Antisemitische Tendenzen im Deutschrap

Ich hab ja nichts gegen Juden, aber ...

In einer zerfahrenen Welt ist die Suche nach einfachen Erklärungen reizvoll. Vielleicht ist das der Grund, warum Verschwörungstheorien und einfache Feindbilder so beliebt sind. Auch im Deutschrap wird die Problematik in letzter Zeit diskutiert.
Mauer im al aida Camp
Der Nahostkonflikt übt eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf viele deutsche Rapper aus

Ich hab ja nichts gegen Juden, aber euch gehört doch die Welt. Was sollst denn da drauf antworten? Ne gehört uns nicht. Was hab ich davon? Ich hab ne 50qm Wohnung und zahl Steuern. Wie du zahlst Steuern? Ja, natürlich zahl ich Steuern. Ich dachte, Juden müssten in Deutschland keine Steuern zahlen, wegen dem Holocaust. Sowas krieg ich zu hören in der Rapszene. Von Leuten, die eigentlich ziemlich intelligent sind.

Ben Salomo, jüdischer Rapper 

Damit verkündet Ben Salomo wenig später das Ende des Battle-Formats „Rap am Mittwoch“ und seinen Rückzug aus der Rapszene. Weil ihm der Antisemitismus in der Musikrichtung zu groß geworden sei. Neu sind die Vorwürfe nicht. Die Presse in Deutschland kritisiert antisemitische Tendenzen in der Musikrichtung seit Jahren. Dabei beziehen sich viele Journalisten allerdings meist auf immer die selben drei oder vier Textstellen. Etwa die Aussage des Offenbacher Rappers Haftbefehl aus einem frühen Song, in dem es heißt, er ticke „Kokain an die Juden von der Börse“. Weiter geht die Auseinandersetzung mit antisemitischen Tendenzen in der Szene meist nicht.

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Die Psychologie der Straße

Um die Problematik richtig zu verstehen, ist es jedoch unabdingbar, sich zunächst der Psychologie von Gangsta-Rap und Battle-Rap bewusst zu werden. So arbeiten die Strömungen etwa seit jeher mit klar verteilten Kategorien von Gut und Böse. Der Musiker nimmt die Rolle des Außenseiters ein, der sich einer Gesellschaft gegenübersieht, die ihm ablehnend bis feindlich begegnet und gegen die er sich beweisen muss. Problematisch wird dieses Schwarz-Weiß-Denken oft dann, wenn der Musiker sich daran macht die Welt zu erklären. Wohin die klare Aufteilung in „Gut“ und „Böse“ dann im schlimmsten Fall führen kann, beweist der Song „Contraband“ der Rapper Fard und Snaga.

Anonym und Unbekannt, kontra Staat und kontra Bank Die Konterhand kommt jetzt von Snags, der Kontra-Kommandant Der Kombattant bleibt aggressiv und pro Beef, pro "Fuck the Police" Kontra Peace, kontra Tel Aviv Pro Freiheit, kontra Politik Kontra Abu-Ghuraib, kontra Parasit USA und Drohnenkrieg Kollektiv, kontra Bilderberger, Volksverräter, Hintermänner Und ja, pro Todesstrafe für Kinderschänder

Rapper Fard und Snaga, Song "Kontraband"

Der Nahostkonflikt als Obsession

Im Text kommen zwei der beliebtesten Steckenpferde vieler Deutschrapper vor: Der Nahostkonflikt und die angeblichen geheimen Eliten an der Spitze der Gesellschaft. Der zerfahrene Nahostkonflikt scheint auf deutsche Rapper geradezu eine Sogwirkung auszuüben. Für Marcus Staiger, Journalist und ehemaligen Chef des Labels „Royal Bunker“, gibt es gar eine „geradezu fetischhafte Beschäftigung mit dem Nahost-Konflikt“. Man könnte auch von einer Obsession sprechen. Für die meisten, die sich zu dem Thema äußern, sind Gut und Böse in diesem Konflikt klar verteilt. Während Palästina leidtragende Figur im Spiel der Mächte ist, wird Israel als finsterer Unterdrücker dargestellt, dem jedes Verbrechen zuzutrauen ist. Eine weitere Rolle in diesem Konflikt fällt den USA zu, welche im Deutschrap fast schon traditionell das Feindbild des imperialistischen, aus Profitsucht handelnden Westens verkörpern.

Gefährlich wird die Dämonisierung Israels vor allem dann, wenn sie mit Verschwörungstheorien verbunden wird. So äußert sich etwa Rap-Urgestein Afrob in einem Interview auf der Seite Rap.de wie folgt über die Situation im Gaza-Streifen:  

Dass da Kinder und Familien beim Schlafen oder Grillen am Strand getötet werden, einfach umgebracht, das zeigt man hier gar nicht. Das muss doch mal einer sagen können, ohne dass du Antisemit bist. Was soll ich denn, als Afrikaner sagen, wenn mir einer von sechs Millionen ermordeten Juden erzählt? So what? Sklaverei?! Wie viele Leute sind dabei draufgegangen?! Stehen wir jetzt etwa unter Denkmalschutz?

Afrob, Rapper

Im gleichen Interview äußert Afrob zudem Ängste, vom Mossad ermordet zu werden, wenn er zu viel von der vermeintlichen „Wahrheit“ preisgebe.

Und dass kein Deutscher sich traut, das so zu schreiben, kann ich schon nachvollziehen, aber es muss auch mal gesagt werden und ich sage es. Das ist mir auch egal, wenn dann der Mossad kommt und irgendwo in Berlin eine U-Bahn entgleist. Die machen so was, glaub mir(...) Wenn man viel Druck gegen Israel macht, muss man aufpassen. Und das ist nur die Hälfte von dem, was ich dazu zu sagen hätte.

Afrob, Rapper

Wie tief antiisraelische und antisemitische Ressentiments in den Köpfen vieler Rapper verankert sind, zeigt sich deutlicher als in den Texten selbst oft in Interviews und in den sozialen Medien. So teilte etwa der Rapper Massiv auf seiner Facebook-Seite ein Bild, das klar die These vertritt, der IS werde in Wahrheit von den USA und Israel gelenkt.

Fehlgeleitete Sozialkritik

Hip Hop ist als Musikrichtung für Sozialkritik fast schon prädestiniert

In einer zerfahrenen und intrasparenten Welt ist die Suche nach einfachen Erklärungsmustern durchaus verständlich. Diese sind in manchen Kreisen im Hip-Hop mittlerweile aber so verbreitet, dass sie kaum noch hinterfragt werden. Sie bestärken die Vermutung, dass es im Deutschrap in den letzten Jahren, statt um tatsächlich erlebtes soziales Unrecht, immer öfter um gefühlte Wahrheiten geht.

Verpackt wird das Ganze als Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Ähnlich wie Punk ist Hip-Hop eine Musikrichtung, die für Sozialkritik eigentlich prädestiniert ist. Sprachlich arbeitet die Kunstrichtung dabei seit jeher mit Provokationen und Überspitzungen. Das Aufbäumen gegen Obrigkeiten war immer eine der großen Stärken des Genres. Anstatt soziale Missstände anzuprangern, wird sich vielerorts aber lieber an einem abstrakten und imaginierten Feind abgearbeitet. Und der ist leider in den letzten Jahren allzu oft der jüdische Banker an der Wall Street, der an der angeblichen Weltverschwörung arbeitet.

Hinzu kommt, dass bei vielen deutschen Rappern eine große Medienskepsis herrscht. Angebliche Verbrechen Israels scheinen oft sogar glaubhafter zu wirken, wenn über diese in den großen Medien nicht berichtet wird. Gemäß der Überzeugung, so etwas würde einem die Presse aus politischen Gründen eben einfach nicht erzählen. Wenn es um den Nahostkonflikt geht, kommen bei vielen muslimischen Rappern die Erfahrungen gesellschaftlicher Ablehnung und einer in Teilen anti-islamischen Medienberichterstattung hinzu.

Ein gesamtgesellschaftliches Phänomen

Natürlich existiert Hip Hop nicht in einem isolierten Raum. In der Kunstform manifestieren sich gesellschaftliche Misstände und Probleme. Für Marcus Staiger drückt sich gar das "kollektive Unterbewusstsein der Gesellschaft" in der Musikrichtung aus. In einem Interview mit der Welt aus dem Jahr 2014 hat sich Haftbefehl von früheren als antisemitisch kritisierten Texten distanziert und diese mit seiner Sozialisation erklärt.

Ich bin unter Türken und Arabern aufgewachsen. Da werden Juden nicht gemocht. Es gibt ja auch keine dort. Ich will Ihnen verraten, wie ein 16-jähriger Offenbacher tickt: Für den ist alles, was mächtig ist und reich, aus seiner beschränkten Sicht jüdisch.

Haftbefehl, Rapper

Haftbefehls Aussage scheint zunächst in das gesellschaftliche Narrativ eines aus arabischen Ländern importierten Antisemitismus zu passen. Dieses greift allerdings nicht nur zu kurz, es ist schlichtweg falsch. Genauso wie Antisemitismus im öffentlichen Leben ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, kommen antizionistische und antisemitische Tendenzen auch im Deutschen Rap nicht nur aus einer Richtung.

Kollegah in einem gemieteten Auto
Macht durch fraghafte Aussagen von sich reden. Der selbst ernannte "Boss" Kollegah

Die Beispiele von Kollegah und Snaga zeigen zudem, dass antisemitische Tendenzen nicht einfach mit fehlender Bildung erklärt werden können. Beide haben Abitur gemacht und studiert. Kollegah erweckt ohnehin schon lange das Gefühl, er habe sich in der faschistoiden Übermenschenästhetik der eigenen Kunstfigur verloren. Erst vorige Woche zeigte der Musiker in einem Interview nun, dass er aus der Debatte um seinen Echoauftritt und aus seinem öffentlichkeitswirksamen Auschwitz-Besuch nichts gelernt hat. Auf der Plattform hiphop.de vergleicht er die israelische Siedlungspolitik mit dem Holocaust. 

 Sagen wir, wie’s is. Wenn du nach Palästina gehst und dich da stark für die unterdrückte Minderheit der Palästinenser einsetzt, in nem Gebiet, wo im Prinzip genau das Gleiche passiert, was bei uns mal passiert ist, in Deutschland, nämlich während des Holocaust ...

Kollegah, Rapper

Auch wenn gerade Kollegah vornehmlich sehr junge Fans hat, muss man den Konsumenten eine gewisse Reflexion zuerkennen. Die Zeiten, in denen Glaubwürdigkeit das höchste Gebot im Straßenrap war, sind vorbei. Hip-Hop ist eindeutig eine Kunstform, in der längst der Unterhaltungsfaktor im Vordergrund steht. Die wenigsten Fans dürften glauben, dass Kollegah oder Haftbefehl in ihren Texten reale Erlebnisse erzählen.

Der Offenbacher Rapper Haftbefehl
Haftbefehl distanziert sich von früheren Texten, erwähnt in seinen Texten aber nach wie vor gerne die "Rothschild-Theorie"

Trotzdem ist gerade die oft unterschwellige, aber beständig wiederholte Thematisierung von Verschwörungstheorien alles anderes als ungefährlich. Man kann das als Stilmittel oder Provokation abtun. So oder so ist es reichlich problematisch, wenn Rapper wie Olexesh oder Haftbefehl in ihren Texten fast beiläufig immer wieder Begriffe wie "Bilderberger" oder "Rothschild-Theorie" fallen lassen. Wenn Fans im Internet nach diesen Begriffen suchen, finden sich zahlreiche Videos, die überzeugend behaupten, diese Gruppen würden die Welt regieren.

Fehlender Widerstand aus der Szene

Problematisch ist aber nicht allein, dass es antisemitische Erklärungsmuster gibt, die Welt zu deuten. Problematisch ist vor allem, wie unwidersprochen diese in der Szene oft bleiben. Wenn in Interviews antizionistische oder antiamerikanische Aussagen getätigt werden, widersprechen Hip-Hop Journalisten diesen zu oft nur zögerlich oder gar nicht. Im angesprochenen Kollegah-Interview fühlt sich Interviewer Toxik zwar ersichtlich unwohl mit Kollegahs Holocaust-Vergleich, widerspricht aber nicht:

Ja … Die Gleichsetzung ist halt immer so hart, ne?

Toxik, Hip-Hop Journalist

Später übernimmt er dann sogar den von Kollegah benutzten Begriff des Völkermords für die Politik Israels im Gazastreifen. Gerade in einer so emotionalen Debatte ist es wichtig, nicht durch falsche Begrifflichkeiten Hass zu schüren. Dies gilt umso mehr für eine so populäre Figur des öffentlichen Lebens wie Kollegah, der eine Vorbildfunktion für seine oft jungen Fans hat.

Äußerungen in Interviews und sozialen Medien zeigen, wie tief antisemitische Anschauungen im Hip-Hop verankert sind. Es geht um wesentlich mehr, als nur ein paar geschmacklose und provokante Textzeilen. Immer wieder eine angebliche jüdische Weltverschwörung zu thematisieren, schürt antisemitische Ressentiments. Eigentlich müsste sich dagegen Widerstand aus der Szene selbst formieren. Leider ist das bis lange noch viel zu wenig der Fall.

 

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