Filmrezension: Paddington 2

Ich glaub, mir wurde ein Bär aufgebunden

Der kleine Dufflecoat und Schlapphut tragende Kultbär mit Vorliebe für Orangenmarmelade ist zurück auf der großen Leinwand. Unvorstellbar eigentlich, dass jemand nach Filmende den Kinosaal verlässt, ohne dass es ihm oder ihr warm ums Herz ist.
Picturesque wie aus einem Wes Anderson Film: Lange können die Knastbrüder Paddingtons Herzensgüte nicht widerstehen.

Der liebenswerte und eingebürgerte Neu-Londoner Paddington (in der deutschen Synchro mit viel Wärme von Elyas M’Barek gesprochen) ist mittlerweile zu einem vollwertigen Mitglied der Familie Brown herangereift. Weder aus seinem Zuhause noch aus der Nachbarschaft ist die Frohnatur wegzudenken − sehr zum Leidwesen vom selbst ernannten Ordnungshüter Mr. Curry (Peter Capaldi), der keine Gelegenheit auslässt, gegen ihn Stimmung zu machen.

Anlässlich zum 100. Geburtstag seiner Adoptivtante will Paddington ihr etwas ganz Besonderes schenken. Da scheint er in einem Antiquitätenladen das ideale Präsent gefunden zu haben: ein wunderschön illustriertes Pop-up-Buch über London. Einen Haken gibt es: Das Bilderbuch ist sündhaft teuer. Kurzerhand beschließt der tollpatschige Bär ein paar Jobs anzunehmen, um das nötige Geld zu beschaffen. Auf einem historischen Jahrmarkt trifft Paddington auf den zwielichtigen und in Vergessenheit geratenden Ex-Schauspieler Phoenix Buchanan (Hugh Grant). Als eines Nachts ins Antiquitätengeschäft eingebrochen und das Buch entwendet wird, ist Paddington Hauptverdächtiger und wandert deswegen ins Gefängnis...

Perfekter Familienfilm für die Adventszeit 

Regisseur Paul King ist in Co-Produktion mit Drehbuchautor Simon Farnaby ein seltenes Kunststück gelungen: „Paddington 2“ übertrumpft seinen ohnehin runden Vorgänger um den Umfang eines Marmeladenglases. Die Filmemacher peppen ihr altbewährtes Erfolgsrezept mit einigen erfrischenden Ideen auf. So weist er dieselbe stilistische Machart wie der Erstling von 2014 auf, steht aber trotzdem auf eigenen Beinen.

Die − nach Hollywood-Maßstäben der akkordartigen Sequelproduktion (siehe „Star Wars“-Franchise) − ungewöhnlich lange Pause zwischen den aufeinanderfolgenden Filmen hat sich voll ausgezahlt: Die Story ist mitreißend und bewegend, lieb gewonnene Charaktere werden plausibel weiterentwickelt und das Timing für Situationskomik ist wieder einmal großartig. Brüllend komisch anzusehen ist beispielsweise ein Ausflug in einen Friseursalon, in dem Aushilfskraft Paddington erwartungsgemäß einiges an Chaos anrichtet. Einen Running-Gag bilden die im Film auftauchenden, veralteten Telekommunikationsmittel, die viel zum nostalgischen Look beitragen: Eine rote Telefonzelle passt eben besser ins Klischee und sieht auch schicker aus als ein Smartphone. Keineswegs überraschend, steckt doch die Produktionsfirma der „Harry Potter“-Filme hinter dem Projekt.

Denkwürdiger Auftritt von Hugh Grant 

Für die Fortsetzung konnte wieder die Crème de la Crème der britischen Schauspielerriege gewonnen werden. Als Szenendiebe erweisen sich aber zwei illustre Neuzugänge: Der Ire Brendan Gleeson spielt mit viel Elan einen griesgrämigen Gefängniskoch, den Paddington erfolgreich aus der Reserve lockt. Ein echter Besetzungscoup ist dem Casting-Director aber mit Hugh Grant gelungen. In der Rolle des selbstbezogenen, chamäleonartigen Möchtegern-Theaterstars Buchanan darf er sein eigenes Image genüsslich durch den Kakao ziehen. Da stört es auch nicht, dass sich die Autoren bei der Figurengestaltung offenbar bei Pixars „Toy Story 2“ und Prof. Gilderoy Lockhart aus „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ bedient haben. Sie entwickeln genügend interessante Facetten von Buchanan, die besonders eingefleischte England-Fans zum Schmunzeln bringen dürfte. Auch wenn Grants Filmantagonist ziemlich überdreht agiert, ist er immer noch glaubwürdiger und weniger angsteinflößender (für die jüngsten Kinozuschauer) als Nicole Kidmans Bösewichtin aus dem letzten Teil.

Wie, dieser Bär ist nicht echt? 

Als größte Pluspunkte erweisen sich trotzdem die detailversessenen Sets und Kostüme, eine kreative Inszenierung und herausragend gute CGI-Effekte. Nicht nur der knuddelige Teddy-Bär wurde wieder in aufwendigen Verfahren animiert. „Paddington 2“ strotzt nur so vor visuellen Einfällen: Das gipfelt in einer Kinomagie beschwörenden Augenöffner-Sequenz, in der Paddington seine Tante durch zum Leben erweckte Buchillustrationen führt. Selten wurden die Londoner „Hot Spots“ so zauberhaft-geistreich auf die Leinwand gebannt. In puncto Farbgebung, Symmetrie und Bühnenhaftigkeit scheinen sich die Verantwortlichen außerdem einiges von Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ (Stichwort: die Farbe Bonbonrosa) abgeschaut zu haben.

Berührende Message

Neben zahlreichen Referenzen auf Filmhistorie und Theater, die die älteren Zuschauer freuen wird, weiß auch die zeitlose Filmbotschaft zu überzeugen. Erörterte das Erstlingswerk Themen wie Toleranz und Inklusion anhand eines Einwandererschicksals, ist die Fortsetzung weniger politisch geraten. Nichtsdestotrotz erinnert sie daran, wie viel Gutes ein herzlicher, offener und hilfsbereiter Umgang untereinander zutage fördert. Es wäre der Filmreihe zu wünschen, dass sie sich einen Status als moderne (Weihnachts-)Klassiker erarbeiten kann. Quasi eine britisch-pazifistische Antwort auf John Hughes Kult-Film „Kevin - Allein Zu Haus“.

 

Fazit

Insgesamt bietet „Paddington 2“ absolut hochkarätige Familienunterhaltung voller Witz und Charme − für Kinder und für "Das Kind in sich bewahrende Erwachsene" (lange Zeit ein Alleinstellungsmerkmal der Pixar-Schmiede). Es empfiehlt sich zudem, nicht direkt nach der Schlussszene aus dem Kinosaal zu rennen. Sonst verpasst man die köstliche Post-Credit-Szene eines herbeigesehnten Auftritts in ungewöhnlicher Kulisse.

Die Audio zum Beitrag gibt es hier:

Der Radiobeitrag von Karen Müller
PADD 2 Radiobeitrag für Onliner
 

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Paddington 2:

Kinostart: 23.11.2017

FSK: 0

Laufzeit: 104 Minuten

Regie: Paul King

Cast: Hugh Bonneville, Sally Hawkins, Hugh Grant, Brendan Gleeson, Ben Whishaw und andere