Bundestagswahl 2017

"Ich darf wählen, aber..."

In dieser Serie werden eigentlich Menschen vorgestellt, die nicht wählen dürfen. Dabei haben wir uns gefragt, wie Menschen wählen gehen können, die keine Wahlbenachrichtigung bekommen, weil sie auf der Straße leben. Ein Erfahrungsbericht.
Obdachlosentreffpunkt
Bahnhof Westeingang: ein beliebter Treffpunkt wohnungsloser Menschen

Können Obdachlose wählen gehen? Und wenn ja, wie? Um die Antwort auf diese Fragen zu finden, begebe ich mich zum Leipziger Hauptbahnhof. Vor dem Eingang sitzen verschiedene, scheinbar wohnungslose Menschen. Sie bitten die vorbeiziehenden Passanten um ein paar Cent. Ich komme mit ihnen ins Gespräch und lerne Nadine kennen. Nadine ist mir gegenüber aufgeschlossen und erzählt, dass sie schon seit Langem auf der Straße lebt. Genauer genommen in einem verlassenen Haus in der Nähe des Hauptbahnhof.

Ich bin ein Kind der Straße und schlafe hinterm Bahnhof in den Lagerhallen. Ich bin schon seit vierzehn Jahren auf der Straße. [...] Es ist halt ziemlich schwer eine Wohnung zu kriegen.

Nadine

Obdachlose
Nadine

Als ich Nadine frage, ob sie am Sonntag zur Wahl geht, hadert sie. Politik interessiert sie nicht. Wer die AfD ist und wofür sie steht, weiß sie nicht. Trotzdem meint sie schließlich, dass sie wählen gehen wird.

Ich werde mir schon eine Partei aussuchen, die mir passt. Am besten meine.

Nadine

Alles klar. Aber wie will sie das machen frage ich mich. Niemand wird ihr eine Wahlbenachrichtigung in das heruntergekommene Gebäude liefern. Ich sage ihr, dass ich nicht glaube, dass sie wählen gehen kann. Auch nicht, wenn sie ihrer eigenen Partei ihre Stimme geben will.

Gemeldet sein, aber kein Bett haben

Nadine belehrt mich eines Besseren. Sie sei gemeldet sagt sie. Zwar nur postalisch, aber das würde reichen. Und zwar in der "Chopy". Das ist eine Beratungstelle für drogenabhängige Menschen in Leipzig. Es stellt sich heraus, dass die meisten der wohnungslosen Menschen mit denen ich spreche, auch gemeldet sind. Zum Beispiel in der Chopinstraße, wo sich die "Chopy" befindet, in der Diakonie in der Nürnbergerstraße oder im Übernachtungshaus in Leutzsch.

Wie viele Wohnungslose gibt es in Leipzig?

Das Übernachtungshaus wird geleitet von Evelyn Ballock. In einem Telefonat erklärt sie mir, dass die meisten Wohnungslosen in Leipzig melderechtlich registriert sind und ganz normal wählen gehen können. Nur postalisch gemeldet zu sein reicht allerdings nicht. Ich bezweifle, dass Nadine also am Sonntag wirklich ihre Stimme abgeben wird.

Die Zahl der in Leipzig lebenden Menschen, die nirgendwo gemeldet sind ist unbekannt und lässt sich kaum erfassen. Sind es 100 oder 300 oder noch mehr? Auch die Sozialarbeiter mit denen ich mich unterhalte wissen es nicht.

Für diese unbekannte Zahl an Menschen hat Evelyn Ballock im Übernachtungshaus eine Mitteilung ausgehängt. Wer sich mindestens drei Monate in der Stadt aufhält, kann sich im Wahlregister der Stadt Leipzig im Amt für Statistik und Wahlen eintragen lassen und ist dann zur Wahl berechtigt. Evelyn Ballock geht allerdings nicht davon aus, dass dieses Angebot genutzt wird. Niemand hat sich bei ihr erkundigt und die Frist ist mittlerweile abgelaufen.

Hungernde denken nicht ans Wahlbüro

Am Bahnhof lerne ich auch Nancy kennen. Sie ist Ende Mai aus ihrer Wohnung rausgeschmissen worden und seitdem nirgendwo mehr gemeldet. Wählen gehen wird sie nicht, obwohl sie selbst sagt, dass es gut wäre es zu tun, denn ihre Probleme spiegeln ganz direkt Aspekte aktueller sozialpolitischen Debatten wieder. Doch ihre Sorgen lassen zur Zeit keinen Raum für politische Meinungsbildung.

Wo hilft der Staat mir. Wo ist da die Hilfe. Wenn ich als Hartz-IV-Empfänger immer unter der Grenze stehe, unter dem Strich. Immer als allerletztes zähle. Wo bin ich dann? Ich bin dann kein Mensch mehr. Ich bin der letzte Abschaum der Nation. Mein Kind hat keinen Kitaplatz bekommen, weil ich Hartz-IV-Empfängerin bin. Was kann mein Kind dafür, dass ich keinen Job bekomme, dass ich Hartz-IV-Empfängerin bin.

Nancy

Nancy ist wütend. Auf die Politik. Auf das System. Auch auf sich selbst. Doch trotzdem hat sie ein gewisses Vertrauen in die Politiker. "Irgendwie geht's ja immer weiter", sagt sie. Doch wer wofür steht, was die Linken fordern und was die CDU, das ist weit weg von ihrer Lebenswelt. Es geht um ganz andere Dinge in Nancys Leben.

Es geht hier um grundlegende Sachen. Um Essen und Schlafen. Und nicht wie die Rente in zwanzig Jahren aussieht. Mich interessiert das heute und jetzt.

Nancy

Als ich den Bahnhof mit einem Kopf voll schwerer Eindrücke wieder verlassen will kommt mir Daniel Reichenbach aus der Gruppe der Wohnungslosen entgegen. Da er neugierig ist  schildere ich ihm mein Anliegen. Er geht am Sonntag wählen. Gemeldet ist er in der Diakonie. Zurzeit schläft er in der Sparkassenfiliale in Taucha. Wen er denn wählen möchte, frage ich ihn.

Ich wähle die CDU. Ich wähle die Frau Merkel. Weil die Frau Merkel ist für mich eine sympathische Frau und die weiß auch was sie macht.

Daniel Reichenbach

Da ist sich Daniel Reichenbach ganz sicher. Dann erzählt er mir dass er seit zwei Jahren vergeblich eine eigene Wohnung sucht. Er hat sich damit abgefunden.

Die Informationen können Sie auch noch mal im Beitrag von mephisto 97.6-Redakteur David Seeberg nachhören:

Ein Beitrag von David Seeberg.
2109 Obdachlose wählen
 

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