk, großformatig inszeniert mithilfe der Gebührengelder des WDR. Da kam das komplette Rundfunkorchester ins Studio, nur um in der Sendung ein einziges Wort einzusingen.

Herbert Feuerstein spricht bei M19 unter anderem über seine Zeit im Fernsehen.

Auch nach der Zeit mit Harald Schmidt blieb Feuerstein dem Fernsehen treu. Mehrmals räumte der WDR sein Nachtprogramm frei und machte daraus "Feuersteins Nacht". Der sendete zwölf Stunden live aus seinem Schlafzimmer. "Fast schon Konzeptkunst", findet Feuerstein. Und ein Ausdruck seines Credos: Man darf sich bloß nicht zu ernst nehmen. Und ohne mit der Wimper zu zucken fügt er hinzu: "Ich habe nie einen Witz gemacht!"

 

 

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Alexander Moritz
04.03.2015 - 19:57
  Kultur

Die Musik zur Sendung:

 

"La Ronde, Part 3 (Vibraphone)" von The Modern Jazz Quartet erinnert Herbert Feuerstein an ein Konzert in einem Salzburger Studentenlokal. Er hatte es geschafft, die vier Musiker für ein Konzert zu gewinnen.

 

"Die Geschichte der Chormusik" von Christoph Küstner brachte Herbert Feuerstein im Herbst 2011 ins Leipziger Gewandhaus: er moderierte, gesungen hat aber die meiste Zeit der Gewandhauschor.

 

"Die Fledermaus (Ouvertüre)" von Johann Strauss II. In den 90er Jahren spielte Feuerstein in einer Inszenierung der bekannten Operette an der Leipziger Oper den Amtsdiener Frosch und rettete die Oper gerade so vor einem Skandal.