Depression im Winter

"Ich fühle mich wie ein Stück Dreck"

Im Winter ist es morgens oftmals so kalt und grau, dass man am liebsten Bett liegen bleiben würde. Doch die Wenigsten tun es wirklich. Aber was passiert, wenn man tatsächlich so niedergeschlagen ist, dass man gar nicht mehr aufstehen kann?
Depressionen
Depressionen haben mehrere Gesichter

Innere Leere und kolossale Einsamkeit

In Deutschland leiden etwa 4 Millionen Menschen an Depressionen, bei Frauen wird die Krankheit zweimal häufiger diagnostiziert als bei Männern. Die 30-jährige Sonja ist eine von ihnen. Sie trägt ihr Haar dreifarbig und hat mehrere Piercings im Gesicht. Sie wirkt locker und erzählt lebhaft. Dabei gibt sie nicht gerade das stereotype Bild der zurückgezogenen und hoffnungslosen Pessimistin ab. Denn oft hat man genau dieses Bild vor Augen, wenn man an die Krankheit Depression denkt. Obwohl Betroffene häufig mit Vorurteilen zu kämpfen haben, spricht Sonja ganz offen über ihre Erkrankung. Manchmal plagen sie Gedanken wie:

Du bist ein Stück Dreck. Du kannst nichts. Du bist nichts. Du wirst nie was erreichen. Egal, was du machst, du wirst nie so gut sein wie die Anderen.

Sonja, 30 Jahre, Betroffene von Depressionen

Im Allgemeinen zählen innere Leere, ständige Grübelei, Angst, Schlaf- und Konzentrationsstörungen zu den Symptomen depressiver Menschen. Abhängig vom Schweregrad kann die Krankheit sich so stark auf das Leben der Betroffenen auswirken, dass  die Alltagsbewältigung zeitweise unmöglich wird. So erging es Ida schon einige Male. An manchen Tagen steht sie gar nicht erst auf und auch die innere Leere erlebt sie in depressiven Phasen. Hinzu kommen ekstatischer Serienkonsum, Panikattacken und soziale Phobien. Wenn sie sich in Gesellschaft befindet, fällt es ihr teilweise schwer, mit Menschen in Kontakt zu treten.

Diese kolossale Einsamkeit schwebt dann einfach die ganze Zeit über dir.

Ida, 24 Jahre, Betroffen von Depressionen

Eine lebensgefährliche Krankheit

Im schlimmsten Fall können Depressionen bis zur Selbstverletzung oder sogar zum Suizid führen. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gibt es etwa 150.000 Suizidversuche jährlich. Professor Ulrich Hegerl ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung und betont:

Insofern ist es schon mal auch aus diesem Grund wegen der Suizidgefährdung eine lebensgefährliche Erkrankung. Aber auch unabhängig davon ist es so, dass die Lebenserwartung beim Menschen mit einer Diagnose Depression im Schnitt um etwa 10 Jahre reduziert ist.

Prof. Hegerl, Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Eine Ursache dafür ist beispielsweise, dass Depressive öfter an körperlichen Erkrankungen leiden. Aber auch die Suizidneigung spielt dabei eine Rolle.

Winterdepression ist nicht gleich Depression

In der kalten Jahreszeit ist oft die Rede von einer Winterdepression. Professor Dr. Hegerl grenzt diese allerdings von Depressionen ab, die unabhängig von der Jahreszeit auftreten.

Depressionen gibt es mehr oder weniger das ganze Jahr über. Im Winter gibt es noch die sogenannte Winterdepression oder der Fachausdruck ist auch die saisonal abhängige Depression.

Prof. Hegerl, Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Bezeichnende Kriterien der saisonal abhängigen Form sind beispielsweise ein gesteigertes Schlafbedürfnis im Vergleich zum Sommer und Heißhunger, während Betroffene einer saisonal unabhängigen Depression meist nicht richtig schlafen können und keinen Appetit haben.

Auch Ida und Sonja nehmen abhängig von der Jahreszeit Gefühlsunterschiede wahr. Paradoxerweise geht es Ida im Winter sogar besser. So stellt sie fest:

Im Winter bin ich irgendwie aktiver.

Ida

Im Sommer bestünde laut Ida ein größerer Druck durch die Erwartungshaltung anderer, die bei gutem Wetter weniger Verständnis für schlechte Laune oder den Rückzug in die eigenen vier Wände aufbrächten.

Depressionen verlaufen ganz unterschiedlich

Im Allgemeinen sind Verlauf und Ausprägung einer Depression so verschieden wie die Betroffenen selbst.

Es ist für jeden anders. Es gibt so viele Faktoren.

Sonja

Das verdeutlicht auch Idas Beispiel. Obwohl die 24-jährige unabhängig von der Jahreszeit schon seit acht Jahren unter Depressionen leidet, schläft sie in depressiven Phasen sogar besonders viel – teilweise bis zu 15 Stunden am Tag.

Depressionen sind behandelbar

Wichtig ist zu wissen, dass Depressionen behandelbar sind. Auch Professor Hegerl meint, der erste wichtige Schritt sei es, zum Arzt zu gehen.

In Abhängigkeit von den Ursachen gibt es unterschiedliche Therapieansätze. Die wichtigsten Säulen der Behandlung sind verschiedene Formen der Psychotherapie und die medikamentöse Behandlung.

Darüber hinaus bleibt Betroffenen aber eine Vielzahl an Möglichkeiten zum Umgang mit der Erkrankung. So bietet sich etwa Lichttherapie an, um die Stimmung in den dunklen Monaten des Jahres aufzuhellen. Aber auch Sport und Meditation können hilfreich sein. Dabei gibt es aber kein Patentrezept. Was den Betroffenen am Ende hilft, ist so individuell wie das Krankheitsbild selbst.

Den Beitrag hören Sie hier:

Ein Beitrag von Lena Hähnchen, Maximilian Hemmann und Michèle Kolmitz über Depressionen.
Bericht über Depressionen

 

 

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Michèle Kolmitz, Lena Hähnchen, Maximilian Hemmann
21.02.2018 - 14:30